So

02

Okt

2016

Unterdrückung Andersgläubiger in der DDR

Ich bin auf dem Weg nach Dresden, wo die diesjährige Einheitsfeier ausgerichtet wird.

 

1.

 

Natürlich wurden Christen in der DDR unterdrückt.

 

Religionsfreiheit stand zwar in der Verfassung der DDR, doch die Verfassungswirklichkeit der DDR sah anders aus.

 

Da wurden Mitglieder der Jungen Gemeinden am Studium gehindert, exmatrikuliert, das Abitur verweigert. Christen waren weiterführende Karrieren versperrt. Sie waren Menschen zweiter Klasse. Pfarrer wurden inhaftiert. Christliche Schüler wurden benachteiligt, ja selbst Kinder aus evangelischen Kindergärten wurden in den Schulen diskriminiert.

 

Die DDR war ein Weltanschauungsstaat, ihre Ideologie war totalitär. Sie war in sich geschlossen, und beanspruchte auf alle Fragen die besten Antworten zu haben. Sie fühlte sich den Religionen überlegen. Ja sie stand an der Spitze des Fortschritts, schloss Glauben aus, meinte auf rein wissenschaftlichen Boden zu stehen, und die Geschichte vorauszusagen. Sie wußte genau, was richtig und falsch war. Und Glauben war falsch.  Im kommunistischen Paradies fand sich kein Platz für Andersgläubige, kein Platz für Menschen, die eine eigene religiöse Heimat für sich beanspruchten.

 

Die Kommunisten akzeptierten die christliche Religion als eine existierende politische und gesellschaftliche Größe in der DDR, die es zu bekämpfen galt. Die SED hatte eine eigene Strategie gegen die Kirche entwickelt in welcher das MfS eine gewichtige Rolle zukam. Die SED versuchte andererseits auch die Kirche und die Christen zu umgarnen, wollte sie für ihren Kampf für sozialistische Werte gewinnen. Sie arbeitete mit Zuckerbrot und Peitsche. Willfährige Kirchenmitglieder und Kirchenfunktionäre wurden zu Partnern erklärt, doch wer den DDR-Sozialismus unter den Christen nicht bejubeln wollte wurde ausgegrenzt, nicht selten unterdrückt, sogar verfolgt.

 

Dabei ging die SED leninistisch vor: zwei Schritte vor einen zurück. So erlies sie ein Gesetz, das den Kirchen aufzwang alle ihre Veranstaltungen anmelden zu müssen. Doch die Kirche hielt sich überwiegend nicht daran. Sie wollte sich nicht auf ihre sogenannten rituellen Inhalte einschränken lassen, weiterhin auch Friedensandachten, Fürbittengebete durchführen, für Notleidende und Menschen und Menschen mit Berufsverboten da sein und darüber reden können, weiterhin offene Jugendarbeiten anbieten, über Verantwortung reden können, und junge Männer darauf vorbereiten, wie sie sich gegen übermäßiges Werben für einen verlängerten Wehrdienst wappnen könnten. Die SED verlor ihren Kampf um das Anmeldegesetz. Doch sie lies es in Kraft, praktizierte es nur nicht mehr, so dass die alle kirchliche Öffentlichkeitsarbeit unter kriminellem Generalverdacht stand.

 

Die Kirche in der DDR hatte den Kampf um den Glauben der Masse ihrer Mitglieder verloren. Nirgendwo in Deutschland war die Entchristlichung oder Säkularisierung, wie das vornehm hieß so weit vorangeschritten, wie in Ostdeutschland. Die bedeutendste Auseinandersetzung auf dem Feld des Glaubens fand über die staatlich verordnete Jugendweihe in den 50-ger Jahren statt. Sie wurde ganz offen in Konkurrenz zur evangelischen Konfirmation, die nach zwei-jährigen Konfirmationsunterricht von nahezu 90 % jedes Jugendlichen-Jahrgangs in der damaligen DDR praktiziert, und war die Standardfeier für den Übergang von der Kindheit zur Jugend, zum Erwachsenwerden. Zielgerichtet hatte die SED bei diesen heranwachsenden Jugendlichen angesetzt. Sie waren formbar, und sie hatten Ziele. Das machte sie zu potentiellen Opfern. Die Menschen in der DDR hatten Angst vorm Staat, der ihnen nicht als Partner sondern als Willkür- und Strafinstitution entgegentrat. Der Staat verordnete die Jugendweihe und drohte mit Bildungsdiskriminierung gegenüber den sich widersetzenden Jugendlichen. Die meisten Eltern rieten davon ab. Sie standen nur selten ihren widerständigen Kindern bei, sie rieten zur Anpassung mangels Alternative. 

 

Die Kirche, die sich ihrer Mitglieder zu sicher war, rief zum Kampf gegen die Jugendweihe auf, und verlor ihn und die Jugendlichen. Am Ende ließen sich vielleicht noch 10 % eines Jugendlichen-Jahrgangs konfirmieren. 95% praktizierten die Jugendweihe. Vom Rest durfte kaum einer Abitur machen, selbst bei besten Schulnoten nicht. 

2.

 

Ich gehörte zu jenem Rest.

 

Das war eine Herausforderung ganz eigener Art, an der ich zu zerbrechen drohte. Ich fand keinen Platz in der DDR für mich, an dem ich mich wohlfühlte, wo ich mich mit Arbeit und Perspektive identifizieren konnte. Ich war da sicher kein Einzelfall. Ein Arbeitseinkommen, mit dem ich meine Familie gut ernähren konnte blieb mir verwehrt, ganz abgesehen von öffentlicher Anerkennung, die man ohne Karriereperspektive nicht erlangen kann. Und meinen Kindern drohte das gleiche Schicksal.

 

Dabei waren mir die Konsequenzen meiner dem Staat DDR gegenüber widerständigen Haltung schon sehr früh bewußt gewesen. Und ich ging sie mit Freuden ein. Aber ich ertrug sie nicht mit Freuden. Sie stürzten mich in einen inneren Abgrund, aus dem ich nur mit Hilfe meiner Musik wieder herauskam. Doch auch in der Musik blieb mir in der DDR eine spezialisierte, höhere Bildung versagt. Ich blieb ganz alleine auf mich gestellt. Mein Vater, der in Glaubensdingen fest war, erwies sich hier als ratlos. Schlimmer, ich hatte seinen Rat in den Wind geschlagen. Ich wollte keine kirchliche Karriere machen. Ich wollte nicht Pfarrer werden, was mir ein wissenschaftliches und hochklassiges Studium ermöglicht hätte, weil ich mich selbst in meinem Glauben nicht sicher fühlte. Meine innere Ablehnung gegenüber jedwedem Phrasendreschen war so stark, dass ich mir nicht vorstellen konnte, jemals selber über Dinge zu reden oder gar zu predigen, die mir tiefinnerlich suspekt vorkamen.

 

So ging ich einen anderen Weg, der mich schließlich erst zum DDR-Oppositionellen machte, dann zum Politiker.

 

Später im Bundestag konnte ich mich in einer leidenschaftlichen Debatte für gewisse Rehabilitationsmaßnahmen für verfolgte Schüler einsetzen. Innerhalb der Reha-Gesetze gelang es den Lebensunterhalt für jene von ihnen zu sichern, die sich nun nach Beseitigung der SED-Herrschaft daran machten, Abitur und Studium nachzuholen. Wer seine Bildungsdiskriminierung nachweisen konnte, erhielt Anspruch auf nicht-rückzahlbares, elternunabhängiges BAFöG. Nicht wenige konnten das nutzen. Diese Schicksale gingen mir unter die Haut. Sie waren ein Teil von mir. Einer meiner späteren Mitarbeiter war diesen Weg gegangen. Er arbeitet jetzt in der Leitungsebene eines Bundesministeriums.

 

Doch für viele kam es auch zu spät. Mir selbst, Mitte 30 hätte es wohl genutzt, wenn ich nicht im Bundestag über eine ganz andere Perspektive verfügt hätte. Doch immer wieder bin ich auf Menschen gestoßen, die das nicht mehr nutzen konnten, weil ihr Lebensweg anders verlaufen war, und das Nachholen höhere Bildung auf diesem Weg ihnen weder etwas brachte, noch möglich war.

 

Ich selbst habe an meinem Trauma der Bildungsverweigerung lange gekaut. Lange bis in meine Bundestagszeit hinein.

 

Das hörte erst auf als ich Ja sagen konnte zu meinem Abschied aus der Politik und Ja zu meinem tiefinnersten Wunsch, mich wieder der Musik zu widmen. Natürlich war das mit einem höchst intensiven Aufarbeitungsprozeß verbunden, doch das steht auf einem anderen Blatt.

 

Heute weiß ich, dass mein spezifischer Weg in der DDR, als Sohn eines Theologenehepaars, eines intellektuellen und zu sich selbst stehenden Gemeindepfarrers, der seinen Kindern zumutete, ebenfalls zu sich selbst zu stehen, mich nicht schwach, sondern stark gemacht hat. Meine frühen Auseinandersetzungen in der Schule, meine Aufmüpfigkeit und mein Suchen nach Freiheit, Unabhängigkeit und geistigen Selbständigkeit haben mich geprägt und vorbereitet auf einen politischen Weg, der von heftigen Auseinandersetzungen gekennzeichnet war und ist, und wo ich versucht habe zu mir selbst zu stehen. Ich glaube nicht, dass ich das gekonnt hätte, wenn ich nicht durch die harten Erfahrungen meiner DDR-Sozialisierung gegangen wäre. Und so kommen mir im Nachhinein meine Prägungen und Haltungen, die mich in Konflikt zum sozialistischen Staat gebracht haben, und der mich bewußt und absichtsvoll diskriminiert hat, heute als Vorteil vor. Ja als Privileg, das nicht jeder hatte. Heute bin ich dankbar dafür, und brauche mit niemanden mehr zu hadern.

3.

 

Ob die wenigen Rehabilitationsmassnahmen für verfolgte Schüler, für die Opfer von Bildungsdiskriminierung und religiöser Verfolgung ausreichen, auch für alle anderen, die nicht wie ich das Glück hatten, sich von ihrer Verfolgung frei zu machen, die das Glück genießen können, ihre eigenen Lebenszielen verfolgen zu können, das steht auf einem anderen Blatt.

Staatlichen Hilfsmaßnahmen sind hier Grenzen gesetzt. Doch Anspruch auf die Opfer- oder Ehrenpension könnte ihnen allemal eingeräumt werden. Das wäre das mindeste, was ihnen die Gesellschaft heute einräumen kann.

 

Die Geschichte der Kirche kennt solche Verfolgungszeiten zur Genüge. Doch sie kennt auch religiöse Verfolgung Andersgläubiger. Sie hat sie selbst aktiv betrieben. Das beginnt in der Antike, geht über das Mittelalter fort, über die Glaubenskriege der Neuzeit hinweg, bis hin zum Bürgerkrieg in Irland.

 

Wer selber verfolgt wird, der weiß wie segensreich staatlich verbürgte und praktizierte Religionsfreiheit wirken kann. Wer religiöse Verfolgung jedoch nicht als Problem wahrgenommen hat, ihr keinen Widerstand entgegengesetzt, häufig schlimmer noch verdrängt hat, denn das haben viele ehemalige DDR-Bürger getan, dem wird dies kein Thema sein. 

4.

 

Die Moderne des Westens, von deren Segnungen wir alle partizipieren, beruht u.a. auf der staatlich verbürgten Religionsfreiheit. Sie ist für den Westen unverzichtbar. Wir werden ohne sie nicht im Frieden miteinander leben können. Das gilt vor allem für die in den letzten Jahrzehnten eingetretene Nachbarschaft mit der islamischen Religion.

 

Religionsfreiheit gebührt auch den Menschen islamischen Glaubens. Doch sie gilt nicht unbeschränkt. Religionsfreiheit kann nur bestehen, wenn sie mit der Anerkennung der allgemeinen Charta der Menschenrechte verbunden bleibt.

 

Hier stehen wir vor einem neuen Problem: Da wo der Machtanspruch einer Religion über ihre Gläubigen oder Mitmenschen selber totalitäre Züge annimmt und eingreift in ihre Selbstentfaltungsrechte oder unsere sittlichen Grundlagen, was ich im Islamismus zu  erkennen glaube, da müssen wir wohl bereit sein, Einhalt zu gebieten.  

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Kommentare: 1
  • #1

    Peter Faethe (Mittwoch, 05 Oktober 2016 01:33)

    Gerhard Löwenthal: „Es wird zuwenig über die Opfer geredet und zuviel über die Täter. Auch die Entschädigungsregelung für die Opfer des SED-Terrors ist unzulänglich. Ich habe damals – als ehemaliger Verfolgter des Nazi-Regimes – vorgeschlagen, die Entschädigungsgesetze für die Opfer der Nazi-Diktatur zu nehmen und entsprechend zu novellieren: Für mich kann es keinen Unterschied geben zwischen den Opfern der NS-Diktatur und den Opfern der SED-Diktatur."