Betrachtungen über die musikalische Phrase

Phrase in der Linguistik meint, wenn man diesen Begriff nicht ironisch negativ benutzt,  eine syntaktische Einheit. In der Musik bezeichnet dieses Wort eine musikalische Einheit. Das ist sehr allgemein und muss näher betrachtet werden. 

 

Eine Phrase in der Musik ist zum Beispiel ein Motiv. Auch ein Thema ist eine Phrase. Nun ist aber in der Regel ein Thema aus mehreren Einheiten zusammengesetzt. So besteht z.B. die schöne Zeile von Beethovens Sinfonie „Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“, schon aus zwei Motiven, die zusammengesetzt ein eigenes Motiv ergeben. Hier bilden mehrere einzelne kleine Phrasen zusammen eine größere. Das ist in der Musik ständig so. 

 

Diese Phrasen sind der Grundstoff musikalischer Werke. Dabei ist es ganz gleich, ob es sich um durchkomponierte Werke handelt, oder ob hier improvisiert wird. 

 

In der Interpretation von Musik kommt es jetzt vor allem darauf an, diese Phrasen zu erkennen um sie gestalten zu können. 

 

Jede Phrase hat einen Anfang, und sie hat ein Ende. Nur wer diesen Anfang und das Ende einer Phrase empfindet, also fühlt, kann sie gestalten. Eine Phrase bildet also einen eigenen Bogen. Dieser Bogen muss im Zusammenhang gespielt werden. Er muss als Zusammenhang kenntlich gemacht werden. Und das bedeutet, dass man ihn auch fühlen können muss, bevor man ihn spielt, so rechtzeitig, dass man beim Beginn einer Phrase, die gesamte Phrase bereits im Gefühl hat. Man muss sich gewissermaßen die Phrase vorab ins Gefühl, in die eigene Vorstellung rufen. Diesen Vorgang nennt man in der Musik Vorausdenken. 

 

Wenn man das gut kann, dann geht es fast von alleine. Wie das Gehen oder das Autofahren. Da ist es, wie bei allen gut erlernten Fähigkeiten ein automatisierter Vorgang. Man gibt seinem Willen einen kleinen Wink, und schon setzt sich der eigene Körper in Bewegung, ohne dass ich groß darüber nachdenke. 

 

Beim Spielen von Musik geht das nur bei gut verinnerlichten Stücken so automatisch. 

Das ist insbesondere beim Blattspielen für jeden Musiker ein besonderes Problem. Falls man das Stück selber gut kennt, auch wenn man es noch nie gespielt hat, dann findet man sich auch beim Blattspielen zwar gut darin zurecht, denn man wieder-erkennt auch mitten im Stück die einzelnen bereits vorab gehörten Phrasen. Und man kann sich beim Spielen an diesen Wiedererkennungen gut orientieren. Doch wenn man ein Stück nicht kennt, wenn man sich gar im Stil dieses Stückes, seiner Zeitepoche, in welcher es komponiert wurde, wenig auskennt, dann wird Blattspielen zum Ding der Unmöglichkeit. 

 

Das hängt damit zusammen, dass das Erkennen der Phrasen Zeit braucht. In der Regel muss man versuchen herauszufinden, was die einzelnen Phrasen eigentlich sind. Dafür muss man sie vom Anfang bis zum Ende betrachten, damit man sie als Einheit betrachten und empfinden kann. Dafür braucht man Zeit. Die hat man beim Blattspielen, das einen unerbittlich vorwärts treibt gar nicht. Deshalb ist Blattspielen auch wenig geeignet, sich ein Stück näher zu bringen. Nein, man muss, wie in einem guten Buch, ständig innehalten, und sich fragen, wie denn dieser Satz eigentlich gemeint ist. Phrasen sind wie Puzzleteile. Und ich muss mir die einzelnen Puzzleteile genau ansehen, um zu erkennen, wo vielleicht oben und unten, rechts oder links ist. 

 

Und selbst wenn ich zwei einzelne, bereits zusammengesetzte Puzzleteile habe, muss ich mir wieder neu überlegen, wo sie denn im großen Bild ihren Platz finden würden. In der Regel zeichnen sich da unterschiedliche Lösungen ab, von denen zum Schluß natürlich nur eine einzige übrig bleibt. 

 

Genauso ist das mit den musikalischen Phrasen. Ich brauche also Zeit. Die muss ich mir nehmen. Beim Blattspielen geht das nicht. 

 

Noch schwieriger wird das beim Klavier, wo man ja in der Regel mehrere Stimmen gleichzeitig führen muss. Hier überlappen sich die Phrasen zusätzlich, werden harmonisch unterlegt, bilden aber zusammen wieder neue Phrasen. 

 

Und das Erkennen dieser Phrasen ist immer eine Sache des musikalischen Gefühls. Nie des Verstandes. Das Kommen und Gehen einer Phrase, ihr Anfang und Ende empfindet man bei ihrem Spielen sogar körperlich. Das geht durch einen durch. 

 

Je schwieriger ein Stück auch technisch wird, desto mehr Zeit braucht man, um sich die einzelne Phrase, die man gerade am Wickel hat, klarzumachen. 

 

Sich die Phrasen eines Stückes zu erschließen, bedeutet also, sich das Stück selbst zu erschließen. Man arbeitet hier im Kleinen, en Detail. Am Ende dieses Prozesses hat man eine innere Vorstellung von den einzelnen Phrasen, kann sich ihren Klang vorstellen. Und von diesen Vorstellungen muss man sich dann beim Spielen leiten lassen. Sie müssen abgerufen werden, bevor man an die Realisierung und Gestaltung der einzelnen Phrasen geht. Das Spielen eines Stückes wird also begleitet vom permanenten innerlichen Abrufen der Vorstellungen der nächstfolgenden Phrasen, der kleinen und großen, der langen und kurzen, der zusammengehörenden und der einzelnen. So ist das Spielen eines Stückes ein im Grund hochintellektueller Vorgang, dem man dem Spieler nur deshalb ansieht, weil man spürt, wie er sich konzentriert. Wer sich nicht konzentriert, kann selbst kleine Stücke nur fehlerhaft zu Gehör bringen. 

 

Viele Bilder helfen einem dabei, sich dieses Vorgang klarzumachen. Das betrifft sowohl den eingeführten Bogen als Bild für eine Phrase, oder auch das eines Puzzleteiles. Man kann auch von Satz sprechen. Sie alle verdeutlichen als Modell Teilaspekte einer Phrase. Doch behält sie ihren eigenen Charakter, und der ist musikalisch, besteht also aus Rhythmus, Melodie, Harmonie und Takt. Das hört sich jetzt komplizierter an, als es ist. Denn das Schöne an diesem musikalischen Wesen einer Phrase ist, dass unser Fühlen dafür besonders gut ausgestattet ist. Man fühlt die Harmonien, und den Rhythmus, man fühlt die ganze Phrase. 

 

Und deshalb muss man beim Erarbeiten eines Stückes ständig mit seinem eigenen Gefühl korrespondieren. Dieser Vorgang ist keineswegs trivial. So hört er sich hier auch nicht an. Ich schreibe das auf, um mich selbst zu vergewissern über den Erarbeitungsprozess eines Stückes, weil ich permanent damit zu tun habe. 

 

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