Sa

21

Nov

2015

Ich spiele gerne Klavier

Wenn das mit intensivem Musikerlebnis, hoher Konzentration und Voranschreiten verbunden ist. Wenn ich dann anschließend vom Klavier aufstehe, denke ich häufig: „Das hat Spaß gemacht!“


Doch wenn ich später mit etwas Abstand an den geringen Fortschritt denke, an das schmale Repertoire, an den niedrigen Schwierigkeitsgrad, und das was ich alles nicht kann, dann packen mich Anfechtungsgefühle.


Wenn ich übe, denke ich nur selten daran, dass ich vielleicht etwas Besseres zu tun hätte. Meistens ist es umgekehrt. Wenn ich etwas anderes mache, denke ich häufig lieber Klavier spielen zu wollen. Und immer wieder tue ich es auch.


Ich bin nicht zufrieden mit dem Stand meines Klavierspiels. Aber ich bin zufrieden beim Klavierspiel. Eigentlich denke ich das gar nicht, wenn ich spiele. Wenn ich derartiges merke, bin ich eigentlich nicht richtig bei der Sache.


Mich plagen Zweifel angesichts meines pianistischen Niveaus.

Früher habe ich davon geträumt, mal ein großer Pianist zu seien. Das brauche ich heute nicht mehr. Ich flüchte nicht mehr in diese Phantasien. Ich lebe in der Musik. Und mehr brauche ich eigentlich nicht. Ich glaube, das ist Glück. Und ich kann glücklich sein, dass ich diese Momente habe. Das hatte ich in meinen beruflichen Tätigkeiten nicht. Nicht in der Politik, nicht in der EDV. Vielleicht beim Texte schreiben.


Ich wünsche mir aber immer noch, z.B. mal Liszt spielen zu können, oder unbekannte und moderne Werke, und das ganze auswendig. Doch meine tatsächlichen Fortschritte machen mich auch sehr dankbar. Ich hadere nicht mehr mit mir, weil ich, statt mich ums Klavier zu kümmern, Politik, Karriere mache, Geld verdiene.


Ich fühle mich nicht glücklicher als andere Menschen. Ich bin nicht herausgehoben, etwas Besonderes, z.B. besonders begabt. Das spielt für mich alles keine Rolle. Wenn ich Schönheit in der Musik finde, und wenn ich sie weitergeben kann, andere sie auch schön finden, dann ist das etwas, was mir mehr bedeutet, als Karriere, Geld verdienen oder Ehrgeiz.


Es gibt so vieles wichtiges auf der Welt. Mit einigem davon habe ich meine Erfahrungen machen können. Ob Musik wirklich wichtig ist, weiß ich nicht. Ich glaube, das ist kein Kriterium für sie.


All diese Probleme sind nicht theoretisch lösbar. Vor dem tiefen und intensiven Erlebnis in der Musik verblassen sie.

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