Neue Attraktion - Unerhörte Musik - in Berlin

Nicht jeder ist ein Liebhaber moderner Musik; Neue Musik nennt sie sich. Meistens ist das nur eine Sache für Kenner, solche die sich dafür halten, Musikwissenschaftler oder Leute, die sich einfach auf neue Klangwelten einlassen wollen. Ihre Schar ist klein, die Komponisten oder Instrumentalisten sind in der Regel unbekannt, auch wenn sie hochklassige Arbeiten abliefern. Infolgedessen sind ihre Konzerte selten, Neue Musik führt ein Schattendasein. Wenn man bedenkt, dass alle klassische Musik mal "neu" war, wundert einen das. Die klassische Musiktradition mit ihren großen Konzertsälen und großartigen Stars erdrückt ihre eigene Weiterentwicklung. Dagegen fristet die Neue Musik ein Nischendasein. 

 

Ich hatte gestern die Freude eine solche Nische zu entdecken. Auf der Suche nach einer passenden Abendgestaltung bin ich auf dem Veranstaltungskalender von berlin.de fündig geworden. Neben Barenboim - teuer und ausverkauft - gab es eigentlich nur eine Anzeige: Unerhörte Musik, auf einer Bühne, die ich gar nicht kannte: BKA -Berliner Kabarett Anstalt. Na gut, letzteres störte mich gar nicht. Moderne Musik ist nicht selten in Kabaretts uraufgeführt worden. So war z.B. Erik Satie einfacher Kabarett-Musiker. 

 

 

 

BKA befindet sich in Kreuzberg, U-Bahnhof Mehringdamm, unmittelbar am berühmten Currywurststand - auch so einer Berliner Attraktion - wo man noch nachts um zwei ganze Schlangen von Berliner Nachtschwärmern geduldig nach ihrem Würstchen anstehen sehen kann. 

 

Fünf Stockwerke hoch befindet sich dort die Bühne. Der Eintritt mit 13 € war vergleichsweise billig. Und geboten wurden moderne Kammermusik, an diesem Abend zu Ehren des 60. Geburtstages von Helmut Zapf. Ein Name, den ich noch nie gehört hatte. Dafür Georg Katzer schon. Den hatte ich selber mal gespielt -  hat mir gut gefallen - damals noch in der DDR als Schüler bei Dietrich Brauer, auch so einem Adepten moderner Musik. Das wars aber schon im Reigen der Komponisten. 

 

Es waren mehrere Uraufführungen darunter, kein Werk älter als 15 Jahre. 

 

 

Für mich war der Abend in mehrfacher Hinsicht eine echte Entdeckung. So wurde moderne Akkordeon-Musik geboten, fesselnd, voll interessanter, ungehörter Klänge. Und so war mir plötzlich klar, wie passend der Titel dieses Abends "Unerhörte Musik" gemeint war. 

 

Auffällig viele russische und ukrainische Namen waren sowohl unter den Namen der Komponisten, wie auch der Instrumentalisten. Aber auch ein kurdischer Komponist, und eine Akkordeonisten mit französischem Hintergrund, studierte in Lyon waren drunter. 

 

Viele Namen der Komponisten hatten einen DDR-Hintergrund, das war nicht nur der besagte Katzer, sondern auch Goldmann, Schenker oder Voigtländer.

 

 

 

Selbst der mir bis dato völlig unbekannte Helmut Zapf, nicht nur Komponist, sondern offenbar auch unermüdlicher Organisator Neuer Musik, dessen Geburtstag dieser Abend gewidmet war, kommt aus der DDR. In seiner Biographie wies er auf seine damalige Kantorentätigkeit und Bausoldatendasein hin; also jemand, der versucht hat in der DDR dem Anpassungsdruck standzuhalten und seinen eigenen Weg zu gehen. 

 

Beeindruckend war das Spiel einer jungen Russin: Nadezda Tseleykina. Klares Spiel, gekonnt und profiliert, die Phrasen schön herausarbeitend, so das die Konturen eines Stückes immer schön hörbar wurden. Jedesmal wenn sie an ihr Instrument trat, konnte man sich auf einen schönen Vortrag freuen. Beeindruckend auch die beiden Akkordeonisten: Christine Paté und Roman Yusipey. Und in Erinnerung wird mir der Bassist Matthias Bauer bleiben, der neben der virtuosen Beherrschung seines Instruments auch seine Stimme eingesetzt hat in einem Stück von Voigländer "für singenden und spielenden Kontrabassisten". Zwar war die eingesetzte elektronische Musik sehr laut, aber dann war es doch ein großes Erlebnis, weil man das Gefühl hatte, dass dort vorne auf der Bühne ein Wesen mit den Gewalten kämpft, und sich nicht unterkriegen läßt, wie in einem düsteren amerikanischen Science-Fiction-Film. 

 

Leider begann das Konzert nicht nur später, als angekündigt, sondern dauerte fast auch noch bis um Mitternacht. Da war ich schon so müde, dass ich nicht mehr alles mitgekriegt habe. Auch so eine elitäre Art. Neue Musik ist eben auch ein Zirkel, der an seinem Nischendasein nicht ganz unschuldig ist. 

 

Aber alles in allem wars ein schöner Abend. 

 

Und das besondere, und deshalb erzähle ich das hier, ist seine allwöchentliche Wiederkehr, Unerhörte Musik, jeden Dienstag 20.30 im BKA, am U-Bahnhof Mehringdamm. 

 

Nebenbei: Ich traf dort mal wieder Nico Sander, den ehemaligen Kulturpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus in den 90-ger Jahren. Das war auch nicht schlecht. 

 

www.unerhoerte-musik.de

 

www.bka-theater.de

 

 

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