Do

02

Jun

2016

Zur Historisierung

Historisierung ist etwas ganz normales, unabänderliches. Er ist ein, wenn es gut läuft, rein gesellschaftlicher Vorgang mit einer erheblichen politischen Dimension, er kann aber auch politisch gesteuert sein, ja die Geschichte kann ein Instrument der Politik sein, was sie in autoritären Staaten immer ist. 

 

Historisierung ist das Ergebnis der intellektuellen und emotionalen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Geschichte verändert sich bekanntlich in dem Maße, wie man sich mit ihr beschäftigt. Auch die Geschichte ist ein Produkt unseres Geistes. Selbst die Fakten, wenn sie gegen das eigene Geschichtsbild stehen, vermögen daran nur wenig oder kaum etwas zu verändern. Denn wie sagte Nietzsche ganz richtig: Wenn Fakten gegen Meinung stehen, dann geraten sie miteinander in einen heftigen Streit auf Leben und Tod, in welchem am Ende die Meinung siegt. 

 

Wir tragen also nur ein Bild unserer Vergangenheit mit uns herum. Dieses Bild verändert sich, sobald wir anfangen darüber nachzudenken, darüber zu reden, oder uns anderweitig anfangen damit zu beschäftigen. Schwerpunkte werden neu gesetzt, Fakten kommen hinzu, oder werden vernachlässigt. Erkenntnisse Schlußfolgerungen werden gezogen, Details verschwinden. Das ist die Natur unseres Denkens. Nur Autisten vergessen nichts. Man muß sie nicht beneiden deswegen. Unser Denken ist so, und es ist gut so.  

 

Im gewissen Sinne konstruieren wir uns unsere Vergangenheit. Das muß man nicht beklagen, das sollte man versuchen zu verstehen. 

 

Das Bild über unsere Vergangenheit ist also im Wandel begriffen. 

 

Das gilt auch von unserem Bild über die beiden Diktaturen, die unser Land erlebt hat. Während aber die eine, die erste - nationalsozialistische - immer weiter moralisch verurteilt wird, nimmt die Verklärung der DDR zu. Die Bilder entwickeln sich gegenläufig. Doch ist das letzte Wort über die DDR noch lange nicht gesprochen. 

 

Wichtig ist, dass es genügend Menschen gibt, die sich des totalitären Charakters der DDR bewußt bleiben. Allerdings stehen sie in einem Konflikt zur öffentlichen Meinung über die DDR. Der ist auszuhalten, muß ausgehalten werden. 

 

Aber es gibt auch Produkte der Historisierung, die zu begrüßen sind: so ist die vielfältige Gedenkstättenlandschaft, welche den Unrechtsstaat der DDR in seinen Einzelheiten dokumentiert und kommuniziert ein Erfolg der politischen Aufarbeitung. Und der beginnende Erfolg gegen die beabsichtigte Schließung der StasiUnterlagenBehörde ist m.E. auch ein Erfolg, der aber noch nicht in Sack und Tüten ist.

 

Historisierung ist ein an und für sich wertfreier Vorgang, ein Produkt unserer aller Psyche und unseres Denkens. Die Werte, die ihn bestimmen, sind von uns in diesen Vorgang hineinzutragen.  

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