Mi

22

Feb

2017

Gesprächszirkel

Bei meinem gestrigen Vortrag in Osterholz (bei Bremen) bin ich von einer munteren Gruppe von der  SPD AG 60+, die unter Leitung von Arne Börnsen dort seit vielleicht einem Jahr regelmäßig zu Veranstaltungen zusammenkommt, empfangen worden. Es hat sich ein langes und interessiertes Gespräch angeschlossen. Dafür war Bedarf vorhanden. Dass ich mich selbst dabei wohl gefühlt habe, brauche ich kaum zu erwähnen. 

 

Das erzähle ich deshalb, weil diese Veranstaltungsreihe dort unter Eigenregie entstanden ist, und weil die Leute ganz offensichtlich an solcherart Vorträgen, wie ich ihn gehalten habe interessiert sind. Aber das betrifft nicht nur mich, sondern alle anderen, die dort auch zu Gesprächen und Vorträgen eingeladen werden. Seit der Beginn der Veranstaltungsreihe ist die Anzahl der Teilnehmer gewachsen. 

 

Nebenbei erzählte mir mein ehemaliger Kollege Arne Börnsen, wie ich MdB a.D., dass er auch einen kleinen Gesprächskreis bei sich zu Hause ins Leben gerufen hat, der dort monatlich tagt. Er widmet sich einem sehr spezifischen, aber modernen und aktuellem Thema, den digitalen Netzen. Also allem, was mit Internet, Mobilfunk, Frequenzen, Netzausbau, Telekom usw. zusammenhängt. Es ist ein Thema, dass unter dem Stichwort der Netzneutralität durchaus auch in der Öffentlichkeit heiß diskutiert wurde. 

 

Solche Gesprächszirkel können sehr belebend sein. Sie erfüllen gleich mehrere Funktionen gleichzeitig. Sie klären auf, schaffen einen Diskurs, stellen auch eine kleine Gemeinschaft her, stiften vielleicht sogar Freundschaften, oder vertiefen sie. Sie erfüllen den bei allen Menschen vorhandenen Bedarf nach Austausch, Informationen, Erkenntnissen und Beteiligung. 

 

Ich selbst habe mich mal in den 90er Jahren an der Schaffung eines Gesprächszirkels ehemaliger DDR-Oppositioneller beteiligt, der dann regelmäßig bei Bärbel Bohley in ihrem Atelier im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg stattfand, bis diese nach Bosnien ging, um dort ein Kinderheim zu betreuen. Das war spannend, denn es ging um das Selbstverständnis der ehemaligen DDR-Opposition nach friedlicher Revolution und Deutscher Einheit, die nicht gerade von jedem der Oppositionellen gewünscht war, aber zu der sie, und zwar mehr als viele andere beigetragen hatten. 

 

Es gehört wohl nicht viel dazu, so etwas zu organisieren. Und sie schaffen in jeder Hinsicht für alle Beteiligten intellektuellen Gewinn. 

 

Arne Börnsen hat gleich zwei dieser Gesprächskreise mit aus der Taufe gehoben. Wobei es selbstverständlich ein Unterschied ist, ob ich versuche für die Mitglieder der AG 60+ der SPD von Osterholz, die immerhin, wenn ich mich richtig erinnere fast 300 an der Zahl sind, inhaltlichen Input organisiere, oder ob ich mich mit einem kleinen Kreis in brainstorming-Format einem spezifischen Thema widme. 

 

Es ist eine nachahmenswerte Initiative. Denn wir haben alle etwas zu sagen und auch mitzuteilen. Das kann man nicht, wenn man alleine bleibt. Wir stoßen an unsere eigenen engen Grenzen unseres ganz persönlichen Denkens, wenn wir uns nicht dem Diskurs stellen. Gesprächszirkel schaffen eine neue Perspektive. Sie sind fast ohne Aufwand zu organisieren. Das hat auch etwas mit Politik zu tun, mit Freiheit und Verantwortung, und der politischen Dimension unserer eigenen Persönlichkeit, unseres eigenen Ichs. 

 

Nachahmenswert. 

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Fr

17

Feb

2017

Frühlingswetter

 

 

 

 

Frühlingswetter in Berlin

 

 

Es ist ganz erstaunlich

 

 

Mitten im Winter

 

 

ist es 

 

 

Frühling in Berlin

 

 

 

 

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Do

16

Feb

2017

Wir wollen ein Mahnmal für die Opfer der Kommunistischen Gewaltherrschaft in Deutschland

Dieser Text ist in Vorbereitung des Fachgesprächs des Kulturausschusses des Bundestages am 15. Februar 17 entstanden. An ihm haben Mitglieder der Initiativgruppe für die Schaffung des Mahnmals bei der UOKG mitgewirkt. Ich habe ihn als Vorlage für mein Eingangsstatement auf diesem Fachgespräch benutzt. 

Wir wollen dieses Mahnmal den Opfern des Kommunismus in Deutschland widmen. Betroffene sollen hier ihre Trauer über die im Namen des Kommunismus erlittenen Demütigungen und Verletzungen, Verluste und Schäden, Krankheiten und Tod zum Ausdruck bringen können. Wir wollen, dass das bundesdeutsche Gemeinwesen ihnen mit diesem Mahnmal signalisiert, dass ihre Trauer ernst genommen wird, in die Öffentlichkeit gehört und alles unternommen wird, einen neuen Rückfall in totalitäre Systeme zu verhindern, gleich ob von rechts oder links, gleich ob kommunistisch oder nationalsozialistisch, oder in welchen Formen auch immer totalitäres Denken und Handeln erneut unser demokratisches Gemeinwesen in Gefahr zu bringen droht.

 

Wir wollen, dass dieses Mahnmal uns und die Nachgeborenen daran erinnert, welche Schrecken einst mit dem Kommunismus in Deutschland verbunden waren, und dass wir uns dieser Schrecken bewusst bleiben. Sie sollen uns Mahnung sein, unser Gemeinwesen auf seinem demokratischen Weg weiterzuentwickeln, ohne jemals auf die Achtung der Menschenrechte, des demokratischen Rechtsstaats und der staatlichen Gewaltenteilung zu verzichten.

 

Wir wollen, dass dieses Mahnmal in Berlin errichtet wird, weil Berlin als Hauptstadt der DDR in Deutschland die kommunistische Macht- und Handlungszentrale war, weil heute in Berlin als Hauptstadt des wiedervereinten Deutschlands die politischen Weichen für die Zukunft unseres Landes gestellt werden und weil ein Mahnmal in dieser Stadt mit ihrem sehr hohen Besucher-aufkommen eine besonders große Resonanz verspricht.

 

Wir wollen, dass dieses Mahnmal ein untrennbarer Bestandteil der Mahn- und Gedenkstättenlandschaft im Umfeld unseres Regierungs- und parlamentarischen Zentrums in unmittelbarer Nähe zum Reichstag als dem Sitz unseres Bundestages errichtet wird.  Es soll ein Zeichen setzen, dass es in Fragen totalitären Terrors keine Rangfolge geben kann.  

 

Wir wollen mit dem Mahnmal einen Erinnerungsort staatlichen Gedenkens für die Opfer des Kommunismus schaffen, und einen Ort, an welchem auch Staatsgäste der Opfer des Kommunismus in Deutschland gedenken können.

 

Wir wollen, dass dieses Mahnmal mit einer verständlichen Symbolik und Ästhetik Opfer und alle anderen Besucher, darunter auch Gelegenheitspassanten, die vielleicht nur zufällig zu diesem Ort gelangen, anspricht und einlädt, sich in ihren Gedanken und Vorstellungen mit den Schrecken der kommunistischen Gewaltherrschaft und seinen Opfern zu beschäftigen. Wir wollen, dass dieses Mahnmal die Sehnsucht der Betroffenen nach Frieden, Freiheit und Geborgenheit vor staatlichem Terror zum Ausdruck bringt, und dass es Mitgefühl für die Opfer bei seinen heutigen Besuchern auslösen möge.

 

Wir wollen, dass das Wissen um die ganz unterschiedlichen Opferbiographien mit Hilfe geeigneter Veranstaltungen weiter verbreitet wird. Dafür soll es einen geeigneten Träger geben, der das Mahnmal in seiner Obhut hat, es pflegt und wartet.

 

Und wir wünschen, dass ein Dokumentationszentrum vor Ort für alle Besucher des Mahnmals über die kommunistische Gewaltherrschaft informiert, entsprechende Bildungsangebote vorhält und auf die unterschiedlichen Gedenkorte der kommunistischen Gewaltherrschaft in Berlin und allen übrigen Orten in Deutschland verweist.  

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Fr

10

Feb

2017

Selbstverliebtheit ist kein Ersatz für Größe

Zum Ende der Amtszeit von Joachim Gauck

Die berechtigte Kritik am wirtschaftlichen Versagen der DDR, ihrer politischen und gesellschaftlichen Apokalypse mündete für manch einen ehemaligen DDR-Bürger in eine Art Weichzeichnen der Zustände in der Bundesrepublik. Der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck ist ein Beispiel dafür. Das ist an seiner kritiklosen Bejahung der sozialen Marktwirtschaft gut zu erkennen.

 

Das Bewusstsein dafür, dass jeder Art von Marktwirtschaft, wie wir sie haben, auch zerstörerische Tendenzen eigen sind, ist Gaucks Stärke nie gewesen. Sein Begriffspaar von Freiheit und Verantwortung ist im Grundsatz von niemanden bestritten worden, gehört aber letztlich in seiner Isoliertheit in den Diskurs des 19. Jahrhunderts. Eine Orientierung für diejenigen, die unter den Schattenseiten von wirtschaftlicher Modernisierung, Internetrevolution und Globalisierung leiden, konnte er unter diesen Bedingungen kaum geben, ja musste der Hinweis auf Freiheit und Verantwortung eher wie ein Hohn wirken. Das ist umso erstaunlicher, als dass gerade in Ostdeutschland, Gaucks Herkunft,  diese Schattenseiten mit der Deindustrialisierung ganzer Landstriche offenbar wurden, obwohl oder vielleicht gerade auch weil das Auseinanderhalten von SED Erbe und schädlicher Treuhandpolitik schwierig ist.

 

Natürlich profitiert Deutschland heute von Internet und Globalisierung. Weil die Welt auf diese Weise aber zusammenrückt, und Reibung entsteht, wo vorher Abstand war, kommt unsere Gesellschaft nicht darum herum, sich selbst zu überprüfen. Der Satz des Vorgängers von Gauck im Amte „Der Islam gehört zu Deutschland“, war vor diesem Hintergrund eine echte Integrationsleistung, und eine Erkenntnis, mit der Gauck sich zu Beginn seiner Amtszeit schwer getan hat. Andererseits hat er, und das ist ihm hoch anzurechnen, demokratische Grundwerte, wie Rechtsstaat und Menschenrechte, zur Grundlage einer gelingenden Globalisierung erklärt, und dafür in der Türkei und in China gestanden. An dieser Haltung hat er auch gegenüber dem Putin‘schen Russland festgehalten, was letztlich zum internationalen Boykott der olympischen Winterspiele in Sotchi geführt hat. Ob er das beabsichtigt hatte, weiß ich nicht. Aber die Konsequenz mit der er auf seinen, unseren demokratischen  Grundwerten bestanden hat, ist richtig, und das hat mich als ehemaligen DDR-Oppositionellen auch richtig stolz gemacht.

 

Der Bundespräsident Gauck hat sich erkennbar in seiner Rolle wohlgefühlt. Er wurde geliebt, und er schien diese Liebe zu brauchen. Er hat gute Reden gehalten und er hat nach Macht gestrebt. Doch gerade für ihn gilt, weil er so viel davon redet, dass Macht immer auch Verantwortung heißt. Und der ist er an einigen Stellen nicht gerecht geworden. Möglicherweise hat ihn sein Bedürfnis nach Macht und Anerkennung in eine Falle geführt.

 

Denn es ist auch Aufgabe jedes Bundespräsidenten, auf politische Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen, die politische Elite aus ihrer Selbstgefälligkeit zu rütteln, und in der Gesellschaft das Gefühl für die selbstkritischen Fähigkeiten dieser Elite wachzuhalten. Dieser Aufgabe ist Gauck viel zu selten gerecht geworden. Dabei hätte ihm gerade die Regierung der Großen Koalition und Kanzlerin im Besonderen viel Anlass dazu gegeben. Tatsächlich ist er hier nur einmal wirklich wahrgenommen worden, als er die Klage von einigen Abgeordneten gegen die Euro-Politik der Bundesregierung deutlich bejaht hat. Tatsächlich aber wäre es wichtig gewesen, den überfallartigen Hauruck-Stil der Kanzlerin, ihre Politik der vollendeten Tatsachen deutlicher unter die Lupe zu nehmen. Denn ihren verschiedenen Volten in der Klimapolitik, beim Atomausstieg, und in ihrer Europapolitik, jenseits jedes demokratischen Entscheidungsprozesses haben ihr in der Gesellschaft zwar lange hohe Beliebtheitswerte eingetragen, gleichwohl politisches Vertrauen zerstört. Zwar hat auch Schröder schon diesen Stil praktiziert, aber die Kanzlerin hat ihn ausgebaut. Zum Schluß ist ihr dieser Stil bei ihrer Flüchtlingspolitik schwer auf die Füße gefallen. Da war sie schon abgehoben, in ihrer eigenen Hybris der Erfolgsseeligkeit gefangen. Einige rechtzeitige kritische Worte hätten sie vielleicht davor bewahrt, wenngleich das schlecht einzuschätzen ist. Das ändert aber nichts an der Notwendigkeit des kritischen Korrektiv des Bundespräsidenten, der an dieser Stelle schlicht nicht vernommen worden ist.

 

Die Entwicklungen die zur AfD und die zu PEGIDA geführt haben, hat Gauck nicht wahrgenommen. Jenseits von industrieller Revolution und Globalisierung liegen ihre Ursachen in einem gesellschaftlichen Bodensatz völkischer Gesinnungen, das in Ostdeutschland leider besonders zu Buche schlägt. Keine Gesellschaft kommt um die Aufarbeitung ihres Versagens herum. In Ostdeutschland haben wir es mit einem doppelten Versagen zu tun. Gauck ist hier nie so beliebt gewesen, wie in Westdeutschland. Das hängt mit seiner Tätigkeit als Bundesbeauftragter zusammen, aber es hängt eben auch mit Ostalgie und den ostdeutschen Schwierigkeiten mit unserer modernen Gesellschaft zusammen, einer Gefühlsschicht, die auf die bei manchen eben noch vorhandenen völkischen Gesinnungen zusätzlich aufbaut. Das macht die gefährliche Grundströmung Ostdeutschlands aus. Darüber wäre eine Debatte zu führen, frei von Tabuisierungen aber klar in den Positionen. Gauck hat sie nicht geführt. Ihm war die Anerkennung seiner intellektuellen und politischen Leistungsfähigkeit im westdeutsch dominierten mainstream lieber, als die Mühen der Ebene seiner ostdeutschen Herkunft. Das hat er mit Angela Merkel übrigens gemeinsam.  

 

Deshalb wird er in die Geschichte eingehen als erster ostdeutsche Bundespräsident, dem die Anerkennung lieber war, als unangenehme Fragen zu stellen. 

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Di

07

Feb

2017

Mein Freund Gutzeit (4 und Schluss)

Mit Ibrahim Böhme hatten wir zu jeder Zeit die Staatssicherheit unter uns. Gutzeit hat das nicht angefochten. Für ihn war überhaupt die Staatsicherheit mehr ein Problem der Logik und des Verstandes als ein mentales, oder gar der Angst oder Furcht. In Sachen Staatssicherheit spürte man bei Gutzeit Wut, aber keine Unsicherheit. Ich habe gut nachvollzogen, dass er Böhme von Anfang an für einen unsicheren Kantonisten hielt, für ein Sicherheitsrisiko. Was ich nicht verstanden habe, war sein Test, mit dem er Böhme für sich entlarvt hatte, weit vor der Zeit, wo die ersten Akten über ihn in Umlauf kamen. Weit überhaupt auch vor der Zeit, wo die SDP in ihre Gründungsphase kam. Er versuchte mir das zu erklären, indem er eine Stelle aus dem „Idioten“ von Fjodor Dostojewski anführte, worin der Autor eine Doppelnatur aufzeigte. Mir war das zu hoch. Zumal ich den Idioten nur aus einer westdeutschen Verfilmung kannte, wenn auch einer guten. Mir fehlte also schlicht die Bildung um Gutzeit hier folgen zu können. Gutzeits eigene Sicherheit bei Fragen der Staatssicherheit war phänomenal.

 

In der Tat hatte er sie mit seiner Parteigründung überlistet. Denn die Verbindlichkeit von Parteistrukturen, das Prinzip freier Wahlen und die politischen Ziele der SDP setzten dem Aktionsradius jedes einzelnen undercover arbeitenden Parteimitglieds enge Grenzen. Wollten sie Einfluss innerhalb der Parteistrukturen haben, müssten sie sich für sie profilieren. Sie müssten also stärken, was sie zersetzen trachteten. Das war also ein Dilemma für die Genossen Schlapphüte, und für uns war es kein Spaziergang. Aber es führte auch zu der skurrilen Situation, dass Böhme am Runden Tisch gemeinsam mit Gutzeit für die Durchleuchtung sämtlicher Mitglieder des Runden Tisches stimmte. Was blieb ihm übrig. Gutzeit brauchte er nichts vorzumachen. Aber enttarnen lassen wollte er sich auch nicht.

 

Ibrahim verhielt sich intrigant. Er spielte Theater. Bei unserer ersten Begegnung nach der Gründung versteckte er sich. In seiner Wohnung wollte er niemanden empfangen. Im nahegelegenen Park sah er überall Spitzel. Gutzeit knurrte: „Spielchen!“, während ich eher noch Mitleid hatte. Aber auch mir fiel auf, dass Böhme keinen Versuch zu einem konstruktiveren Gespräch, und sei es noch so kurz unternahm, sondern dass er jeglicher Gesprächsansätze mit dubiosen Hinweisen, der Notwendigkeit, jetzt rauchen zu müssen, unbedingt jemanden anzurufen, oder Kaffeetassen abzuwaschen unterband.

Gleichwohl wartete er bei den Vorstandssitzungen mit Informationen auf, die allem Anschein aus dem ZK stammen müssten auf, redete später mal von Modrow, mit dem er nächtliche Gespräche geführt hätte, oder gar mit einer Einschätzung, dass, wenn die friedliche Revolution so weiterginge, die Russen ihre Truppen aus der DDR abziehen würden. Letzteres freute Gutzeit außerordentlich. Ersteres machte ihn misstrauisch.

 

Und gleichwohl hatte in den ersten Monaten nach SDP-Gründung unsere Zusammenarbeit noch einen vertraulichen Charakter. Das veränderte sich nach Jahreswechsel, als unsere Arbeit zunehmend professionelle Züge erhielt. Dissenz entstand. Und Böhme machte schlapp. Erst zog er aus seiner Wohnung aus, weil es dort angeblich Bombendrohungen gegeben habe. Gutzeit meinte: „Legendenbildung“. Und dann ergab er sich dem Alkohol. „Überfordert“, bemerkte Gutzeit dazu. Irgendwie schien er ihn dennoch unter Kontrolle zu haben, was zunehmend schwerer wurde. Denn eines Tages meinte er zu mir: „Wenn es gar nicht mehr weitergeht, dann muss man das Messer auf den Tisch legen.“ Ich verstand, dass er kurz davor war, ihm zu sagen, was er wirklich von ihm hielt. Aber wahrscheinlich ging es um mehr. Das war in den Wochen vor unserem ersten Parteitag in Leipzig-Markleeberg, der für Böhme zum Höhe- aber auch Wendepunkt seiner Karriere wurde. Böhmes Einfluss war so groß geworden, dass er anstandslos zum Spitzenkandidaten für die bevorstehende Volkskammerwahl gewählt wurde. Meckel und Gutzeit aber fielen in der Vorstandswahl im ersten Wahlgang durch. Da ging Böhme ans Mikrofon und bat die Delegierten um Stimmen für sie. Gutzeit, der neben mir saß, meinte nur: „Das habe ich gewusst!“. So wie ich Gutzeit kannte, ging es hier nicht um eine Insiderinformation, sondern um seine Einschätzung. Denn Böhme hatte keinen außer diesen beiden, die ihn irgendwie durch das schwierige Fahrwasser der nächsten Zeit hätten steuern können. Der Stasi-Spitzel war auf sie angewiesen. Die Unterwanderung hatte in Abhängigkeit geführt.

 

Ein Bote von Momper erschien auf dem Parteitag mit einer geheimen Botschaft, nur für Böhme bestimmt, nicht für uns, die wir die Partei führten: Akten über Böhme waren aufgetaucht. Von da an war es nur eine Frage der Zeit, bis Böhme in den Medien enttarnt werden würde. Aber wir wussten nichts davon, aber wir waren auch nicht mehr überrascht.

 

Nach der Enttarnung Böhmes wurde nicht sofort reiner Tisch gemacht. Die SPD zeigte sich nicht dazu in der Lage. So konnte er in der Partei bleiben, konnte weiter mit uns spielen, konnte sogar wieder in den ersten gesamtdeutschen Vorstand gewählt werden. Wir schleppten ihn mit, ihn, der zu einer kraftlosen Puppe verkommen war. Mitleid hatte ich nicht.

 

Später hat Gutzeit dafür gesorgt, dass Böhme aus der Partei ausgeschlossen wurde. Doch das war in der Tat Jahre später. Erst dieser Schritt setzte Böhmes politischem Theater ein Ende. Böhme hat die SDP nicht verhindern können, er hat ihren Kurs nicht bestimmen können. Schaden hat er gestiftet. Aber eine Legende ist er nicht geworden.

Die Zeiten hatten sich gewaltig geändert.

 

Die Ost-SPD, wie wir sie gegründet hatten, gab es so nicht mehr. Sie fächerte sich in ihre ostdeutschen Landesverbände auf, und einige wenige gingen in die Bundespolitik. Neue Gestalten standen an ihrer Spitze. Die Partei versprach sich von ihnen mehr Erfolg, ein besseres Image. Der Kurs der Gründer lag im Keller. Jemand, der im kommenden Brandenburger Landtag für die SPD Parlamentspräsident werden würde, dessen persönliche Kriegsschuld, wie sich später herausstellte, in seinen Rücktritt mündete, hatte zu Gutzeit gesagt als der sich für die erste gesamtdeutsche Wahl um einen Bundestagswahlkreis bemühte: „Nach der Revolution gehen die Soldaten in die Kaserne zurück!“. Die Partei war nicht nur undankbar, sie wollte auch vergessen machen, woher und warum sie entstanden war.

 

*

 

Als die Wogen dieser ersten gemeinsamen Bundestagswahl für das vereinte Deutschland wieder geglättet waren, als sich der Bundestag konstituiert hatte, und Alltag einkehrte, fuhr ich nach Marwitz ins Pfarrhaus. Das Pfarrhaus war leer. Das Namensschild war da noch: Gutzeit. Nachbarn erzählten mir, wo die Familie abgeblieben war. „Ja, das war doch dieser Pfarrer, der in die Politik gegangen ist.“, meinte einer zu mir. Die Revolution frisst ihre Kinder, lautete der Titel von Leonhardts Buch. Ich für meinen Teil fühlte mich nicht aufgefressen. Eher eingekapselt und abgeschirmt. Als ich in der Fischerinsel klingelte, war das die Fortsetzung wie auch ein Neubeginn einer in den revolutionären Zeiten geborenen und gereiften Freundschaft, ohne die ich die politischen Volten der kommenden Jahre nicht überstanden hätte.

 

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Fr

27

Jan

2017

Mein Freund Gutzeit (3)

Dieser, der vorherige und die in den nächsten Tagen folgenden Texte sind eine Vorschrift auf einen Text, der anläßlich Gutzeits 65. Geburtstag erscheinen soll. 

Martin Gutzeit hatte einen Computer, den besten, den man unter DDR-Bedingungen vom Westen haben kann, den letzten Schrei des aufkeimenden Massenkonsums in Sachen Computer, einen Commodore, C64.

 

Damit wollten wir jetzt eine Zeitung machen. Gutzeit hatte ein schönes Programm dafür, WordPerfect, was es heute noch gibt. Ich kannte das nicht. Ich war ja selbst sogenannter Computerfachmann, aber meine Computer sahen anders aus. Bürocomputer waren das nicht. Aber Erfahrung und für notwendige innere Ruhe, die man für diese Art von Maschinen braucht, hatte ich schon.

 

Einen Namen für die Zeitung hatten wir auch: Depesche. Böhme hatte gemeint, dass das der Name eines alten sozialdemokratischen Publikationsorgans gewesen sei. Unser neuer Pressesprecher, Peter Grimm hatte von einer solchen Publikation geschwärmt. Aber Zeit, sich mit so was zu beschäftigen hatte keiner der Vorstandskollegen.

So machten wir beide, Gutzeit und ich uns alleine ans Werk. Es ging erst abends los, tagsüber war keine Ruhe dafür, und auch kein Raum. Aber nun saßen wir in der Wohnung von Rainer Rühle auf dem Hinterhof der Tieckstr. 17 im dritten Stock, in einem leeren Zimmer. Rühle hatte uns freundlicherweise diesen Raum angeboten, weil die kleine Familie diesen Raum noch nicht brauchte. Rühle, der am nächsten Tag arbeiten musste, ging schlafen.

 

Es zeigte sich schnell, dass WordPerfect zu groß für den C64 war. Der Computer schaufelte ständig dessen Programmteile hin und her, je nach Bedarf. Der Bedarf war groß, die Wartezeiten lang.

 

Wir hatten zwar einige Texte, aber das ganze sollte auch in ein ansprechendes Layout gebracht werden. Jeder neue Layout-Versuch verursachte wieder Umschaufelungsaktionen und damit Wartezeiten. Und so vergingen Stunden, und es wurde 2 Uhr, 3 Uhr in der Nacht, ohne dass irgendein Ende abzusehen war. Es schien wie es so häufig bei Computerarbeiten ist, nur wenige Schritte, bis zu einer gut akzeptablen Lösung. Und das motiviert einen immer wieder neu. Die Aussicht am nächsten Morgen dieses fertige Layout mit unserer ersten Zeitung den sozialdemokratischen Freunden vorstellen zu können, war so verlockend, dass wir uns die nächsten Nachtstunden um die Ohren hauten. Aber wie weiland bei Sisyphos, nie konnte uns der Computer mit seinem WordPerfect wirklich zufrieden stellen. Mir dämmert, dass wir Abstriche von unseren Vorstellungen machen mussten, wenn wir denn überhaupt ein Ergebnis haben wollten. Ich war hin und hergerissen zwischen meinen eigenen Qualitätsvorstellungen: „Man kann doch schließlich unser Blatt nicht wie ein billiges, nur gut gemeinstes, aber nicht gut gemachtes Samisdat-Blatte aussehen lassen.“. Und Gutzeit ging auf das von mir benannte Dilemma gar nicht mehr ein. Während ich müde begann, zu resignieren, paffte Gutzeit eine Zigarette nach der anderen ohne in der Sache einen Schritt weiter zu kommen.

 

Um sechs Uhr stand er auf und ging. Er hatte irgendeinen Termin, oder er musste sich um seine Tochter kümmern, das weiß ich nicht mehr.

 

Das Blatt ist nie erschienen. Zeit für einen neuen Versuch hatten wir nicht. Andere fanden sich nicht. Wir waren gescheitert, aber die nächsten Tage waren wieder so voller Ereignisse, dass die Sache mit dem Telegraph schnell in den Hinterstuben unseres Gedächtnisses verschwunden war. 

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Mi

25

Jan

2017

Mein Freund Gutzeit (2)

Dieser, der vorherige und die in den nächsten Tagen folgenden Texte sind eine Vorschrift auf einen Text, der anläßlich Gutzeits 65. Geburtstag erscheinen soll. 

Einer der Sätze, die von Gutzeit häufig zu hören waren, lautete: „Wer Demokratie will, muss sie  praktizieren!“. Das war das unser Organisationsprinzip. Auf diese Weise organisierte sich die SDP in der Fläche. Und das erklärte auch, weshalb ich zum ersten Sprecher gewählt werden konnte, warum von den Gründern keine Personalvorgaben  gemacht wurden, keine Vorentscheidungen getroffen wurden, und warum Gutzeit so ruhig blieb, als er anfangs nicht mal in den geschäftsführenden Ausschuss gewählt wurde.  Es gab keine Einmischung in Personalfragen. Die Gruppen, Ortsvereine, Kreis- bzw. Bezirksverbände wählten ihre Vorstände selbständig ohne Einmischung von uns. Wir waren keine Kaderpartei, wie die verhasste SED. Wir hatten Vertrauen, und die Verbände hatten die Verantwortung. Dieses Nichteinmischungsprinzip sprach unseren Mitgliedern die Freiheit und die Fähigkeit zu, für ihre eigene Zukunft selbst sorgen zu können. Und da wo sie scheiterten, sich selbst korrigieren zu können. Manch einer, insbesondere von der West-SPD verwunderte dieses Prinzip, aber es war kein Zeichen von Schwäche, auch nicht aus der Not geboren, sondern ein ganz bewusster, logischer Schritt aus unserem Selbstverständnis heraus. Und es war erfolgreich. Nur so konnte sich Leipzig organisieren, die mit ihren SDP – Strukturen die Grundlagen für eine lange erfolgreiche SPD-Arbeit legen konnten, deren Wahlerfolge fast 20 Jahre lang die der anderen sächsischen Regionen überstrahlten. Denn dort waren Leute am Werk, die das politische Organisationsangebot der SDP für sich zu nutzen verstanden. Und nur so konnte der Berliner Bezirksverband sich noch vor dem Mauerfall am 9.November konstatieren. Wir haben niemanden zum Rapport bestellt, wir haben nie eine Weisung erteilt. Wir haben aber den Regionen die Möglichkeit gegeben, an unseren Sitzungen teilzunehmen. Wir haben sie ernst genommen und  den notwendigen Handlungsspielraum gegeben. Die SPD heute insbesondere in Ostdeutschland ist weit von dieser damals von uns praktizierten Freiheit entfernt. Gerade mit den Einmischungen in inhaltlichen, organisatorischen und Personalfragen werden verschiedentlich die Territorialverbände entmündigt, was die handelnden Akteure vor den Kopf stößt, und niemand mehr Lust und Energie hat sich da einzubringen. Was Demokratie in praxi bedeutet: Freiheit und Vertrauen, das habe ich von Gutzeit gelernt.

 

*

 

Wir haben viel gelacht in diesen Wochen und Monaten. Gutzeit und ich trafen uns zeitweise täglich. Es war immer Ernst, und es war immer lustig. Dabei ging es nicht um Schadenfreude, oder um sarkastisches Auslachen. Es war die Freude, die einen erfasst, wenn man zu unerwarteten Erkenntnissen kommt, wenn man plötzlich Lösungen sieht oder wenn man plötzlich etwas auf den Punkt bringen kann. Es war eine Freude, die etwas mit Verstehen zu tun hat. Dieses Lachen hat die im Grunde harte Arbeit der damaligen Zeit zu einem reinen Vergnügen gemacht. Es war kein teuflisches Lachen, auch wenn sein Dröhnen durch die Mauerwände drang, es war ein Lachen aus dem Spaß am Reflektieren, des Schlussfolgerns, des eigenen Denkens geboren. Es hatte auch etwas protestantisches an sich. Denn Protestanten lachen viel. Und wir waren Protestanten. Aber hier ging es um Politik. Und unsere Werte flossen in die Politik mit ein. Und doch war das keine protestantische Revolution die wir hier betrieben, sondern eine demokratische. Wir haben nicht aus Genugtuung heraus gelacht. Als sich die Mauer zum Beispiel öffnete, in den frühen Nachtstunden des 9. November, da saßen Gutzeit und ich gerade in einer Kneipe mit dem späteren Innensenator von Berlin Erhard Körting zusammen, und stießen darauf an, da haben wir nicht gelacht, sondern „nur“ gefreut. Gelacht haben wir, wenn die List der Vernunft mal wieder jemanden ein Schnippchen schlug. Als wir Modrow mit einem kleinen Interview austricksen konnten, der gerade vorhatte, sich per Plebiszit zusätzlich Autorität zu verschaffen, da haben wir gelacht. Als wir Stolpe als Spitzenkandidaten für die Volkskammerwahl ausgeschaltet hatten, da haben wir auch gelacht. Das Lachen hatte auch etwas Entspannendes. Als aber die West-SPD uns zum Partner machte, da hat Gutzeit nicht gelacht, sondern nur gesagt: „Die hatten keine Wahl“. Dieses keine Wahl haben, war eine Folge des Gutzeit‘schen Reflektionsvermögens. Er hatte die Schritte immer schon voraus gedacht. Als ihn mal jemand in meinem Beisein frug, wie viele Schritte man vorausdenken muss, da antwortete er nach kurzem Zögern: „Immer einen mehr“. Und dann lachte er wieder sein dröhnendes Lachen. Denn mit diesem, Immer einen mehr, hatte er mindestens zwei Vorstöße gleichzeitig gekontert. Als ob man das Vorausdenken zählen könnte, was für ein Unsinn! Und zum anderen lautete die Botschaft: Du erwischst mich nicht. Es war ein Bonmot. Gutzeit arbeitet viel mit Bonmots. Davon können auch andere viel erzählen.

 

Gerne erzählte er die Geschichte, wie ein vermeintlicher Spitzel zu DDR Zeiten ihn mal frug, was man denn machen können, um die DDR weiter schwächen zu können, und er ihm einfach geantwortet hatte: „Gar nichts. Die (damit war die SED gemeint) müssen einfach weitermachen, nur weitermachen.“ Denn sie schaufeln sich ihr eigenes Grab. Einigermaßen bedreppelt blieb der Spitzel stehen. Gutzeit machten solche Sprüche Freude, intellektuelle Freude. Man spürte förmlich die Macht, die er in solchen Momenten sichtbar in der Hand hatte. Er brauchte keinen Machtanspruch. Er hatte Macht, Macht durch Wissen, durch Vorausdenken, durch Selbstbewusstsein und durch Handlungsfähigkeit. Davon konnten andere nur träumen.  

 

*

 

Doch Gutzeit konnte auch sehr ernst sein, und wenn es sein muss hart, und jegliche Geschäftsordnung beiseiteschieben, wenn es ihm Ernst war. Er hat die demokratischen Regeln nicht angebetet. Als die Ost-SPD in den Tagen nach der Delegiertenkonferenz ein Listenbündnis mit den übrigen Oppositionsparteien eingehen wollte, und das ohne sein Beisein bereits beschlossen hatte, wurde er wütend. Er kam erst spät dazu. Es muss schon 10 oder 11 Uhr abends gewesen sein. Und er wurde so wütend, dass er die ganze Tagesordnung umwarf, und die Vorstandsmitglieder frug, ob sie alles erreichte über den Haufen werfen wollten, ob sie die Einheit der Ost-SPD aufs Spiel setzen wollten, ob sie wirklich bereit waren, den anderen, unbedeutend gewordenen Oppositionsgruppen auf unsere Kosten zu Macht und Einfluss zu verhelfen, und ob sie die ganze Zusammenarbeit mit der West-SPD aufs Spiel setzen wollten, ja zum Schluß ob sie für die SED-PDS Wahlkampfhilfe leisten wollten. So dämmerte den Vorstandsmitgliedern, auf welch ein Spiel sie sich hier eingelassen hatten. Und so warfen sie ihre eigenen Beschlüsse wieder um. Ich selbst hatte dabei keine rühmliche Rolle gespielt, und für einen Moment den Kompass verloren. Das hatte gereicht. Ich habe mich geschämt für mich damals. Aber passiert war passiert. Und die Aktion von Gutzeit war Rettung in letzter Minute gewesen.

 

*

 

 

Nach Niederndodeleben, wo wir Meckel treffen wollten um eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschuss durchzuführen, es war in den Tagen unmittelbar nach dem Mauerfall, fuhren Gutzeit und ich in meinem Trabbi auf dem Berliner Ring gen Westen, und an einem unendlichen Stau von DDR-Autos auf der Gegenfahrbahn vorbei. Alles Leute, die jetzt nach Westberlin strebten. Gutzeit sinnierte über das, was denen jetzt bevorstand, nicht im negativen Sinne. Und er erzählte mir, dass er seinen Bauern schon lange vorher eingeschärft hatte, dass sie ihre Grundstücke behalten sollten, wenn die Wessis kommen würden. Er sah den Finanztransfer aus Westdeutschland voraus, den Vermögenszuwachs in Ostdeutschland, der ja heute sichtbar in vielen Regionen eingetreten ist, nicht nur in den Städten. Und dann sagte er an diese Leute denkend: „Dankbarkeit ist keine politische Kategorie!“. Wir lachten hier nicht so viel wie sonst. Ich lächelte eher. In diesem Satz lag sicherlich viel Menschenkenntnis, aber auch Bitternis. Er sollte einem helfen, das Unabweisbare hinzunehmen. Aber das ist nicht immer so einfach, wie es klingt. Niemanden war die Endlichkeit unseres politischen Handelns so klar, wie Gutzeit. Meckel nicht, und mir schon gar nicht. Ich dachte damals, dass Gutzeit zu pessimistisch ist. Und da ja Einstellungsfragen auch Erfahrungsfragen sind, gedachte ich für mich, diese Endlichkeit auszutesten. Gutzeit ließ mich gewähren. Er hatte seinen Satz gesagt. Es lag an mir, meine eigenen Erfahrungen zu machen. Doch als auf dem letzten Parteitag der Ost-SPD im September 1990 die ganze Riege der Ost-SPD-Gründer, und zwar der unmittelbaren eigentlichen Macher, Gutzeit, Meckel, auch Schröder oder auch ich, abgewählt wurden, und statt dessen dieser Stasi-Spitzel Böhme, oder die populistische Regine Hildebrandt, auch Angelika Barbe mit großen Mehrheiten in den künftigen Vorstand der nunmehrigen gesamtdeutschen SPD gewählt wurden, da war Gutzeit traurig. „Dankbarkeit ist keine politische Kategorie!“ Man kann das wissen, aber es auszuhalten, ist eine ganz andere Frage. 

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Di

24

Jan

2017

Mein Freund Gutzeit

Dieser und die in den nächsten Tagen folgenden Texte sind eine Vorschrift auf einen Text, der anläßlich Gutzeits 65. Geburtstag erscheinen soll. 

Das erste Mal, wo ich Gutzeit sah, war der Gründungsparteitag der SDP. 

Ich fühlte mich nicht fremd dort, in diesem Pfarrhaus von Schwante. Das war mein Milieu. DDR-alternatives Aussehen, Kutten, lange Haare, Bärte. Gleichwohl freundliche, sympathische und offene Gesichter.  Ich kannte nur sehr Wenige in dieser, den Gemeindesaal ausfüllenden Schar. Dieser Gemeindesaal war mit uns etwas über 40 zählenden Gruppe auch wirklich voll. 

 

Und plötzlich, die Versammlung hatte schon begonnen, kam jemand herein, der mir sofort auffiel. Er guckte grimmig, im Gegensatz zu den vielen anderen. Und er musterte die Gruppe. Er benahm sich völlig anders, als all die anderen, die hier saßen. Er wirkte wie jemand, der etwas kontrollierte, der etwas vorhatte mit den hier Anwesenden. Aber offenbar war er zufrieden. Denn er nickte kurz. Dann setzte er sich und schwieg. 

Der Mann war interessant. Sein Gesicht hat etwas von einem dieser griechischen Philosophen an sich. Tiefe Furchen, herabgezogene Mundwinkel. Ich habe mich immer gefragt, warum Philosophen so aussehen müssen. Aber sie taten es. Merkwürdig diese Ähnlichkeit. 

 

Ich kann mich lange nicht mehr an alle Details dieser Gründungsversammlung erinnern. Und die Erinnerung schlägt einem ja ein Schnippchen. Sie verändert sich mit jedem Male, die man sie bemüht. Doch die Erinnerung an das erste Mal, wo ich Gutzeit sah, verändert sich nicht. Hat sich nicht verändert, wird sich nicht verändern. 

 

Es war der Moment, wo für mich diese Freundschaft entstand, von der ich mir vorgenommen habe, hier zu erzählen. 

 

Es würde den mir zur Verfügung stehenden Raum, alles zu berichten, sprengen. Deshalb kann ich eigentlich nur kleinere Stückchen dieser Erinnerung an einander fügen, in der Hoffnung, damit ein Bild anzudeuten, das der Leser bitte gefälligst mit seiner eigenen Phantasie ausfüllen möge. Doch seine Phantasie wird ja nicht viel anders sein, als meine eigene es ist. Sie arbeitet von alleine. Und da wo wir zu wissen meinen, arbeitet unsere Vorstellung von ganz alleine, nicht selten gänzlich unbemerkt von unserem Bewusstsein. Bilder reihen sich an Bilder. Sie vervollständigen sich von alleine. Aber sie speisen sich aus der eigenen Erlebniswelt. Man kann das nicht verhindern. Und man soll es auch gar nicht tun. Man kann nur erzählen. Und genau das will ich hier tun. 

 

Im Laufe dieses Tages, des 7.Oktober 89 gab es für mich einige völlig unerwartete Wendungen, die mir meine ganze Entscheidungsfähigkeit abverlangten, aber zum Schluß doch leicht überfordert hatten. Denn ich war zum ersten Sprecher gewählt worden, das heißt der erste Vorsitzende dieser neuen Partei geworden, an deren Zustandekommen ich nur marginal beteiligt war, und die ich zwar von ganzem Herzen bejahte, aber bisher keine Gelegenheit hatte, mich intellektuell darauf vorzubereiten. 

Gutzeit hatte in Schwante sichtbar für mich nicht viel geredet, vielleicht mehr agiert. Denn er setzte durch, dass vom Statut nur der erste Teil beschlossen wurde, dass es einen Aufnahmeantrag in die sozialistische Internationale gab, und dass die Versammlung vor Schluß der Tagesordnung abgebrochen werden musste, eben um dieses Statuts wegen. Ich verstand nicht richtig, warum ihm das so wichtig war. Zwar hielt ich dieses Basisgehabe in dessen zweiten Teil auch für naiv, doch bekämpft hätte ich es nicht. Genauso wenig, wie ich die Bemerkungen zur Deutschen Einheit für sehr zukunftsweisen hielt, die im Vortrag von Meckel zu hören waren. Sie trafen m.E. den Kern dessen, was uns bevorstand nicht. Aber hier wurde ich mit einem anderen Denken konfrontiert, als es mir bisher eigen war. Einer zusätzlichen Dimension, die des rationalem, politischen Handelns. In keiner der Gruppen, mit denen ich bisher zu tun hatte, war eine dermaßene Entschlossenheit zu spüren, wie in diesem von Gutzeit und Meckel betriebenem sozialdemokratischen Projekt. 

 

*

 

Auf einer der folgenden Vorstandssitzungen wurde der Geschäftsführende Ausschuss bestimmt. Ich setzte durch, dass Gutzeit da hineingewählt wurde. In den wenigen, von Gutzeit ausgehenden  Gesprächen, die wir seit der Gründung der SDP gehabt hatten, war die Perspektive zu spüren, die Gutzeit in Bezug auf die SDP eigen war. An der Stelle wo ich ein Gefühl hatte, hatte er klare Vorstellungen, Gedanken und Worte. Aber er kam nie autoritär oder gar besserwisserisch daher. Das wäre mir empfindlich aufgefallen. Und das tat es nicht. Er hatte etwas sehr überzeugendes an sich. Er argumentierte grundsätzlich, immer. Da wo andere mit dem Kopf durch die Wand wollten, redete er. Erst später stellte ich fest, dass auch Gutzeit einen in Grund und Boden reden konnte, wenn es ihm wichtig war. Damals kann ich mich an derartige Erfahrungen nicht erinnern. 

 

Die Gespräche mit Gutzeit erwiesen sich für mich von Anfang an als ausgesprochen hilfreich, ja als lehrreich. Er wurde mir zum entscheidenden Kompass in diesen von Ereignissen überfüllten Tagen, an denen manchmal so viel passierte, wie sonst in Wochen, ja Monaten nicht. Und ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Das war der Beginn einer Partnerschaft, die über Jahre halten sollte, und deren Ende auch heute noch nicht gekommen ist. 

 

Was ich für Gutzeit wurde, das weiß ich nicht richtig. Manchmal spüre ich es, manches kann ich mir erschließen. Doch was Gutzeit für mich wurde, das kann ich beschreiben. Er war jemand, der über Tage, ja Wochen hinaussah. Jemand, der mehr zu wissen schien, als all die anderen Menschen, die politisch daherkamen. Jemand, der über eine Erwartungshaltung und eine Perspektive verfügte, die nicht einer Zauberei entstammte, sondern seiner spezifischen Fähigkeit Sachverhalte durchzureflektieren, und zwar bis er ihnen auf den Grund gegangen war. Diese Fähigkeit könnte jeder haben, wenn er denn wollte. Gutzeit wollte offenbar. Er hatte tatsächlich etwas von einem Philosophen an sich, der sich der Möglichkeiten seines Verstandes bedienen konnte, besser als viele anderen, und der deshalb erklären konnte, und auch vorhersagen konnte, wo andere aufgegeben hatten, und lieber in Erwartungsgefühle oder Träume ausweichen, die lieber vom Glauben als vom Wissen sprechen, ohne zu wissen auf welche Vorstellungen sie sich da einlassen. Bei Gutzeit war immer alles genau. Nie habe ich ihn so etwas sagen hören, wie „das glaube ich nicht“. Bei ihm war und ist immer alles konkret. Und gerade deshalb nachvollziehbar, überprüfbar. Und in dem er sich selbst ernst nahm, konnte er auch jeden anderen ernst nehmen. Wer sich auf ein Gespräch mit ihm einlassen kann, spürt diese Ernsthaftigkeit bis heute. Aber es ist eine unbestechliche Ernsthaftigkeit. Eine Ernsthaftigkeit, die einem bewusst machen kann, wo man sich selbst nur auf die Gefühle oder gar Illusionen verlässt. Und deshalb empfanden ihn damals schon nicht wenige Menschen als verletzend. Denn es ist eine Kränkung, wenn einem in der Begegnung plötzlich die eigenen Grenzen, Dummheiten und Illusionen, denen man sich hingibt, klar werden.

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Mo

23

Jan

2017

Wahlkampf im Wahlkreis

Das folgende ist eine Stichpunktsammlung. Sie enthält Anregungen. Sie speist sich aus Erfahrungen eines Wahlkampfes in einer politisch strukturschwachen Region. 

Zeitleiste erstellen

Plakatierung

Werbemittel

Organisieren von Veranstaltungen

Bürokratie

An Abbau denken

 

Finanzplanung machen

wieviel Finanzen habe ich

Wie setze ich sie ein

wie organisieren ich mir zusätzliche Finanzen

 

Werbemittel planen

 

Politisches Präventions- und Vorstoßzentrum einrichten

Plakatierung planen

Wieviele

Wer

Wo

 

Infostände

Wer

wo

welche mache ich mit

 

Veranstaltungsplanung

Zu welchen Veranstaltungen werde ich eingeladen?

Welche Veranstaltungen führe ich selber durch?

Mit welchen Veranstaltung erreiche ich viele Leute?

 

Online-Wahlkampf

Soziale Medien

Neue Medien

Twitter

homepage

Mailing

 

Brennpunkte festlegen

wo macht Engagement Sinn

wo ist es unerheblich

wo wird es erwartet

 

Was bewegt die Leute

Themensammlung

                Themen analysieren

                Argumentierungen überlegen

Argumentierung auswendig lernen

 

Ein-Satz-Argumentierung entwickeln auf folgende Fragen:

Warum sollte ein Rentner SPD wählen

Warum sollte ein Arbeitsloser SPD wählen

Warum sollte ein Jugendlicher SPD wählen

Warum sollte ein Arbeitnehmer SPD wählen

Warum sollten Eltern SPD wählen

Warum sollte Frauen SPD wählen

 

5-Schritte Rhetorik entwickeln auf die gleiche Fragen

 

Vorbehalte, Ressentiments gegen die SPD sammeln

 

Die SPD ist nicht mehr die Partei der einfachen Leute

Hartz IV hat die Arbeitnehmer verraten

Die SPD sieht man nur, wenn Wahlkampf ist

Die SPD hat nicht das Geld

Die SPD hat meine Rente gekürzt

etc. ……..

 

Antworten auf diese Vorbehalte entwickeln

 

Konkurrierende Parteien

Was macht die Attraktivität der konkurrierenden Parteien aus?

Warum wählen die Leute die anderen Parteien, warum wählen sie nicht SPD

Gegenargumentation

 

Das Gespräch mit den Leuten suchen

Wie sorge ich dafür, dass jeder von mir erfährt

Was bewegt die Leute

Wer sind die Entscheider und Multiplikatoren

 

Um welche Schwerpunkte werde ich mich im Wahlkreis kümmern

 

Was gefällt mir an der SPD-Bundespolitik?

Was gefällt mir an der SPD nicht?

Was sind die Defizite der SPD?

Welche Alleinstellungsmerkmale hat sie?

 

Argumentationen testen

 

Welchen Leuten Gruppen stehe ich am nächsten?

Welche sozialen Gruppen sind mir fremd?

Welche Regionen kenne ich ?

Welche Regionen kenne ich nicht?

Wie komme ich an die Entscheider und Multiplikatoren in den mir fremden und unbekannten Regionen? Wer kann mir etwas über sie erzählen?

 

Die 5 wichtigsten Politikfelder im Bund diagnostizieren

alle Politikfelder sammeln

in Bedeutungsrangfolge bringen

die wichtigsten strukturieren

Strategien entwickeln

Argumentationen entwickeln

 

Antworten auf folgende Fragen entwickeln:

Wie kann ich den Bürgerkontakt zu nicht parteigebundenen Bürgern pflegen?

Wie behalte ich meine Bodenhaftung?

Wie gehe ich mit Kritik um?

Wie gehe ich mit Ressentiments, Vorbehalten und Beschimpfungen um?

 

Will ich Karriere machen, welche Karriere will ich  machen ?

Wie kann ich in meiner Region Impulse setzen, welche Impulse will ich setzen?

Wer sind meine politischen, sozialen, wirtschaftlichen, ehrenamtlichen Partner unter den Multiplikatoren und Entscheidern?

          

              Wie kann ich meine Partner vermehren?

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Mo

16

Jan

2017

Fellini: La Strada

Das ist ein herzensguter und zu Herzen gehender Film.
Ich habe ihn, ein Weihnachtsgeschenk mir gestern angesehen. 

Er spielt in der Gauklerszene des Italiens der 50er Jahre.


Hauptakteur ist zum einen ein Zirkuskünstler, ein Kraftathlet, „Zampano“ fantastisch von Anthony Quinn gespielt. Heute ist der Begriff Zampano ein technicus terminus. Fellini hat ihn für diese Figur erfunden. An seiner Seite spielt ebenbürtig eine junge Frau, die allerdings etwas verquer daherkommt, Gelsomina, gespielt von  Giulietta Masina. 

Sie ist die Ehefrau von Fellini. Mit der Rolle, die sie hier spielt ist sie die Seele des Films und der Geschichte.

 

Gelsomina ist die zweite Tochter einer vaterlosen, armen Familie, die irgendwo in den Gestaden Italiens lebt. Ihre Schwester, Rosa ist einst mit diesem Gaukler Zampano davongezogen. Aber jetzt ist sie nicht mehr. Was mit ihr passiert ist, wird nicht erzählt. Zampano braucht eine neue Assistentin und kommt zur Familie seiner bisherigen. Für 10000 Lire, ein Spottpreis, kauft er der Mutter die zweite Tochter ab. Gelsomina geht mit. Sie freut sich einerseits, sie ist furchtbar traurig andererseits. Auch die Mutter, die dringend das Geld braucht, so arm wie sie ist, redet ihrer Tochter zu, ja sie erlaubt ihr im Grunde gar nicht, das Anliegen Zampanos abzulehnen. Doch sie heult, als Zampano sie mitnimmt. Sie wird sie nie wiedersehen.

 

Von Anfang an kann Gelsomina Fratzen und Gesichtsausdrücke zeigen, die ihren seelischen Zustand nach außen bringen. Sie spricht im Grunde mit ihrem Gesicht, auch mit ihrer Haltung, mit ihrem Gang, ihrem Stehen. Sie spricht mit jeder Faser ihres Körpers. Aber reden kann sie kaum.

 

Sie wirkt naiv, und etwas beschränkt. Aber sie fühlt intensiver und echter als wir normalen Menschen.

 

Zampano ist motorisiert. Er steuert ein Gefährt, das eine Mischung aus Motorrad und Kleinlaster ist. Da ist alles drauf, was er für seine Kunst braucht. Er führt ein Kunststück auf. Im ganzen Film, nur dieses eine Kunststück. Davon lebt er, das bringt ihn durch. Er zerreißt mit der Kraft seiner Brust und seiner Lunge eine Eisenkette; legt sie sich um die Brust, spannt sie an, und dann biegt sich der Eisenhaken auf. Daraufhin bekommt er Geld, groschenweise in einem Hut aufgesammelt. Er spielt auf der Straße, auf Plätzen, anlässlich von Markttagen, kleineren und größeren Festen, Hochzeiten. Manchmal sogar tritt er in einem Zirkus auf.

 

Zampano ist kräftig, und gelegentlich gewalttätig.

 

Seine neue Assistentin, die er Dritten gegenüber „seine Frau“ nennt, bringt er mit Schlägen bei, wie sie zu trommeln hat, wie sie zu reden hat, wie sie den Background seines kleinen Kunststückchens geben soll.  Und Gelsomina macht das großartig. Sie bekommt eine Maske wie ein Clown, bewegt und gibt sich wie ein Clown. Das ist die Rolle ihres Lebens. Denn ihre Naivität bekommt so ihren Sinn. Sie muss das gar nicht lernen. Sie ist es. Hatte man vorher Mitleid, und Mitgefühl mit einem leicht behinderten, ja im Grunde schwachsinnigen Mädchen, ist man jetzt beeindruckt. In der Tat, Clowns übertreiben, sie spiegeln uns selbst, in dem sie die Gefühle auf die Spitze treiben. Die meisten Clowns müssen das viele Jahre lernen. Bei Gelsomina hat man das Gefühl, dass sie sich nur selber spielt. Sie ist so, wie ein Clown spielt. Das macht ihre im besten Sinne des Wortes zu Herzen gehende Rolle aus. Besser, als Giulietta Masina das tut, kann man es gar nicht spielen.


Ein weiterer Hauptdarsteller der Geschichte kommt ins Spiel: ein Hochseilartist. Er, Matto, gespielt von Richard Basehart ist jung, quicklebendig, sehr helle, frech, furchtlos und mit allen Sinnen des Lebens ausgestattet. Und er ist fasziniert von dieser jungen Gelsomina. Zampano erträgt ihn nicht. Er fühlt sich provoziert als Matto sich über ihn lustig macht. Er kann den Sticheleien Mattos nichts entgegensetzen, wird aggressiv, und geht sogar mit einem Messer auf ihn los. Die Polizei kommt und wirft erstmal beide ins Gefängnis, doch Matto wird einen Tag früher entlassen. Es kommt zu einer Begegnung von Matto und Gelsomina, die den Wendepunkt des Films darstellt.

Matto bietet Gelsomina an, Zampano zu verlassen, und mit ihr mitzukommen. Doch Gelsomina, die Zampano durchaus verlassen wollte, einmal sogar damit gescheitert ist, lehnt ab. Matto entdeckt, dass die beiden, Gelsomina und Zampano eine geheime, seelische Verbindung haben. Er fühlt, dass hinter dem groben und aggressiven Gehabe von Zampano eine echte Zuneigung zu dieser naiven, etwas behinderten Frau besteht. Und er macht Gelsomina offenbar bewusst, dass auch sie sich zu Zampano gehörig fühlt. Etwas Neues tritt in den Film ein. Gelsomina beschließt bei Zampano zu bleiben.

 

Doch der ist sich seiner selbst nicht bewusst.

 

 

Die Liebeserklärung, die Gelsomina ihm jetzt macht, nachts in einer Scheune eines Frauenklosters, im Dunkeln, nach einem harten Tag, registriert er gar nicht richtig. 

Und als sie im weiteren Verlauf der Geschichte zufällig auf Matto treffen, schlägt Zampano ihn tot. Er will das wohl nicht, aber es passiert eben, so grob und aggressiv Zampano eben ist. Er schlägt ihn zweimal. Er rechnet ab. Es ist das erste Wiedersehen nach dem Gefängnis, dem immerhin ein Mordversuch vorausgegangen ist. Er will ihn nicht ermorden, er will sich nur rächen für die Demütigung, und wohl auch für Mattos Versuch, ihm die Gelsomina auszuspannen. Doch für Matto, man weiß nicht richtig warum, markieren diese Schläge das Ende seines Lebens, das er irgendwie für sich auch früh erwartet hatte. Vielleicht nicht als Opfer Zampanos. Doch ein langes Leben hatte sich Matto sowieso nicht erwartet. Vielleicht fällt er unglücklich, vielleicht ist die harte Metallkante des Autos, die seinen Hinterkopf verwundet, vielleicht sind es innere Verletzungen. Auf jeden Fall stirbt er.

 

Zampano kriegt die Panik.

 

Er versucht seine Spuren zu verwischen, und haut ab. Doch Gelsomina hat dieser Mord aus der Bahn geworfen. Sie kann den Mord nicht vergessen. Sie erlebt ihn immer wieder. Sie warnt Zampano immer wieder. Völlig unvermittelt mitten in jeder beliebigen Handlung erinnert sie sich wieder und erlebt den Kampf und Tod Mattos neu. Und so ist sie für Zampano nicht mehr nützlich, sie ist jetzt hinderlich, lästig.

Er kann handeln, was Gelsomina nicht kann. Er ist noch Herr seiner selbst, er kann nachdenken, und er findet für sich eine Lösung, die Gelsomina niemals finden könnte, schwachsinnig wie sie ist.

 

Zampano lässt sie zurück, in der Kälte irgendeiner italienischen Landschaft, bei einem verglimmenden Lagerfeuer. Er legt ihr noch zwei Decken über, dann schiebt er sich mit seinem Gefährt aus ihrem Leben. Gelsomina schläft. Man sieht sie im Film nicht wieder.

Jahre später wird Zampano durch eine Melodie an sie erinnert. Die wäscheaufhängende Frau, die sie singt, erzählt ihm von einer jungen Frau, die ihr vor fünf Jahren zugelaufen sei. Sie sei krank gewesen, hätte nicht geredet. Aber sie hätte eine Trompete gehabt, auf der sie immer gespielt hätte, immer die gleiche Melodie. Die hatte sich ihr eingebrannt. Zampano kennt diese Melodie nur zu gut. Sie war das Markenzeichen der Gelsomina. Und die Frau erzählt weiter, dass diese junge Frau eines Tages einfach nicht mehr aufgewacht sei.

 

Da wendet sich Zampano ab, er sagt nichts mehr. Er lässt die Frau stehen. Jetzt leidet er. Vielleicht hat er jetzt erst begriffen, dass er sie wohl geliebt hat.

 

Und der Film endet dann mit einem gebrochenen Zampano, mit einem heulenden Zampano.

 

Es ist eine große Geschichte. Die heutige Gauklerromantik, die so viele Menschen verführt, hat wohl viel mit der in dem Film zum Ausdruck kommenden Freiheit der Gaukler, aber weniger mit ihrer Brutalität zu tun.

 

Fellini verklärt hier nichts. Er inszeniert eine Geschichte, die tief in unserem Leben spielt. Der Film ist nicht sozialkritisch. Er hat das gar nicht nötig. Wenn man diese Neubaugebiete auf dem freien Feld mitten in Italien sieht, spürt man die sozialen Umbrüche, spürt das aus der Zeit gefallene dieses Gauklermilieus, das wohl in dieser Weise nicht mehr lange existieren kann. Doch das spielt alles keine Rolle. Niemand macht sich da Gedanken drüber.

 

Die Gaukler, die kleinen Zirkusse verdienen ihr Geld mit Akteuren wie Zampano oder Matto, die in ihrem Schlepptau eine Gelsomina mitführen. Sie ist eine schwachsinnige junge Frau, die die ganze Tiefe des menschlichen Lebens zur Sprache bringt. Sie macht das nicht als Rolle, sie kann nicht reflektieren. Sie ist einfach so.


Und wahrscheinlich ist das der Kunstgriff Fellinis, der im Kontrast zwischen dieser Gelsomina und ihrer Gauklerwelt und unserer so alltäglichen normalen Welt, zeigt, was wir auch sind. Fühlende, leidende und liebende Wesen, die versuchen irgendwie zu leben und über die Zeit zu kommen.

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Fr

13

Jan

2017

Denial - Verweigerung, Leugnung

Ich habe mir angesehen: 

 

Denial

 

am

 

Maxim Gorki Theater

 

von 

 

Yael Ronen & Ensemble 

 

 

12. Januar 17

Gestern – Theaterabend, einfach so. Nicht aus einer Laune heraus, sondern einer Überlegung, einer neuen Tagesgestaltung. Da ist jetzt abends nichts mehr mit Arbeiten, sondern Sport, Unterhaltung, Kunst, Kultur, Treffen, Gespräche, Entspannung. So komme ich plötzlich ins Theater, wo ich jahrelang nicht war. Erst recht nicht alleine. Doch das steht auf einem anderen Blatt. Wird aber von dem Stück, in dem ich gestern im Gorki-Theater, der alten Singakademie, der Mendelssohnschen Wirkungsstätte, des heutigen Büros für ästhetische Schönheit, der Abonnementkonzerte für Klaviermusik, die ich mit meinem Vater besuchte, war, berührt: Denial, was so viel heißt wie Verweigerung, Leugnung, Ablehnung, Verneinung. Ein Wort, das mir nicht geläufig war, ein gesichtsloses, völlig namenloses Fremdwort. An diesem Abend hat es ein Gesicht bekommen.

 

*

 

 

Auf dem Programmzettel steht nichts zu dem Stück, aber es enthält einen höchst interessanten Text über Verleugnung. In der Viertelstunde, die mir noch blieben bis zur Aufführung konnte ich den studieren. Sein Einstieg war eine Beschreibung der Verleugnung als Demütigung der eigenen Seele, ja als die verblüffendste, weil harmloseste. Und in der Tat nimmt Dir die Verleugnung die Erinnerung, und damit einen Teil Deiner Geschichte. Sie beraubt Dich. Sie nimmt Dir den Zugang zu Deinem eigenen Leben. Und sie tut so, als sei das noch ein Segen. Sie offeriert Dir diese Verdrängung als Voraussetzung weiterleben zu können. Sie macht aus einem schlechten – der Verlust Deiner Geschichte – etwas Gutes – Zukunft. Doch der Preis dafür ist hoch. Es ist jene Demütigung, von der das Stück handelt. 

Im Verlauf dieses Einführungstextes bringt es seine Autorin: Eva Illouz
 fertig, aus Opfern Täter zu machen. Auch dies eine Folge der Verdrängung. Denn jener Mensch, der Zeuge eines Verbrechens wird, dem Opfer nicht beisteht, dem Täter nicht in den Arm fällt, - die Mutter, die dem Mißbrauch ihres Mannes an den gemeinsamen Kindern teilnahmslos hinnimmt; aber auch die Nachbarn eines Konzentrationslagers, die sich jeden Mitgefühls für die Internierten, geschlagenen, getretenen, ermordeten Opfer entledigen – wird zum Mittäter, nimmt am Unrecht Teil, wird Teil von ihm.

 

Mich erinnerte das plötzlich an die Debatten im Ostdeutschland der 90er Jahre über die Mauerschützenurteile. Die haben ja nicht viel bekommen damals, aber sie wurden verurteilt, in der Regel. Und das gemeine Volk übte plötzlich Solidarität mit diesen Mauerschützen. Das Mitgefühl mit den Opfern, den jungen Leuten, die abzuhauen versuchten, und dafür ihr Leben lassen mussten, hatten sie sich schon in der DDR ausgetrieben. Und ich fand, dass die Eva Illouz Recht hat, mit dieser These, der Teilnahme am Unrecht. Das Erlebnis von Unrecht stellt Dich vor eine Herausforderung, der Du nicht ausweichen kannst. Entweder Du bewahrst Dir Dein Mitgefühl, und damit den Zugang zu Dir selbst und der Möglichkeit Deine Zukunft selbst gestalten zu können, oder Du wirst zu einem Teil des Unterdrückungssystems, verinnerlichst seine Maßstäbe und zerstörst Deine eigenen. Ein gutes Beispiel dafür, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Individualentwicklung einwirken. Und ein gutes Beispiel dafür, dass dieser Vorgang keineswegs nur auf die Kindheit beschränkt ist, sondern gerade im Alltag der Erwachsenen wirkt.

 

 

*

 

Auf der Bühne wurden Lebensgeschichten präsentiert. Jugendliche, die die Doppelbödigkeit ihrer Kindheit zum Ausdruck brachten, die sie sich einerseits als glücklich bewahrt wissen wollten, und die doch eine Ahnung von den erlittenen Traumata zum Ausdruck brachten. Vielleicht lag das an ihrer Jugend, da verdrängt man noch nicht so perfekt, wie im Alter.

 

Dann wurden diese Traumata ausgebreitet. Das hatte zuerst etwas Weinerliches an sich. Doch die Dramatik steigerte sich. Vier Einzelgeschichten sind mir präsent. 

Da ist zuerst diese junge Frau, deren Mutter gemeinsam mit ihr aus dem Iran nach Deutschland floh, vor dem Ajatollah-Regime, das die Mutter folterte, die Familie trennte, und der jungen Frau den Vater nahm. Die Mutter erzählte der Tochter nichts davon. Doch die spürte etwas. Und sie mußte erleben, dass ihre Mutter mehr über ihre Leben in den Medien ausbreitete, als dass sie in der Lage war, eine Athmossphäre der Offenheit über ihre gemeinsame Geschichte mit ihrer Tochter aufzubauen. Als die Tochter nun begann, ihre Mutter daraufhin zu befragen, ging sie den gleichen Weg, den Umweg über die Öffentlichkeit, in diesem Fall das Theater. Dass der Schauspielerin dabei die Tränen kamen, habe ich als Zuschauer nicht nachvollzogen, fand ich etwas peinlich. Andererseits habe ich Erfahrungen genug, wo mir selbst die Tränen kommen, die ich mir nicht immer erklären kann. Die Mutter hat mit ihrer Tochter nicht reden können oder wollen. Sie, die Mutter war ja das gefolterte Opfer. Die Tochter war nur Leidtragende, das mit in Haft genommene Wesen, deren kindliche Traumatisierung eindeutig auf das Konto des Ajatollah – Regimes gingen. Ein Wesen, von dem die Mutter sich Solidarität erhoffen durfte. Statt dessen erhob diese Vorwürfe. Und zwar zu Recht.

 

 

Das Stück arbeitete hier gut heraus, dass das Vorenthalten der gemeinsamen Geschichte, des erlittenen Leidens zur Entfremdung, zu einer Athmossphäre des Mißtrauens führte, ja dass die Gemeinschaft, die zwischen Mutter und Tochter bestanden hatte, Schaden nahm. Die Mutter würde wohl noch das Schlimmste verhindern können, wenn sie sich überwinden würde, und mit ihrer Tochter das Gespräch suchen. In der Öffentlichkeit kann die Mutter über das von ihr erfahrene Unrecht reden, weil sie sich der politischen Dimension dieses Vorgangs sicher ist. Aber das reicht nicht, um mit der Tochter zu reden. Denn hier geht es nicht mehr nur um die politische Dimension alleine, sondern um die Erfahrungen der Erniedrigung, der Demütigung, der Vergewaltigung, die zu seelischen Verletzungen der Mutter führte, die ihr den Mund verschlossen haben. So ist die Entfremdung von Tochter und Mutter natürlich einerseits eine Spätfolge der Folter, aber sie wird vermittelt durch die Mutter. Sie geht durch sie hindurch. Sie könnte mit ihrer Tochter über ihre Verletzungen reden, müßte sie dann aber zugeben. Und weil sie das nicht kann, denn sie sucht ihr Heil in der Verleugnung dieser Verletzungen, stößt sie die Tochter vor den Kopf, und droht sie damit auch noch zu verlieren. Und nicht nur das, die beiden verlieren sich gegenseitig. Andererseits hat die Mutter mit ihren Berichten in der Öffentlichkeit auch mit ihrer Tochter kommuniziert. Sie hat ihr Hinweise darauf gegeben, was mit ihr passiert ist. So dass sich irgendwann ihre Tochter vielleicht wird erklären können, was ihrer Mutter widerfahren ist, und sich auf diese Weise mit ihr aussöhnen können. Ihre Mutter jedenfalls ist zu diesem Vorgang nicht in der Lage.  

 

*

 

Die nächste Geschichte wird von einer jungen Israelin erzählt: Ihr Vater verschweigt ihr seine berufliche Tätigkeit eines Geheimdienstvernehmers, der Palästinenser foltert, um Terroranschläge zu verhindern und zu ahnden. Die Verunsicherung der Tochter beginnt mit den ersten Hinweisen, die sie über die tatsächliche Tätigkeit ihres Vaters erfährt. Und als der Vater dement wird, beginnt er selbst über seine Foltertätigkeit zu reden. Er redet immer mehr über diese ernsten Dingen, je weniger er wegen seiner Krankheit ernst genommen werden kann. Die Krankheit durchkreuzt seine Verschweigungsstrategie, mit der er es geschafft hatte, das Bild des Sicherheit gebenden Vaters gegenüber der Tochter zu erzeugen. Und je mehr er erzählt, desto unsicherer wird die Tochter. Ihre Sicherheit entpuppt sich als Schein. Der moralische Konflikt des Vaters, der ihn durch Verschweigen löste, wird nun zum moralischen Konflikt der Tochter. Die Geschichte des Vaters geht in ihr weiter. Sie muß sich entscheiden, will sie die Tätigkeit des Vaters moralisch rechtfertigen, oder will sie sich treu bleiben und ihre eigene Geschichte leben. Das Stück verläßt uns mit diesem Stand der Erzählung. 

Dann geht es zu einem ein deutsch-türkischen, lesbischen Liebespaar, ja mehr noch, einer lesbischen Ehe, hier in Deutschland voll anerkannt, aber in der Türkei ein Ding der Unmöglichkeit. Als dieses Paar in die Türkei zu einem großen Familienfest reisen will, bricht der Konflikt zwischen den Partnern aus. Denn die eine will die lesbische Ehe vor der eigenen Familie verleugnen, die andere will sich bekennen. Sie kommen nicht zu einander. Jeder könnte sich nur auf Kosten des anderen durchsetzen. Dabei ist der Preis klar, der hier zu zahlen wäre. Angesichts der gesellschaftlichen Realität in der Türkei würde die Offenheit über das lesbische Eheverhältnis zu einem Verlust der türkischen Familie führen. Die türkische Partnerin steht vor der Frage, ob sie die Verleugnung ihrer Lebensart und ihrer Partnerschaft fortsetzt, um ihrer Familie willen, oder ob sie ihre Familie preisgibt, um ihrer Partnerin willen. Und diese wiederum steht vor der Frage, ob sie sich in die Scheinwelt ihrer türkischen Partnerin mit hineinbegibt, und um ihretwillen abtaucht in die Unterwelt der Verdrängung und Selbstverleugnung, oder ob sie sich zu sich selbst bekennt, auch in der Türkei, wo das tabuisiert ist, und damit ihre Ehe und die Familienbeziehungen ihrer Partnerin preisgibt.

 

Diese Geschichte ist ein schönes Beispiel für das Aufeinandertreffen zwei unterschiedlicher Lebenswelten in unserer Zeit, und für die existentiellen Konflikte die sich daraus ergeben.

 

Die letzte Geschichte ist die dramatischste.

 

In ihrem Mittelpunkt steht Gewalt in der Ehe. Eine junge Familie geht auseinander, weil die Frau ihr Kind vor ihrem gewalttätigen Mann schützen will und muß. Der Mann wiederum sieht sich als Opfer vermeintlicher Verleumdungskampagnen der Frau. Äußerlich sieht es so aus, als würden sich beide Partner ihre Glaubwürdigkeit gegenseitig absprechen. Und wenn das im Stück gelingen würde, wäre man als Zuschauer ratlos, wer hier Recht hat. Doch das Stück ist nicht so. Die Frau wirkt bei weitem glaubwürdiger. Warum das so ist kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall spürt man, dass die Gefahr vom Manne ausgeht.

 

 

Diese Geschichte setzt sich mit dem Mann fort nach dem Verlust seiner Familie und des gemeinsamen Kindes, das er nur noch in Begleitung einer Mitarbeiterin des Jugendamtes sehen darf. 

 

Er entpuppt sich als Opfer seines ihn mißbrauchenden Vaters, eine Gewalterfahrung, die er bisher total unterdrückt, verdrängt hatte. Doch auf Grund eines äußeren Anlasses – der Mann muß das elterliche Haus verkaufen – beginnt die Verdrängung zu bröckeln. Zum Schluß liegt der Mißbrauch offen zu Tage.

 

Und damit ist klar, dass die Aggresivität des Mannes gegen sein eigenes Kind und gegen seine Frau eine Folge der kindlichen Traumatisierung ist. Der Mann wird zum Täter, weil er seinen erlittenen Mißbrauch verdrängen mußte.

 

Das wird sehr deutlich gemacht durch die Tötung eines kleinen Kätzchens, das der Vater vor den Augen des noch kindlichen Mannes bestialisch umbringt: er schlitzt dem Kätzchen den Bauch auf, steckt es in einen Plastiksack, und vergräbt diesen im Garten. Dann sagt er zu dem noch kindlichen späteren Manne: „Das mach ich mit Dir, wenn Du etwas erzählst“ (vom Mißbrauch).

 

Diese traumatisierenden Erfahrungen waren nur möglich, weil der Vater gewalttätig war, ein Vorgang, dessen Hintergründe nicht erzählt werden, weil die Mutter das Unrecht hingenommen hat, weil der kindliche Mann noch zu klein war, sich zu wehren. Ihm blieb letztlich gar nichts anderes übrig, als zu verdrängen. Aber er schleppt seine Geschichte mit sich rum, die er so in seiner Unterwelt verbuddelt hat, dass er nicht ein Fitzelchen Ahnung davon hatte, als er selbst gewalttätig wurde.

 

*

 

All diesen vier Geschichten verbinden persönlichste Erfahrungen mit der gesellschaftlichen Realität unserer Tage. Sie sind nicht einfach politisch. Sondern seelischer Natur. Oder besser ausgedrückt, es handelt sich um die politische Dimension des seelischen, das in diesem Stück Demian zum Ausdruck kommt.

 

Ein Stück, das in unserem Alltag angesiedelt ist. Ein Stück, das uns mit unserer eigenen Lebenswelt konfrontiert. Ein Stück, das nur verarbeitet werden kann, in dem man sich als Zuschauer seinen moralischen Herausforderungen stellt. In seinem Mittelpunkt steht das Öffentliche selbst, nicht das Politische, nicht der israelische Palästinenserkonflikt, oder die Auseinandersetzung mit dem Ajatollah-Regime oder etwa die selbstgewollte Rückständigkeit der türkischen Gesellschaft, sondern unserer zutiefst persönlicher, ja individuelle Umgang mit den Folgen dieser Verhältnisse auf unserer eigenes moralisches Dasein.

 

Wenn wir uns selbst treu bleiben wollen, dann müssen wir diese Konflikte an uns heranlassen, ohne in das Angebot der Verdrängung und damit Selbstverleugnung einzuwilligen. Wir müssen die Konflikte aushalten, ohne die Menschen, von denen sie ausgehen zu verdammen. Wir müssen Verständnis entwickeln, ohne nachzuahmen. Wir müssen klare Grenzen ziehen, um Nähe und Vertrauen zu ermöglichen. Es geht nicht um den Kampf der Kulturen, wenn auch die Internationalität - herausgestellt durch die Mehrsprachigkeit des Stückes - eine Dimension der Konflikte ist. Es geht eigentlich nur um Bewahrung dessen, was wir sind und bleiben wollen. Es geht um die Herausforderungen, denen wir uns deshalb gegenübersehen, und die wir bewältigen müssen, wenn wir uns selbst und unseren Werten treu bleiben wollen.

 

*

 

Es war ein interessanter Theaterabend, der das Publikum mitten hinein in die eigene gesellschaftliche, existentielle Realität gestellt hat. 

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Mi

11

Jan

2017

Anderthalb Stunden ÖPNV + Fahrrad

Das sind die Orte, welche ich innerhalb von kürzestens anderthalb Stunden in einer Verknüpfung von ÖPNV und anschließender Fahrradtour erreichen könnte. Die lila-Punkte markieren die Bahnhöfe. Der Kranz aus blauen Fahrradsymbolen, die anschließenden Endpunkte der Fahradtour. 

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Di

10

Jan

2017

Anderthalb Stunden

Das sind die Orte, die ich direkt mit den Öffentlichen mit der zeitlich kürzesten Verbindung zur Zeit innerhalb von anderthalb Stunden erreichen kann. 

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Sa

07

Jan

2017

Eine Stunde

Die lila-Punkte markieren Orte, die von der Berliner City (S-Bahnhof Berlin-Friedrichstr.) in einer Stunde mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln mit der schnellsten Verbindung, die ich herausgefunden habe, erreichbar sind. 

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Fr

06

Jan

2017

Hausboot geht auch

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