Hajo Schubert ist tot

Mein Freund Hajo Schubert ist gestorben. In Dresden, alleine, wahrscheinlich einsam, vielleicht sogar verbittert.

Heute morgen erfuhr ich die Nachricht. Sie hat mich nicht überrascht. Er war krank, aber er machte immer den Eindruck, nicht totzukriegen zu sein.

Wann er gestorben ist, weiß ich nicht. Wo er beerdigt ist, weiß ich auch nicht.

Er war mir ein Gefährte in meinem Wahlkreis, und dort in meiner SPD. Er blieb das, als ich mich von meiner SPD dort schon lange und immer noch mehr entfremdet hatte. Er war einer der wenigen meiner Genossen, oder besser meiner Freunde in der SPD (eine paradoxe, aus der Zeit gefallene Anrede; denn so nannten wir uns in der Ost-SPD immer, weil wir das Wort Genosse wegen der SED-Erfahrung nicht ausstehen konnten), mit dem mich eine in der Tat echte Freundschaft verbunden hat.

Hajo Schubert hatte Format. Er war der Geschäftsführer des Industriedenkmals „Kraftwerk Plessa“. Dies war ein Projekt der IBA „Seenlandschaft“, welche zu dem Zweck geschaffen worden war, die gewaltige Landschaftsumgestaltung der Niederlausitz in Südbrandenburg nach 1990 mit Ideen und Innovationen zu beliefern. Ihr wurden auch einige Industriedenkmale zugeordnet, u.a. das Kraftwerk Plessa, das nach der Wende aufgehört hatte zu arbeiten.

400 Menschen standen hier in Lohn und Brot. Die Gemeinde Plessa lebte davon. Jeder dritte hatte seinen Job dort. Jetzt sollte das Kraftwerk abgerissen werden. Achim Weinhold und die Plessaer SPD wollten das nicht. Ihnen war der Erhalt des alten Bauwerks zu verdanken, dass inzwischen vor sich hin gammelte. Die IBA sollte dafür sorgen, dass hier wieder Leben einzog.

Niemand bei der IBA hatte eine Vorstellung davon, wie das funktionieren konnte.

Hajo Schubert, ein Westberliner Gewerkschafter war auf irgendeine geheimnisvolle Weise zur IBA nach Großräschen gelangt. Diese übertrug ihm nun die schwierige, anderen unlösbar scheinende Aufgabe.

Wenn einer das meistern konnte, dann Schubert.

Ich lernte ihn beim Schröder-Besuch 1999 an der F60, dem sogenannten „liegenden Eifelturm“ kennen. Dort erschien eine Delegation vom Kraftwerk Plessa und demonstrierte, lautstark und mit Transparenten versehen.

Den örtlichen Honoratioren war das ein Dorn im Auge. Die Region wollte sich dem Kanzler präsentieren, ihre Schönheiten zeigen, glänzen. Schubert wollte Fördermittel für sein Kraftwerk. Das vertrug sich nicht. Schubert war erfolgreich. Dem Kanzler war er aufgefallen, Schröder sprach mit Schubert, kurz, 5 Minuten. Das reichte. Schubert hatte seine Unterstützung. Schröder hatte seinen Auftritt. Die Leute Achtung.

Doch den örtlichen Honoratioren war das irgendwie peinlich. Trotzdem. Wie eine moderne Demokratie funktioniert wußten sie nicht, und wollten es nicht wissen. Vielleicht fehlte ihnen einfach selbst nur die Courage für derlei Aktionen. Mir zumindest war die Scheu davor nicht fremd, weil ich sie bei mir selber spürte.

Schubert brauchte etliche Millionen € für das Kraftwerk. Durch diese Aktion hatte er sich die Türen für die ersten davon geöffnet.

Danach irgendwann lud er mich ein. Ich hatte nichts davon gehalten, das Kraftwerk zu erhalten. Abreissen das Ding, war meine Einstellung. Doch das Ding war imposant. Die Hallen herrlich groß. Als ich das erstemal im diesem riesigen ausgeräumten Kraftwerk stand, dieser besonderen Ästhetik, mit ihrer besonderen Geschichte spürte ich die Aura dieses Gebäudes. Und ich hatte sofort die Idee, hier einen Flügel reinzustellen. „Kein Problem!“, meinte Schubert.

Der verbreitete Zuversicht. Die gab es damals in Ostdeutschland nicht eben häufig.

Schubert lud mich häufig ein. Ich mußte dort reden halten. Das übte ich zwar regelmäßig, konnte es aber noch lange nicht gut genug, dass ich nicht jedesmal vorher Ängste ausstand.

Schubert holte sich Leute ran, ABM-mer und Ehrenamtliche. Die waren mit großem Eifer bei der Sache.

Er holte Veranstaltungen, Sport, Kultur, Gesellligkeit. Er installierte Ausstellungen. Er machte Veranstaltungen. Die ehemaligen Mitarbeiter kamen, etwas skeptisch zuerst, und schauten sich ihre alte Wirkungsstätte an, wo sie einen Teil ihres Lebens verbracht hatten, wo sie ihre eigene Geschichte, und die ihrer Region erlebt hatten. Das Kraftwerk PLessa ist ein Symbol für die Lausitzer Industriegeschichte, die für weit mehr als nur ihren Niedergang zu DDR – Zeiten stand.

Jedesmal wenn ich nach Plessa kam, wurde mir der aktuelle Stand der Umwandlung des Kraftwerks in ein Industriedenkmal vorgeführt. Gewaltige Beträge schienen dafür nötig zu sein. Nur einen Teil davon hatte Schubert. Doch die setzte er so ein, dass man jedesmal das Gefühl eines großen Fortschrittes spürte.

Schubert machte mich zum Schirmherrn des Kraftwerks. Das schmeichelte mir. War ich noch nicht gewesen. Ich kriegte eine gute Presse. Schubert einen Fürsprecher.

Wenn Hajo Schubert mir erzählte, wie er die weitere Sanierung voran treiben wollte, verstand ich meist kein Wort. Gelernt, den Dingen auf den Grund zu gehen, bohrte ich so lange, bis ich eine Vorstellung davon bekam, was er machen wollte. Manches blieb im Vagen. Das machte nichts, solange die Fördermittel flossen. Denn das bedeutete Arbeit und Beschäftigung, und das bedeutete Leben am Hofe des Kraftwerkes.

Die Fördermittel kamen, aber sie flossen zu langsam. Denn die Mittel gingen aus. Ostdeutschland rückte aus dem Fokus des bundesdeutschen Interesse. Die Länder blieben alleine mit ihren Regionen. Sie mußten sparen. Die Quellen versiegten. Schubert blieb unverdrossen. Immer sah er noch einen Weg. Er schien Recht zu haben. Ich konnte helfen, nicht durch meine Tat, sondern mehr durch meinen Ruf. Meine Tat brauchte er nicht, erzählte er mir im letzten Jahr. Es hätte gereicht, wenn er auf mich verwiesen hätte. Ganz besonders deutlich sei das gewesen zu meiner Zeit als Staatssekretär. Für ihn wäre ich das gerne länger gewesen.

Bei meinen vielen Gesprächen mit ihm stellte ich eine Verwandtschaft im Geiste fest. Schubert sah unsere moderne, offene Gesellschaft, und insbesondere ihre demokratischen Institutionen genauso nüchtern wie ich. Er wußte, wie sie funktioniert, und was man tun mußte, wenn man etwas haben wollte.

Ihm gegenüber wirkten die Repräsentanten der örtlichen Institutionen wie Aschenputtel. Ängstlich und autoritätsfixiert. Es machte mir großen Spaß gemeinsam mit Schubert darüber zu lästern.

Schubert fühlte sich wohl in Plessa. Es war sein Zu Hause. Er residierte im ehemaligen Kampfgruppenblock, ein Zweistöcker-Plattenbauwerk, hinten auf dem Kraftwerksgelände in den späten 80-Jahren von der DDR errichtet. Schubert hielt dort Hof. Die Leute mochten ihn. Besonders seine Mitarbeiter ließen nichts auf ihn kommen.

Ich konzertierte dreimal in Plessa. Zweimal mit Martin vierhändig, bei einer politischen Veranstaltung und bei einem eigenen Konzert. Und ich machte mit Sokrates einen Liederabend. Schubert hatte extra den großen Flügel aus dem Kulturhaus von Plessa, mit einem Kran in das Kraftwerk hieven lassen. Alle Konzerte waren ein großer Erfolg. Die Gemeinde Plessa hat das nicht interessiert. Sie war pleite und verkaufte den Flügel.

Sorgen machte mir die langfristige Perspektive des Industriedenkmals Kraftwerk Plessa. Es sollte sich aus eigenen Mitteln finanzieren. Das erschien mir utopisch. Besonders die im Kraftwerkskonzept fixierte Vorstellung des Industriedenkmals als Campus für Start-Ups und sich entwickelnde kleine Unternehmen waren ein Produkt von Unwissen und Unvermögen. Ein Start-Up braucht ja viel, aber keine Industrieruine. Dieser Teil des Kraftwerkskonzept war ein Potjomkin. Insofern die Landesministerien das akzeptierten, als sie die Fördermittel für die Sanierung des Kraftwerks bewilligte, mag dieser Potjomkin seinen Zweck erfüllt haben. Als Teil eines Zukunftskonzeptes aber war es blanke Illusion. Doch davon hing die mittelfristige Finanzierung ab. Die war nicht gesichert. Als die Fördermittel verbaut waren, flossen auch keine Verwaltungsmittel mehr. Die ABM liefen aus; auch Schuberts Geschäftsführergehalt.

Jetzt wohnte er auch im Kraftwerk. Er lebte von Arbeitslosengeld. jeder andere wäre weggegangen. Schubert blieb. Das Kraftwerk war seine Heimat geworden.

Schubert hatte immer Feinde. Solange er die Fördermittel ranschaffte, hielten sie sich im Hintergrund. Jetzt aber sank sein Stern. Schubert kämpfte dagegen, so lange er konnte. Er war krank. Er war nicht immer da. Er hatte kaum noch Unterstützung. Zum Schluß blieb er ganz allein.

Ich war in dieser Zeit schon gar nicht mehr Abgeordneter. Mich hatten Depressionen erfasst, aus den unterschiedlichsten Gründen, über die hier gar nicht zu reden ist. Aber mit Schubert konnte ich darüber sprechen. Ich besuchte ihn regelmäßig, meistens spät abends, wenn kein anderer mehr auf dem Hofe war. Wir hechelten unsere SPD durch, die lokale Politik, ich erzählte von meinen Krankheitsphasen, er manchmal von sich. Ich freute mich jedesmal auf diese Besuche, und kam manchmal auch spontan. Schubert war nicht immer da.

Er entwickelte jetzt auch andere Züge, die ich vorher nicht an ihm wahrgenommen hatte. Er wurde scheu. Ich lud ihn manchmal ein zu meinen Brainstorming-Runden „Neue Horizonte“ mit Sokrates Giapapas. Er sagte immer zu. Doch kam er nur ein einziges Mal.

Schubert war auch der Vorsitzende der Plessaer SPD. Unter ihm erlebte sie noch einmal einen kleinen Aufschwung. Auch neue Mitglieder. Einst hatte die Plessaer SPD gute Zeiten erlebt, tolle Wahlergebnisse. Sie stellte sogar eine Landtagsabgeordnete. Das war das Potential aus der Zeit der friedlichen Revolution. Doch mit der Deindustriealisierung der DDR und ganz besonders der Niederlausitzer Region setzte eine gewisse Hoffnungslosigkeit, Resignation ein. Es waren nicht nur die Mühen der Ebene, die die SPD meistern mußte, sondern die Herausforderungen einer strukturschwachen Region, die ihre Zukunft nur mit einer bedingungslosen Modernisierung hätten meistern können. Sie ist daran gescheitert. Die Mitglieder drifteten ab, zogen weg, organisierten sich im Karnevalsverein, bei den Kaninchenzüchtern. Die Wahlergebnisse verschlechterten sich. Die CDU machte das Rennen. Eine alte Blockflöte nahm der SPD den Wahlkreis weg. Der Plessaer SPD fehlte nicht nur die fortune, sondern auch noch das Handwerk.

Schubert hatte das. Er konnte Pressemitteilungen aus dem Stehgreif formulieren. Er konnte Kundgebungen organisieren. Er organisierte den Kampf gegen Rechts. Er holte Leute ran, Minister, Staatssekretäre. Er war eine Führungsfigur. Schubert wollte nicht Chef der Plessaer SPD werden; er wurde es, weil ihm das Herz blutete.

Die Ortsvereinssitzungen waren lebendig, aber sie wurden vom Absturz der Kraftwerkssanierung überschattet.

Am Ende hatten sich auch die SPD-Honoratioren von ihm abgewandt. Die Gemeinde traute ihm nicht mehr. Es kamen noch mal Fördermittel, doch sie liefen nicht durch seine Hand. Irgendjemand hatte das Ding hinter seinem Rücken gedeichselt. Es war wohl auch von einer Anzeige die Rede.

Da verließ Schubert den Hof des Kraftwerks Plessa.

Er zog zu seiner neuen Freundin nach Dresden. Schubert hatte eine Ehe in den Sand gesetzt. Er hatte mehrere Freundinnen gehabt, alle sympathisch; aber selten lange. Er hatte eine Tochter, die ich nur einmal gesehen habe.

Schubert war krank. Er ließ sich Bad Saarow therapieren. Aber er wurde nicht mehr gesund. Sein inneres Format hatte sich eine entsprechende Statur zugelegt. Auch äußere Stärke. Aber er war viel zu dick. Seinem Herzen hat das nicht gutgetan.

Einmal habe ich ihn in Dresden besucht. Er war glücklich. Unsere Unterhaltung lebendig. Ich versprach wieder zu kommen. Ich habe mein Versprechen nicht gehalten. Er hat sich, wie das seine Art war, privat nie von sich aus gemeldet. Immer nur, wenn es ums Kraftwerk ging.

Jetzt scheint er einen dritten Herzinfarkt gehabt zu haben.

Schubert ist nicht gescheitert. Er hat Spuren hinterlassen. Aber er hat auch Samen sähen wollen, die niemand haben wollte. Er konnte die Hoffnungen der Leute nicht erfüllen, weil sie ihn zwar verehren, aber nicht von ihm lernen wollten. Er war ein Westberliner Gewerkschafter, eine stattliche Figur, die einer Gemeinde in Plessa zu Leben verholfen hat. Wie das Leben jetzt dort weitergeht, müssen andere entscheiden.

Sein Tod stimmt mich traurig.

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Kommentare: 2
  • #1

    Martina Rönsch (Sonntag, 11 Januar 2015 19:37)

    Danke, Stephan. Ich habe Ha-Jo geliebt, mich mit ihm gestritten, von ihm getrennt, wieder mit ihm versöhnt. Dass ich ihn nun für immer verloren habe, kann ich noch gar nicht glauben. So bleibt auch mir nur die Trauer und das Bewusstsein, dass einer, der mich stark geprägt hat, von mir, von uns gegangen ist.

  • #2

    Herr Schubert (Samstag, 17 Januar 2015 23:58)

    Was für ein tolles Märchen, Herr Hilsberg, das ist ja „Kätpt´n Blaubär“ pur. Diese und andere Märchen hat Hajo nicht nur geliebt er hat sie auch gelebt. Er war ein guter Rethoriker, das stimmt. Aber nur wenn es um sein Wohl ging, die andere Menschen haben Ihm nicht wirklich interessiert. Die hat er vergrault. Daher ist es nicht verwunderlich das er einsam gestorben ist.