Sa

01

Nov

2014

Nachlese einer erinnernswerten Diskussion

Nachlese einer erinnernswerten Diskussion

Vom heißen Oktober über die Großdemo auf dem Alex zum Fall der Berliner Mauer

(29.10.2014 Rathaus Berlin-Mitte; mit Jens Reich, Norbert Gansel und Gert Weißkirchen, moderiert von Johann Legner)

Was die Zahlen angeht, nebenbei eine Diskussion, die uns nicht gut zu Gesicht steht, hat gestern auch Jens Reich nochmal sehr erhellendes gesagt. Er meinte, dass jeder, der laufen konnte in Berlin zu dieser Demo gekommen sei. Und er sprach glaubhaft davon, dass die Leute bis zum S-Bahnhof Marx-Engels-Platz gestanden hätten, das sind m.E. anderthalb km. Aber wie gesagt, das ist eine unsägliche Diskussion. Wer hat denn ein Interesse daran, dass Leipzig und Berlin jetzt plötzlich versuchen, sich gegenseitig den jeweiligen Rang abzusprechen, und sich kleinzumachen. In dieser Diskussion liegt kein Segen.

 

Jens Reich hat gestern Erstaunliches gesprochen. Er sprach frei, fast ein halbe Stunde, so war mein Gefühl, und drückte sein ganzes Lebensgefühl aus, was sehr beeindruckend war, und sprach dann noch davon, dass dieser 4.November für ihn der schönste Tag seines Lebens in der DDR gewesen sei, während die Zeit in der DDR Blues war. Der hätte mit dem Mauerbau begonnen, und dem schalen Selbst-Vorwürfen, die Gelegenheit die DDR zu verlassen, nicht genutzt zu haben. Ich kann das nicht alles wiederholen. Ich würde seine Stimmung und seine Botschaft auch nicht richtig treffen.

 

Was die Demo vom 4.11.  angeht, meinte Jens Reich, dass sie von den Historikern als unbedeutend eingruppiert worden sei. Das stimme so nicht, aber da kann man nichts machen, meinte Reich. Und dann erzählte er, wie er sie empfunden hätte. Das sei eine Theaterinszenierung gewesen, ganz so geplant und auch durchgeführt. Ein antikes Theaterstück, wo jeder seine Rolle hat, die Redner, unterschiedlicher Couleur und das Volk, der antike Chor in den antiken griechischen Theaterstücken. Und die hätten eben jeden Redner entsprechend begleitet und kommentiert. Das war für Jens Reich Demokratie. Er wisse natürlich, dass Demokratie so nicht sein könne, da brauche es Strukturen und Organisation, aber dennoch: Hier konnte jeder reden, hier hat jeder geredet, und hier ist er entsprechend kommentiert worden. Ich hatte überhaupt nicht den Eindruck, dass Zweistaatlichkeit für Jens Reich das bestimmende Element war. Er meinte, damals sei das einfach nicht das Thema gewesen. Er sprach hier als zeitzeuge, sehr authentisch, und überzeugend. Und ich hatte außerdem das Gefühl, dass Jens Reich sich hier die Seele freisprach. Man muss ihn gesehen haben, wie er redete, überhaupt niemanden mehr wahrnahm aus dem Publikum, sich das Recht nahm, endlich zu sagen, was er hier vielleicht immer schon mal sagen wollte. Er hat danach auch nicht noch mal das Wort ergriffen. Das Publikum hat ihn stark applaudiert.

 

Niemand muss sich seiner Meinung anschließen. Aber das  Authentische seiner Aussage, das kann man wohl anerkennen.

 

Es war ein sehr breites Meinungsspektrum auf dem Podium. Das war schwer zu moderieren. Da ich Johann Legner ja kenne, wusste ich, dass er es sich mit dieser Moderation nicht leichtmachen würde. Manchen im Publikum hat er nicht gefallen. Aber diese vier Leute, die er zu moderieren hatte, die ließen sich nicht führen. Die redeten was sie wollten, und da kamen ja viele Gefühle hoch.

 

Gansel vor allem schilderte sein Verhältnis zu Ostdeutschland, ich hatte das Gefühl, er wollte sich den Leuten bekannt machen. Beide, Weißkirchen und Gansel distanzierten sich in aller Deutlichkeit von der Deutschlandpolitik ihrer Partei aus der zeit vor und um 89. Deutlicher kann man es gar nicht sagen. Weißkirchen sagte, Bahr habe seine Fehlwahrnehmung und seine falsche Politik bis heute nicht korrigiert. Und Gansel meinte, dass es uns, also der SDP zu verdanken sei, dass die West-SPD nicht völlig neben der Spur gewesen sei. "Aus der Zeit gefallen" haben beide, wer es genau war, weiß ich nicht mehr, ich glaube Gansel war es, ihre Partei damals wahrgenommen.

 

Nun war der gestrige Abend natürlich keine SPD-Veranstaltung. Mein Vortrag aber war das. Ich habe meine Sicht auf die damaligen Ereignisse noch niemals so deutlich akzentuiert, wie in diesem Vortrag. Man konnte vom Publikum nicht erwarten, dass es diese Sichtweise teilt. Die Kritik, die dann auch kam, u.a. von Hildebrandt, noch mehr von Christian Sachse, war völlig ok. Ich meine, die unterschiedlichen Sichtweisen gehören alle zusammen. Aber wir müssen unsere SDP-Leistung nicht mehr verstecken. Die SDP hat ein Schlüsselrolle gespielt für Beginn und Verlauf der friedlichen Revolution, und das sollten wir auch sagen.

 

In meinem Vortrag sind Sachen drin, darauf hätten Vertreter der DDR-Opposition noch viel neuralgischer reagieren können, als sie es gestern getan haben. Vielleicht haben sie es auch gar nicht richtig wahrgenommen.

 

Dass das Podium ausuferte, habe ich auch wahrgenommen. Aber letztlich ist das nicht das schlechteste Zeichen, denn wie gesagt, hier kam viel zusammen, was in einem Podium nur ganz schwer zusammengehalten werden kann. Auch 25 Jahre danach sind wir noch nicht in der Lage, den ganzen Bogen dieser Zeit aufzuspannen, ohne uns gegenseitig zu überfordern. Das braucht noch viele Gespräche und viel Zeit.

 

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