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22

Jun

2016

75. Jahrestag des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion

Hitlers Überfall auf die Sowjetunion heute vor 75 Jahren lässt sich nur verstehen vor dem Hintergrund seiner nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie. Er legte Kern und Ziel seines totalitären Denkens offen: die Versklavung der slawischen Völker, die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung, die Beseitigung des sogenannten "jüdischen Bolschewismus" und die Eroberung neuen Bodens im Osten Europas für die weitere Entfaltung der deutschen "Herrenrasse'. 

 

Dass die Deutschen ihm und seiner Politik vor und nach 33 in Wort und Tat gefolgt sind, macht ihre Verstrickung mit Holocaust, Völkerversklavung, den Wehrmachtsverbrechen, Unterdrückung und Kriegsschuld aus. Es gab unter den Deutschen nur wenige, die Hitler nicht gefolgt sind. Auf sie beziehen wir uns heute. 

 

Einen über die nationalsozialistische Ideologie hinausgehenden militärischen Sinn hatte der Überfall Hitlers auf die Sowjetunion nicht. Im Gegenteil, Hitler schaffte sich mit ihm seinen eigenen Anteil an seiner  Niederlage im 2. Weltkrieg. 

 

Dem ideologischen Anspruch entsprach der Charakter des Feldzuges gegen die Sowjetunion: er war von Anfang an mörderisch, hinterließ verbrannte Erde, Dörfer und Städte. Faktisch mit dem Tage des Überfalls begann auch der große Mord an den Juden in den eroberten Gebieten. 

 

Dabei hatten die Russen vorher schon unter ihrer eigenen Führung genug zu leiden. Auch Stalin war ein totalitärer Diktator. Er herrschte im eigenen Land mit einer bis dahin nicht vergleichbaren Brutalität, nicht nur darin Hitler wesensverwandt. Der bolschewistische Terror war dabei das einzige und faktische Herrschaftsinstrument, das Stalin für seine Herrschaft zur Verfügung stand. Er vernichtete seine eigenen Völker, ermordete seine Gefolgsleute, organisierte seine Wirtschaft durch Zwangsarbeit, und baute das Archipel-Gulag-System zu einer nie vorher dagewesenen Größe und Bedeutung auf. Seine Vorbildwirkung für die nationalsozialistischen Konzentrationslager ist aktenkundig. 

 

Der Feldzug Hitlers gegen die Stalin'sche Sowjetunion ließ die Völker der Sowjetunion im Kampf gegen die deutsche Wehrmacht zusammenrücken. So verrückt es klingt: Er gab das erste Mal der Stalinschen Herrschaft einen sittlichen Sinn. Die Menschen in der Sowjetunion entwickelten Widerstandskräfte gegen die deutsche Besatzung, denen diese bei aller Brutalität nicht gewachsen war. 

 

Zwar müssen auch diese Widerstandskräfte vor dem Hintergrund des Stalinschen Terrors gesehen werden, der gerade auch in der Roten Armee angewandt wurde, um die Soldaten der Roten Armee in die zum Teil selbstmörderischen Angriffe und Abwehrschlachten gegen die deutsche Wehrmacht zu treiben. Doch waren es genau diese von den Nationalsozialisten verachteten "Untermenschen", die Hitler in der Sowjetunion den Garaus machten. 

 

Damit hat die Sowjetunion einen großen Beitrag zur Niederlage Hitlers geleistet, und auch Deutschland von diesem Alptraum befreit, freilich nicht ohne ihn durch ihren eigenen zu ersetzen. 

 

Doch bis zum Überfall auf die Sowjetunion sah Stalin in Hitler einen Bruder im Geiste. Er bewunderte ihn. Ihm opferte er seine eigenen Gefolgsleute unter den Kommunisten Europas. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt war es Stalin gelungen, die durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk 1917 verlorenen Gebiete wieder zu gewinnen, sich das Baltikum wieder einzuverleiben, und die Hälfte von Polen zu kassieren. Bis dahin hatte sich also Stalin an den Verbrechen Hitlers nutzbringend beteiligt.

 

Die Bewunderung Stalins für Hitler ist die eines totalitären Diktators für den anderen. Er galt der virtuosen Beherrschung der totalitären Machtinstrumente Hitlers. 

 

In Stalins Bewunderung für Hitler liegt wohl auch der Grund für seine Arglosigkeit gegenüber dem deutschen Angriff, der Stalin in ein tiefes Trauma gestürzt haben muss, obwohl er ihm von Freund und Feind angekündigt worden war. Anders lässt sich sein plötzliches Abtauchen in den Tagen des Überfalls nicht erklären. Erst ein paar Tage später meldet er sich mit einer Rundfunkansprache zu Wort, wo er den Großen Vaterländischen Krieg ausruft, wie ihn die Russen seit dem nennen. Er  gehört zu den großen Ereignissen der russischen Geschichte. Russland verdankt ihm neben der Befreiung von den deutschen Besatzern, die in seiner imperialen Geschichte größte jemals erreichte Ausdehnung. Das muss man berücksichtigen, wenn man die Verehrung für Stalin die ihm noch heute in Russland entgegengebrachte wird, verstehen will. 

 

Stalin ist ein Teil der Europäischen Geschichte. Unsere eigene ist mit ihm auf komplizierte Weise verwoben. Sie eignet sich nicht für einfache, schlimmer noch einseitige Schlussfolgerungen. 

 

Können wir Lehren aus der Geschichte des nationalsozialistischen Überfalls auf die Sowjetunion ziehen? 

 

Ich habe vor meiner Einberufung zur NVA Mitte der siebziger Jahre meine ganz persönlichen Schlussfolgerungen gezogen, und ganz bewusst für einen Wehrdienst mit der Waffe in der Hand entschieden, und damit gegen die pazifistische Tradition, die Kriege zu verhindern sucht, in dem sie sich bemüht, jegliche persönliche Verstrickung mit dem Kriegshandwerk zu vermeiden. Dabei hatte ich immer den Überfall Hitlerdeutschlands heute vor 75 Jahren vor Augen. Ich habe mir gesagt, wenn das deinem eigenen Land passiert, dann musst Du Dich wehren und Deinen Beitrag dazu leisten, Land und Leute zu schützen. Ich glaube bis heute, dass das richtig war. 

 

Auch heute gehören Kriege und kriegerische Auseinandersetzungen zu unserem politischen Alltag. Das muss nicht sein, aber es ist so. Und wir werden da hineingezogen, und stehen immer wieder vor der Frage, wie wir uns verhalten sollen, und wo wir dabei stehen. Vornehme Zurückhaltung ist leicht geeignet, Unrecht zu begünstigen. Frieden auf Erden ist unsere Vision. Aber ein radikaler Pazifismus findet nur in Form einer individuellen Haltung meine Anerkennung. Als ultima ratio bei kriegerischen Auseinandersetzungen ist Pazifismus unrealistisch. Er ist sogar unpolitisch. 

 

Der ganze 2. Weltkrieg, den Deutschland geführt hat, war verbrecherisch. Wir dürfen nie vergessen, dass er möglich wurde, weil sich die deutsche Gesellschaft der nationalsozialistischen Ideologie ergeben hatte. Dafür mag es viele Gründe gegeben haben. Entscheidend ist mir aber hier die geistige Unterwerfung unter Hitlers Ideologie. Die ist nicht vom Himmel gefallen, und dafür war jeder selbst verantwortlich. Erst dies hat Hitlers Macht ermöglicht. 

 

Und deshalb sind wir aufgerufen Menschenrechte zu achten und vor Machtgelüsten jedweder Art zu verteidigen. Dies macht den Kern antitotalitären Denkens aus. 

 

Und Frieden in Europa ist nur dann möglich, wenn das Selbstbestimmungsrecht unserer Völker und Staaten gewahrt bleibt. 

 

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