Di

03

Mär

2015

Gestern bin ich den Brocken hochgestiegen

Schon vor Wochen hatte ich mich dazu entschieden; und mich die ganze Zeit darauf gefreut.


Ich bin mit der Eisenbahn nach Ilsenburg gefahren, und vom Brocken aus auch mit der Bahn nach Berlin wieder zurück.


Ilsenburg ist eine Harzer Fachwerkstadt, in der meine Familie einst Urlaub machte; in dem alten Kloster das ich zuerst aufsuchte. Damals, es mag fast 50 Jahre her sein, gehörte dieses Kloster noch der evangelischen Kirche, wurde ihr aber wenige Jahre später vom Staat abgenommen, aus unterschiedlichen Gründen. Vor allem wollte der Staat wohl nicht, dass die Kirche so nahe der Grenze ein schönes altes Gebäude für unkontrollierbare Urlauber unterhielt. Es war damals schon sehr baufällig. Düstere Gemäuer, die in so merkwürdigem Widerspruch zu seiner Geschichte standen. Ich vermutete das Mittelalter hinter den Steinen und Ecken der Fluren, hinter den Türen und Treppen und fand immer nur evangelisches Milieu, etwas muffig und altmodisch.

Die alte romanische Kirche, damals schwer baufällig, ist heute wieder aufgebaut. Ich nahm mir nicht die Zeit zur Besichtigung. Es war kalt, aber die Sonne schien. Ein wunderschöner Wintertag, fast schon Frühling.


Der Aufstieg zum Ilsestein gelang mir schnell. Die Ilsebaude hatte zu, wegen Baumaßnahmen. Von ferne, schon unter von Ilsenburg her, war der Brocken zu sehen. Er wirkte nicht so wahnsinnig hoch, abgestorbene Bäume gaben ihm von ferne eine graue Färbung.


Hinter dem Ilsestein kam ich an Waldecken vorbei, wo ich mich plötzlich mit meiner Familie einst langwandern und rasten sah. Doch auf dem Brocken waren wir damals nicht. Der Brocken war versperrt, DDR-Grenzanlagen. Seit dem war ich nie wieder hier gewesen. Inzwischen hatten mich die düsteren Gedanken, die ich immer mit mir rumschleppe, verlassen. Und ich begann mich ausgesprochen wohlzufühlen. Lobte den Tag, und die Gegend und meinen Entschluss hierherzukommen.


Nach der Plessenbaude gings über den Schindelsteig zum Weg 55C und 55D, bis zum Brockenbett. Hier wurde es immer schöner. Ich stand plötzlich auf dem Ferdinandstein, und musste an Ferdinand von Schill denken, den alten Preußen. Die Namen rings des Wegs …… Heine hat den Harz ja mal das deutscheste aller Gebirge genannt. Später kam ich dann zu seinem Aufstieg. Doch vorher gings noch den Herrmannstraße entlang. Inzwischen war der Waldboden von Schnee bedeckt. Große eisbedeckte Pfützen säumten den zerfurchten Weg. Ganz sicher war ich nicht, ob nicht die angesagte Schneehöhe von einem Meter oben auf dem Brocken mir einen Aufstieg zu Fuß überhaupt gestatten würden.


Doch am Fuße der Stempelbuche, die ich übrigens nicht zu Gesicht gekriegt habe, stellte sich heraus, dass der jetzt folgende steile Aufstieg, ca. 5,8 km gut zu Fuß zu bewältigen war. Keine Skispuren zu sehen. Nur ein Trampelpfad über verharschten Schnee, manchmal, insbesondere je höher ich kam, schneeverweht, und nicht selten richtig vereist.


Der Aufstieg wurde mir beschwerlich. Ich kriegte Muskelkater in den Kniebeugen, und setzte meine Füße schwer auf. „Kurze Schritt und krumme Knie, da kommste ruff, Du weißt nicht wie“, dieser alte, hilfreiche  Rat meines Vaters klang mir auch diesmal, wie bei jedem Aufstieg wieder im Ohr.


Es wurde immer kälter, und es begann zu schneien. Romantischer gings ja gar nicht. Die Beschilderung dieses „Heine“-Weges, auf dem ich mich hier befand, beendete allerdings die Romantik. Eine touristische Maßnahme; wer darauf reinfällt ? Ich weiß es nicht.


Der Weg wurde länger und länger. Ich musste an mein Alter denken. Es war eine Herausforderung. Ich hatte nicht gefrühstückt und lebte von Imbissbrötchen, die ich mir noch auf dem Bahnhof Friedrichstraße gekauft hatte.


Man ist dann in der Natur. Auch wenn es nur die wenigen Stunden waren. Das war schön. Meine Beine wurden immer schwerer. Wie sagte Hallervorden in „Sein letztes Rennen“, „Nicht stehen bleiben, immer weiter.“


Ich wusste ja, dass die jetzt gefühlte Mühe irgendwann unbemerkt vorbei sein würde.

Aber wann und wie?


Als ich oben war, blieben die Beine schwer. Dagegen half auch das Bier in der unfreundlichen Bahnhofskneipe nicht. Im ICE nach Berlin hatte ich dann den ersten Krampf. Das alles aber konnte diesen Tag nicht trüben. Einfach schön. Ich könnte es immer wieder machen. 

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