Scheiß Falle

Die SED-Diktatur wurde bekanntlich von der DDR-Bevölkerung beseitigt.

Maßgebenden Anteil daran hatten Teile der Oppositionsbewegung in der DDR, deren Ziel es war, in der DDR eine Demokratie nach westlichem Vorbild zu schaffen.

In ihren Augen war die SED die entscheidende politische Kraft in der DDR, die einer Demokratisierung des Landes entgegenstand. Sie war der Gegner, dessen Macht gebrochen werden musste, um wieder Freiheit im Lande einziehen zu lassen.

Man konnte nach erfolgter Demokratisierung der DDR nicht einfach zu einer anscheinend normalen Tagesordnung übergehen, und die ehemalige SED als normalen Wettbewerber im demokratischen Spiel der Kräfte betrachten. Zu groß war das Unrecht, dass die SED in der DDR zu verantworten hatte. Zu hart waren die Folgen, an deren Aufarbeitung und Beseitigung man nun im wieder vereinigten Deutschland gemeinsam gegangen war. Dabei ging es um mehr als nur eine Schamfrist für die ehemalige Staatspartei, sondern um eine Ächtung ihrer totalitären Traditionen.

Dieses Ziel ist nicht erreicht worden. Diejenigen, die sich ihm verpflichtet fühlen befinden sich heute in einer Minderheitenposition. Im politischen Tagesgeschehen stellen sie eine Randgröße dar.

Die DDR wird verklärt, Teile der SED-Nomenklatura sind an der Macht. Die Weichen dafür sind bereits 1989, 90 gestellt worden.

Der Westen hatte daran entscheidenden Anteil. Von Anfang an band er in allen Teilen seines politischen Spektrums die systemtragenden politischen Kräfte der SED-Diktatur in die eigenen Machtstrategien mit ein.

An dieser Stelle gab es keinen Unterschied zwischen dem Bundeskanzler Helmut Kohl und seine Herausforderer Oskar Lafontaine. Und das war nur die Spitze des Eisberges, der im wahrsten Sinne des Wortes die notwendige Aufarbeitung der opferreichen Vergangenheit der SED-Diktatur einfror.

Für unsere Demokratie ist die Auseinandersetzung mit dem totalitären Erbe der Deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts konstitutiv.

Doch die Bundesrepublik ist was die Auseinandersetzung mit der zweiten deutschen Diktatur betrifft einen anderen Weg gegangen, als mit der ersten.

In Sonntagsreden und zu Jubiläumszeiten wird das Hohelied auf die Zivilcourage der ehemaligen DDR-Opposition gesungen. Im politischen Alltag schert sich niemand mehr darum.

Die Folgen sind überall sichtbar. Schwache Parteien in Ostdeutschland, niedrige Wahlbeteiligungen, Pegida, und Legida, die Radikalisierung der AfD, die NPD in den ostdeutschen Landtagen, die offenen Angriffe auf die Asylbewerberunterkünfte in Freital sprechen ihre eigene Sprache.

Und so befinden sich die Aufarbeiter der totalitären, kommunistischen Geschichte Deutschlands heute in einer kleinen Nische, zwar komfortabel eingerichtet, aber wirkungslos. Sie werden belächelt, bemitleidet und zu Zeitzeugengesprächen eingeladen.

Es ist eine Scheiß Falle.


Denn die Demokratie, die wir heute haben, so gut sie sein mag, ist nicht die Erfüllung der Träume der DDR-Opposition, eher eine Art Trauma. Ostdeutschland stellt sich heute provinziell, langweilig, in Teilen trist und autoritätshörig, vor allem aber unsolidarisch dar.


Die Attraktivität der Demokratie hat gewaltig gelitten in den letzten Jahren. Das hat damit zu tun, dass sie selbst ihre Grundwerte: Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit, Verantwortung und Mitmenschlichkeit fahrlässig behandelt hat.

Weder darf vergessen werden, was in der DDR los war, noch in den letzten 25 Jahren.

Doch wer mitreden will, darf sich nicht in der Vergangenheit aufhalten. Er muss sich ihrer bewusst bleiben, aber politische Mitsprache muss das hier und heute  anpacken.

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