Mi

04

Feb

2015

Die andere Geschichte der Ostdeutschen

Man  kann Alltagsgeschichte und Diktaturgeschichte der DDR nicht trennen von einander. Vielzusehr ist auch der Alltag von der DDR als Diktatur geprägt worden.

Das wird deutlich, wenn wir uns mal unsere Geschichte als Geschichte der Ostdeutschen selbst vor Augen führen; 

als Kinder der DDR, lebend in einer Diktatur, ohne ihr entrinnen zu können, die hier leben mußten, an den Verhältnissen kaum etwas ändern konnten, und dennoch versucht haben sich hier zu behaupten. Ob das gelungen ist, darüber traue ich mich kein Urteil zu erlauben. Ich denke immer, dass wir die Diktatur überhaupt überstanden haben, ist eine Riesenleistung gewesen, vielleicht die größte unserer DDR-Geschichte . Dann kann man noch die Geschichte der Überwindung dieser Diktatur erzählen, das ist immerhin eine großartige Geschichte.

Die Westdeutschen haben diese Diktaturerfahrung nicht. Doch die sind nicht das Problem für Ostdeutschland, eher sind sie zum Problem gemacht worden.

 

Das eigentliche Problem sehe ich woanders, und ich sehe es bei den Ostdeutschen selbst.

 

Man darf es nicht auf jene Ostdeutschen einschränken, für die die DDR mehr war, als nur eine Diktatur, die man irgendwie überstehen mussten. Neben der SED sind das auch die Anpassungsapologeten der ehemaligen Blockparteien. Und hierzu zählen leider auch die vielen, die ihre Zukunft in der DDR gesehen haben, und sich eine Alternative kaum vorstellen konnten, und die sich von der SED-Ideologie ganz oder partiell haben anstecken lassen. Deren Milieu produziert Ostalgie, und sie produzieren so eine merkwürdige Art der Abgrenzung von den westlichen Gesellschaften, vor allem von den Westdeutschen.

Das eigentliche Problem aber führt tief in den Alltag Ostdeutschlands hinein. Das kann man erfassen, wenn man sich die Debatten in der DDR vor Augen führt.  Das sind andere Debatten gewesen als im Westen, inhaltlich und formal. Im Westen hat es viele Debatten gegeben, politische, kulturelle, wirtschaftliche, historische und religiöse, die wir im Osten gerade mal wahrgenommen haben.

Was hatten wir im Osten für Debatten, die die im Westen kaum wahrgenommen haben? Prag 68 vielleicht, Sputnikverbot, Weltfestspiele 73, Honecker-Machtübernahme, Biermann-Ausbürgerung, Havemann-Hausverbot, Verstaatlichung, Wohnungsbauprogramm, Plattenbausiedlungen, Perestroika und Glasnost. Schon wenn ich diese Stichworte aufzähle, spüre ich, wie wenig man das eine mit dem anderen vergleichen kann.

Hinzu kommen die vielen Sachen, die nur lokal wahrgenommen wurden, obwohl sie hätten gesellschaftsweit diskutiert werden müssen. Den Zerfall der Städte, die Ausreisebewegung, die rechten Tendenzen, die Ausländerfeindlichkeit, das Baumsterben im Erzgebirge, die Vernichtung der Umwelt durch die Braunkohletagebaue, die Verpestung der Luft bei den chemischen Großbetrieben.

 

All diese Debatten konnten nicht geführt werden, weil die SED das Herausbilden einer öffentlichen Meinung unterbunden hatte.

Dann gab es innerkirchliche Debatten. Dazu gehörten die Friedensdekade, "Schwerter zu Pflugscharen", Gründung des Bundes der ev. Kirchen in der DDR, das Aufkommen der oppositionellen Gruppen, die Friedensbewegung, usw. .

Wer hat den immer größer werdenden technologischen Rückstand der DDR diskutiert? Wer den Niedergang des Maschinen- und Anlagekapitals in der Industrie? Wer die viel zu geringe Investitionsquote? Wer die zu geringen Mieten, und darauf folgenden Niedergangs der Innenstädte? Wer den Niedergang der öffentlichen Infrastruktur?

Die Bevölkerung hat noch die fatalen Auswirkungen der staatlichen Preispolitik im Lebensmittelbereich an einigen ihrer merkwürdigen Auswüchse diskutiert, nämlich dem Umstand, dass Brote an Schweine verfüttert wurden. Sie hat wahrgenommen, dass die von Westdeutschland eingeführten Golfs nicht für 40000 DDR-Mark, sondern nur für 20000 verkauft werden konnten. Sie hat die Privilegien wahrgenommen, die in der Einführung von Volvos, und Citroens zum Ausdruck kamen.

Wer hat die viel zu geringe Bildungsquote, was Abiturienten betrifft diskutiert? Wer hat den Sprachenverlust diskutiert? Wer die Einschränkungen der Allgemeinbildung, die zwar in naturwissenschaftlichen Fächern ein beachtliches Niveau auswies, aber in Sprachen, Geschichte, Philosophie, Wirtschaft und Religion dem Westen rettungslos unterlegen war. Wer hat die Nachteile des Vorenthaltens einer offenen Gesellschaft diskutiert, des Vorenthaltens von Demokratie?

Die Ostdeutschen konnten nichts dafür. Doch sie haben diese Phänomene auch kaum mal wahrgenommen, geschweige denn reflektiert. Der Rückstand gegenüber den westlichen, offenen Gesellschaften war ein Tabu, obwohl er jedem bewußt war.

Das alles ist ein großes Thema. Nur wer sich das vor Augen führt, kann sich z.B. einen Reim auf Pegida und den Erfolg der AfD in Sachsen und Brandenburg machen. Nicht die Westdeutschen haben daran Schuld, es sind die Spätfolgen der SED-Diktatur. Und wer da ran will, muß diese Diktaturerfahrungen thematisieren. Er muß sie benennen, schonungslos einerseits, präzise und nah bei den Menschen andererseits.

 

Es mag sein, dass 25 Jahre nach der friedlichen Revolution eine solche Geschichtsschreibung nicht mehr auf breites Interesse stößt. Doch hier kommt es auf eine längerfristige Perspektive an. Nur wer die Geschichte nicht schönt, wird in der Lage sein, Ostdeutschland auf dem Weg der Modernisierung nach vorne zu bringen. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Juliane Rauprich (Mittwoch, 04 Februar 2015 12:54)

    Dieser Sicht sind viele "followers" zu wünschen! Es sind die Geschichten, die ein Mensch erzählen will und kann, die zu einem wertvollen Stück Geschichte werden. Auch, wenn die Zeitgenossen das mitunter weder sehen können noch sehen wollen.