Zum Verhältnis von Universität und Kirche aus Anlaß der Wiedereröffnung der Leipziger Unikirche St. Pauli

Leipziger Uni-Kirche im Bau
Leipziger Uni-Kirche im Bau

(gesendet Deutschland-Radio)

 

Die Herausbildung der europäischen Universität ist seit ihrem Beginn im 11. Jahrhundert eng mit dem christlichen Bildungsgedanken verbunden. Vorher gab es überhaupt nur innerhalb der Kirche schulische Institutionen. Die Kirche war gewissermassen Geburtshelfer und Know-how-Geber für die Erfindung einer eigen- und selbständigen Bildungsinstitution, an denen Anfangs neben Medizin nur weltliches und Kirchrecht gelehrt wurde. Die wesentlichen Merkmale dieser europäischen Universitäten waren die Eigenverantwortung für Forschung und Lehre, und die Selbstverwaltung, sprich Autonomie. Beides sind bis heute unverzichtbare Voraussetzungen für eine lebendige Wissenschaft geblieben und werden und wurden deshalb auch von der Kirche garantiert. Man kann sogar sagen, daß sie auch theologisch begründet sind. Denn hier ist die Selbständigkeit des menschlichen Geistes eine uns Menschen von Gott verliehene Fähigkeit. So heißt es in der Schöpfungsgeschichte: „Zu seinem Bilde schuf er ihn!“ Hier avanciert der Mensch zu einem Abbild Gottes. Die Kirche ist also geistig, wie geistlich in ihrer Universität zu Hause. Und das gilt auch da, wo die Wissenschaften weit entfernt von Philosophie und Theologie agieren. Denn das eigene Selbstverständnis denkt sich beim Betreiben von Wissenschaft immer mit. Für die Menschen des Mittelalters und der Neuzeit war das christliche Selbstverständnis, das ja in Wirklichkeit immer eine Mischung aus christlicher Überlieferung und griechischer Philosophie war, eine pure Selbstverständlichkeit. Doch die Freiheit der Wissenschaft mußte Spannungen zur Institution Kirche, die ja eben keine rein religiöse Angelegenheit, sondern immer auch eine politische Institution war, zur Folge haben. So versuchte die Kirche einerseits der Wissenschaft auch Grenzen aufzuzeigen, wie sie gleichzeitig den Emanzipationsbestrebungen der Wissenschaft im Wege war. So kann man sagen, dass Kirche und Universität einerseits Geist von gleichen Geiste sind, andererseits aber, dass zwischen ihnen heftigste Auseinandersetzungen vorprogrammiert waren. Das ist bis heute so geblieben, und war vielleicht einer der Garanten für die gewaltige Erfolgsgeschichte, die die Universitäten in Europa geschrieben haben. Und es ist deshalb auch kein Widerspruch, dass das Engangement der Kirchen für und in den Universitäten bis heute sichtbar ihren Ausdruck in den allerschönsten Universitätskirchen gefunden hat.

Eine davon stand, bis die SED unter Ulbricht sie hat 1968 sprengen lassen, auf dem Campus der Leipziger Universität. Sie war ein Schmuckstück der Stadt Leipzig, und verkörperte einen ihrer kulturellen Lebensmittelpunkte. Neben dem regen geistlichen Leben hat hier u.a. J.S.Bach einige seiner Werke uraufführen lassen, Max Reger war hier Kantor, ganz zu schweigen davon, dass Luther die Unikirche einst selbst eingeweiht hatte. Die Sprengung der Unikirche durch die SED war daher nichts anderes als eine kulturelle, antichristliche und kommunistische Barbarei. Allerdings empfanden sich die Kommunisten dabei als an der Spitze der europäischen Aufklärung stehend. Sie nahmen die emanzipatorischen innerwissenschaftlichen Bemühungen auf, gedachten aber das Problem des Spannungsverhältnis mit der christlichen Religion ein für alle mal durch die Sprengung der Kirche lösen zu können. Es ist kein Zufall, dass die SED nicht nur Kirchen vernichtete, sondern auch die Freiheit von Forschung und Lehre selbst abschaffte. Auch daran kann man sehen, dass das kommunistische Denken keine Lösung für das Verhältnis von Uni und Kirche brachte, sondern einzig und allein einen geistigen Vormachtsanspruch darstellte.

Es war für viele Leipziger bereits kurz nach der Sprengung ihrer Kirche immer klar, dass dies nicht das letzte Wort in Sachen Unikirche gewesen sein sollte. Doch nach der Wende, als sich die Möglichkeiten für einen Wiederaufbau eröffneten, war das alles andere als selbstverständlich. Interessanterweise, aber eben auch bezeichnenderweise gab es den größten Widerstand gegen ihren Wiedererrichtung in den Reihen der Uni selbst, und nun nicht, wie man hätte denken können, beim alten HS-Personal, die seine geistigen Wurzeln in der DDR hatte. Das auch, aber repräsentiert wurde der Widerstand vor allem durch Professoren, die aus dem Westen kamen. Für sie war die Wiederinbetriebnahme einer Kirche in einer modernen Universität ein altmodisches Symbol, das nicht mehr in unsere Zeit passt. Auch sie wollten sich selbst äußerlich von dem Spannungsverhältnis zur Kirche befreien. Das mag aus universitärem Blickwinkel, vor dem Hintergrund der modernen europäischen Universität, des erreichten Standes der Aufklärung und der erreichten wissenschaftlichen Emanzipation nachvollziehbar sein, doch angesichts der Sprengungsgeschichte der Kirche, indiskutabel. Und es Gott sei Dank zum Scheitern verurteilt. Wer heute nach Leipzig kommt, sieht die Kirche wieder an ihrer alten Stelle auf dem Campus der Uni stehen. Durch einen genialen Kunstgriff des holländischen Architekten, van Eggerat sehen wir die Umrisse des wiedererrichteten gotischen Kirchengiebel merkwürdig verrückt, quasi wie im Einstürzen begriffen. Dies stellt jenen Moment dar, als der Sprengmeister seinerzeit die Sprengung ausgelöst hatte, und das Bauwerk in sich zusammenzufallen begann, seiner Stabilität und inneren Spannung beraubt. So wird sie jetzt dort stehen, die alte, neue Unikirche, und sie wird uns auf diese Weise im wahrsten Sinne des Wortes an die Zerbrechlichkeit der Kirche in der Universität erinnern, die uns einst eine Freiheit brachte, mit deren Folgen wir alle heute gut leben können, aber auch müssen.