Totalitäres Denken - Islamismus

Für Totalitäres Denken wird synonym auch der Begriff Fundamentalismus benutzt. Präzise ist das zwar nicht das gleiche. Doch erleichtert der Begriff des Fundamentalismus die Annäherung an das Phänomen des Totalitären Denkens.


Im Fundamentalismus steckt das Wort Fundament. Damit ist die Wertegrundlage gemeint, auf der jemand steht. Im Fundamentalismus wird sie verallgemeinert, zur alleinigen und verbindlichen Wertegrundlage aller erklärt. Ja sie wird ihnen aufoktroyiert.

Dieser Übergang einer individuellen Wertegrundlage hin zur aggressiven, alleinigen, machtheischenden Wertegrundlage aller, verbunden mit dem Anspruch der Interpretationshoheit über diese Werte, der macht im Kern den Fundamentalismus aus. Erst aus dem Anspruch im Besitz einer für alle gültigen Wahrheit zu sein entwickelt sich die innere Legitimation der Gewaltanwendung gegenüber Andersdenkenden.

Es fragt sich, was da passiert sein mag, dass das ursprüngliche Fundament so erschüttert wurde, dass es dieses Machtanspruches bedarf, um wieder zurechtgerückt zu werden. Denn der Islam selbst ist nicht fundamentalistisch. Was also ist passiert mit einem Anhänger muslimischen Glaubens, wenn er islamistisch wird?

Der Islamismus gibt ihm Macht. Macht über alle anderen. Macht über diejenigen, die anders sind, die unverständlich, ja bedrohlich wirken. Der Islamismus gestattet es, Ohnmacht durch Übermacht zu ersetzen. Das ist sein sozialer Charakter. Der Islamismus gestattet es einer gepeinigten Kreatur über die Mitmenschen zu triumphieren. Das muss nicht immer Verfolgungsgründe haben, also psychisch zu erklären sein. Aber das kann es haben. Aus vielen Rekrutierungsgeschichten des Islamistischen Staates oder der Salafisten wissen wir, dass sie genau hier, also an psychischen Verletzungen ansetzen.

Die kommunistische Ideologie der SED war totalitär. Sie formulierte sehr präzise ihren Wahrheits- und Machtanspruch. Das ist nichts anderes als der Anspruch im Besitz eines Weltbildes zu sein, das für alle verbindlich gültig zu sein hat. Anders zu denken war in den Augen der SED nicht nur ein Zeichen intellektueller Schwäche, sondern auch ein Verfolgungstatbestand. Die SED verfolgte andersdenkende durch politische und staatliche Repressionen.

Es ist schwer herauszubekommen, ab wann die Kommunisten kommunistisch, also totalitär wurden. Ihr Machtanspruch ist bereits im kommunistischen Manifest von Marx und Engels formuliert. Ob sie die Urheber sind, das müssen andere sagen. Dass gerade aber dieser Machtanspruch die kommunistische Bewegung so erfolgreich gemacht hat, steht wohl außer Frage.

Wie sollten wir in der DDR mit diesem Machtanspruch der SED umgehen? Die meisten Menschen haben sich ihm gebeugt. Zu sehr schien er in der politischen Realität eines totalitären Staates und der sowjetischen Besetzung zementiert zu sein.

Der Westen versuchte es mit vertrauensbildenden Maßnahmen. Diese Strategie, in der Entspannungspolitik durchaus auch erfolgreich angewandt, schied in der DDR selbst aus. Wie soll ein Gefangener Toleranz gegen seine Wärter üben? Und doch gehörte die Toleranz, wie sie in der Gewaltlosigkeit der Friedlichen Revolution zum Ausdruck kam, der Ablehnung von Rache und Lynchjustiz gegen die Peiniger zu den Erfolgsgründen von 89.

Richtig ist, dass das Festhalten an Menschen- und Grundrechten ohne Toleranz des Andersdenkenden selber in der Gefahr steht, fundamentalistisch zu sein. Demokratie und totalitäres Denken schließen sich aus.

Doch diese Toleranz ist nicht das Geheimnis des Erfolges der friedlichen Revolution in der DDR. Sondern die präzise Benennung des totalitären Charakters des SED-Regime, dem mit dem Bekenntnis zu den Menschenrechten und demokratischen Rechtsstaat eine präzise und vielversprechende Alternative entgegengehalten wurde. (Auf die übrigen notwendigen Rahmenbedingungen für den Erfolg von 89 (Gorbatschow, Reformunfähigkeit der SED) braucht hier nicht verwiesen zu werden, weil sie nicht im Ermessen der damals Handelnden gestanden haben.)

Heute ist nicht nur der Islamismus fundamentalistisch, sondern wir erleben Fundamentalismus auch bei christlichen Bewegungen, in Israel bei den extremen Rechten, sogar im Buddhismus kommt er vor, im Rechtsextremismus, bei den Naturschützern, ja es ist nicht ausgeschlossen, dass dereinst Feministen, oder Klimaschützer, oder aber ihre Gegner fundamentalistisch überschnappen.

Wie können wir dem begegnen? Mit Toleranz gegenüber ihrer fundamentalen Wertegrundlage. Denn diese Toleranz steht ihnen in unserer offenen Gesellschaft zu. Und mit ihr erkennen wir die ganz eigene Persönlichkeit andersdenkender, andersgläubiger Menschen an. Wichtig ist, dass wir ihnen gegenüber an unserer Gesprächsfähigkeit unsere Dialogfähigkeit  festhalten. Häufig müssen wir sie übrigens erst entwickeln. Denn nicht viele von uns sind wirklich gesprächsfähig. Das muss man auch erst mal lernen. Zumal viele dieser fundamentalistischen Phänomene noch relativ neu sind.







Gespräche mit andersdenkenden Persönlichkeiten lassen sich nicht führen, wenn ich konfliktscheu bin. Im Gegenteil, es geht um den Diskurs des Konflikts. Nur so kann ich einerseits Wertegrundlagen anerkennen, wenn ich gleichzeitig die Anerkennung aller anderen Wertegrundlage einfordere.

Wenn es so ist, dass der Islamismus durch die triumphierenden Allmachtsphantasien als Antwort auf eigene Ohnmachtsgefühle ausgelöst wird, gerade dann ist es wichtig, mit der Anerkennung des islamischen Glaubens als legitimer individueller Wertegrundlage diesen Menschen das Gefühl zu geben, dass sie dazu gehören zu unserer Gesellschaft und in unsere Zeit. Damit erodieren die psychischen und sozialen Grundlagen des Islamismus. Alle anderen Maßnahmen der Bekämpfung des Islamismus werden dadurch zwar nicht obsolet. Aber sie werden erfolglos bleiben, wenn wir uns nicht gleichzeitig um den Dialog bemühen.

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