So

16

Jul

2017

Versäumnis - Kein Errichtungsbeschluss des Bundestages für ein Mahnmal für die Opfer des Kommunismus noch in dieser Legislaturperiode

Obwohl ich lieber meine k(l)eine Geschichte der SDP fortsetzen würde, muss ich ein Versäumnis 1.zugeben, 2. beseitigen. 

 

In Sachen Mahnmal hatte es kurz vor der Sommerpause eine unerfreuliche, mir persönlich sehr unangenehme und überraschende Entwicklung gegeben, die ich bisher auf meiner Website nicht verarbeitet hatte, obwohl ich mir vorgenommen habe, die einzelnen Ereignisse im Zusammenhang mit unserer Lobbyarbeit für das Mahnmal für die Opfer des Kommunismus zeitnah zu kommentieren und damit auch eine Informationspflicht zu erfüllen. 

 

Aber insofern ist hier nicht nur über mein Versäumnis, sondern auch das des Bundestages zu berichten, der seiner eigenen Selbstverpflichtung, noch in diesem Jahr einen Errichtungsbeschluss für das Mahnmal zu fassen, nicht nachgekommen ist. 

 

Darüber zu berichten ist mir aus verschiedenen Gründen unangenehm, denn

 

1. Es sah so aus, zumindest bis April, Mai diesen Jahres, als ob wir bereits am Ziel unserer Wünsche zu eine Errichtungsbeschluss des Bundestages seien. Überraschender Weise übrigens. Ich hatte nicht damit gerechnet. Über die Entwicklungen nach dem Expertengespräch freute ich mich umso mehr, weil sie meine eigentliche Skepsis dem Bundestag gegenüber, den ich nicht als eine Institution sehr schneller Entscheidungen kenne, überstrahlten. Nun aber bin ich Opfer meines eigenen kurzfristigen Optimismus geworden. 

 

2. fällt es mir schwer, das Agieren meiner eigenen Partei in diesem Fall nachzuvollziehen. Zwar passt es im Ergebnis in mein allgemeines Erfahrungsraster in Sachen Aufarbeitung. Andererseits waren die einzelnen Signale aus meiner Partei alle so positiv, dass ich auch hier bereit war, meine innere Skepsis beiseite zu lassen. Mein Fehler, Enttäuschung aus Täuschung. 

 

Dennoch wäre es ein schwerer Fehler, jetzt ins Moralisieren zu verfallen und für das Scheitern des Mahnmalerrichtungsbeschlusses alleine den Bundestag oder gar nur die SPD verantwortlich zu machen. Denn Fakt ist, wir, ich habe es nicht geschafft, die Verantwortlichen im Bundestag, im Kulturausschuss, in meiner Partei von der Notwendigkeit dieses Mahnmalbeschlusses zu überzeugen, den Ankündigungen Taten folgen zu lassen. Zu früh gefreut, sagt der Volksmund dazu. Jetzt heißt es, Bestandsaufnahme machen, Strategien für die nächste Zeit festlegen. 

 

Was ist passiert? 

 

Im Laufe des  Expertengesprächs, der ja faktisch eine Sitzung des Kulturausschusses war, konnte man durchaus den Eindruck bekommen, dass die Realisierung des Mahnmals nur noch eine Formalie sei. Die wesentlichen Parteien waren alle dafür. Technische Fragen standen mehr im Vordergrund als dass das Mahnmal noch von irgendjemanden grundsätzlich in Frage gestellt wurde.

 

Dann erhielt ich einen Entwurf für den Errichtungsbeschluss, der mir sehr zusagte. Und ich erhielt außerdem die Möglichkeit, an einem Berichterstattergespräch meiner Fraktion teilzunehmen, in welchem die verantwortlichen SPD-Abgeordneten ihre weitere Linie in Sachen Mahnmal besprechen wollten. 

 

In diesem Berichterstattergespräch aber ging es plötzlich keineswegs mehr nur um das Mahnmal, sondern allgemein um die Fortentwicklung der Gedenkstättenkonzeption und eine mir das dahin völlig neue Idee eines Denkmals für die Opfer der deutschen Kriegsführung im 2. Weltkrieg im Osten Europas. Jeder, der ein bisschen weiß, wie grausam diese deutsche Kriegsführung damals dort war, wird ein solches Denkmal begrüßen. Doch damit wurde eine Schwerpunktverschiebung vorgenommen, weg von einer einfachen Realisierung des Mahnmals für die Opfer des Kommunismus hin zu einer Weiterentwicklung der Gedenkstättenkonzeption unter Einschluss eines zukünftigen Denkmals für die Opfer der Kriegsführung. Und damit entstand eine Gemengelage, in welchem das entscheidungsreife Projekt des Mahnmals für die Opfer des Kommunismus mit einem nichtentscheidungsreifen Projekt in einen Topf geworfen wurde. So entstand die Gefahr, dass das Mahnmalprojekt auf die lange Bank geschoben werden könnte. 

Ich weiß auch nicht, was der Hintergrund dieser neuen Strategie der SPD war. Hier könnte man nur spekulieren. Das will ich hier nicht tun. Vielleicht an anderer Stelle. Besser ist die Lage für das Mahnmal für die Opfer der SED-Diktatur damit jedenfalls nicht geworden. 

 

Daher habe ich dagegen argumentiert. Ich stand mit meinen Einwänden nicht allein. Am Ende war mir zwar nicht ganz wohl, aber ich hatte doch den Eindruck, dass die Kuh vom Eis ist, und ein klarer Verhandlungsauftrag vorliegt, welcher große Chancen bot, das Mahnmal für die Opfer des Kommunismus tatsächlich noch diese Legislaturperiode zu realisieren. Darin habe ich mich getäuscht. Hier liegt wahrscheinlich der Grund für meine Frustration. Ich hätte energischer gegen diese Art der Verhandlungsführung der SPD protestieren müssen. Ich verließ mich auf mein Taktieren. Das ist schief gegangen. 

Das nächste, was ich dann bekam war eine Pressemitteilung der SPD-Fraktion, in welchem sie das Scheitern der Verhandlungen über die Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption vermeldete. Aus dieser Pressemitteilung ging hervor, dass die SPD-Verhandler es geschafft hätten, die CDU zu überzeugen, nicht nur das Mahnmal zu realisieren, sondern die Gedenkstättenkonzeption fortzuschreiben und darin auch das Denkmal für die Opfer der Kriegsführung mit aufzunehmen. Leider hätte die CDU dann ihren eigenen Verhandler im Stich gelassen, und sich von einem bereits erlangten Kompromiss distanziert, weshalb der CDU die alleinige Verantwortung für das Scheitern eines Beschlusses noch in dieser Legislaturperiode zukomme. 

 

Im Klartext hieß das, Errichtungsbeschluss für das Mahnmal fällt aus. In dieser Legislaturperiode wird es dazu nichts mehr geben. Jetzt ging es nur noch darum, jemandem den schwarzen Peter zuzuschieben. In der Großen Koalition auch der Kulturpolitiker war der Wahlkampf ausgebrochen. Das hätte auch schon früher passieren können. 

 

Die CDU verzichtete auf eine entsprechende Antwort auf diese Pressemitteilung der SPD, die eigentlich eine Frechheit war. Was so großzügig aussieht, könnte auch auf ein schlechtes Gewissen deuten. Die Frage, die ich mir gestellt habe, lautete, warum der Verhandlungsführer der CDU auf diesen Schwenk der SPD überhaupt eingegangen ist. Er hätte doch einfach sagen können. Das Mahnmal für die Opfer des Kommunismus ist vom Bundestag öffentlich und feierlich zugesagt worden. Das müssen wir jetzt machen. Über das Denkmal für die Opfer der deutschen Kriegführung ist gesondert zu reden. Wenn es stimmt, was die SPD behauptet, nämlich, dass der CDU-Verhandler auf die Vorstellungen der SPD zunächst einging, dann war er nicht der Geschickteste. 

 

Aber letztlich ist es müßig, hier zu spekulieren. Fest steht, das Mahnmal ist in dieser Legislaturperiode gescheitert. 

 

Festzuhalten ist. 

 

1. Der Bundestag hat nicht Wort gehalten. Nach einer feierlichen Proklamation und Absichtserklärung zur Schaffung eines Mahnmals für die Opfer des Kommunismus lässt er seinen Worten nicht Taten folgen. Er blamiert sich sehenden Auges. Das gilt insbesondere für die Kulturpolitiker des Bundestages. 

 

2. Unsere Hoffnungen auf einen Errichtungsbeschluss in dieser Legislaturperiode haben sich in Luft aufgelöst. Mit diesem Frust muss man fertig werden. 

 

3. Wir waren nicht fleißig genug, nicht pfiffig genug, nicht deutlich genug. 

 

4. Wir werden nicht aufgeben, sondern weiterarbeiten. 

 

Wenn ich hier wir sage, dann meine ich, die Initiativgruppe für die Errichtung eines Denkmals für die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft bei der UOKG (Union der Opferverbände der kommunistischen Gewaltherrschaft), der ich seit 2007 angehöre. 

Fakt für mich ist, dass sich keine Partei, mit der wir es im Bundestag zu tun hatten, in Sachen Mahnmal mit Ruhm bekleckert hat. Ein Selbstläufer ist dieses Mahnmal nicht. Ohne unsere intensive Lobbyarbeit wären wir nicht mal so weit gekommen, wie wir heute sind. 

 

Wir können wahrscheinlich nicht einfach so weitermachen wie bisher. 

 

Wir werden auf alle Fälle unsere Stencil-Arbeit „Blutspur“ intensivieren, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Verbrechen der kommunistischen Gewaltherrschaft in Deutschland zu lenken. Wir werden nicht aufgeben, sondern weiterarbeiten. 

 

Das Mahnmalprojekt bleibt wichtig; die Opfer des Kommunismus brauchen einen Gedenkort, der ihnen gewidmet ist. Unsere deutsche Vergangenheit hat zwei Diktaturen erlebt. Die zweite, der Kommunismus in Deutschland hat viele Opfer gekostet. Unsere Gesellschaft muss die Chance bekommen, daraus zu lernen, um ihre Widerstandskräfte gegen Diktaturen jedweder Art zu stärken. Und die nachwachsende Generation braucht Orte, die die totalitären Fallen unserer Zeit vergegenständlichen und anschaubar machen. Kurz wir sind es uns, und unseren Nachwachsenden schuldig, das Mahnmal für die Opfer des Kommunismus auf jeden Fall zu realisieren. Wenn nicht jetzt, dann später. Man verlässt seine Geschichte nicht. Man kann nur Antworten darauf geben. Eine solche Antwort ist das Mahnmal. Deshalb brauchen wir es. 

 

Sa

15

Jul

2017

K(l)eine Geschichte der SDP Teil 1

Ich fühlte mich geschmeichelt. Carlo Jordan war gekommen. Extra zu meiner Veranstaltung, einem Zeitzeugengespräch im DDR-Museum in Berlin-Mitte, an der Spree, gegenüber dem Berliner Dom, einem in mehrfacher Hinsicht prominenten Ort, im Frühsommer des Jahres 2017, 28 Jahre nach der friedlichen Revolution. 

 

Carlo Jordan fühlte ich mich immer verbunden. Er gehörte innerhalb der christlichen Opposition zur Umweltbewegung. Er war gemeinsam mit Rüddenklau einer ihrer Köpfe. Das Zentrum dieser grünen Opposition in der DDR war lange Jahre die Umweltbibliothek in der Berliner Zionskirche, unweit meiner Heimatgemeinde, vielleicht 2 km Luftlinie. 

Carlo Jordan saß in dieser Veranstaltung im DDR-Museum in der ersten Reihe, und hörte sich das Gespräch, in das mich Christian Booß als Moderator verwickelte freundlich über eine Stunde an. Doch die Frage die er dann stellt, führte wieder mitten in die eigentlich abgelegten Diskussionen aus der Gründungsphase besser, der Vor-Gründungsphase meiner sozialdemokratischen Partei wieder hinein. 

 

Er frug nämlich, warum wir eine sozialdemokratische Partei gegründet hätten. Die hätte ja angesichts des Umstandes, dass es in der DDR kein sozialdemokratisches Milieu gegeben hätte, scheitern müssen. Da war er wieder, der alte Vorwurf, die SDP hätte keinen Nährboden gehabt, sei gewissermaßen aus der Luft heraus geboren, eine Kopfgeburt. All die Probleme, die die Ost-SPD bis in die heutigen Tage gehabt habe und habe, seien bereits in ihrer Gründung angelegt gewesen. Die SDP, im Grund ein Anachronismus. 

 

Ich habe das versucht zu erklären. Aber das kann man eigentlich nicht richtig erklären. Denn die Wurzeln, die zu dieser Ansicht führen, die sie ermöglichen liegen zu tief, als dass man sie mit einem kleinen Statement freilegen könnte. In einer solchen Veranstaltung geht es auch gar nicht darum, das freizulegen, sondern die aufgestellt These nur zu kontern, mit einer Gegenthese. 

 

Die lautete, dass es gar nicht um das Milieu gegangen sei, sondern um die sozialdemokratischen Traditionen von Demokratie, Freiheit und Selbstverwaltung, die es galt wiederzubeleben in einer Gesellschaft, die durch die in ihr waltenden totalitären  Machtverhältnisse der kommunistischen SED ihrer Vitalität beraubt worden sei, und die neu zu beleben, der Sinn der Gründung unserer sozialdemokratischen Partei gewesen sei. Diese Gegenthese, die ich da vortrug war natürlich nicht falsch.  Und sie klingt auch gut. Aber sie ist nicht die Wahrheit, zumindest nicht die ganze. 

 

Die Wahrheit, die ich hier subjektiv für mich vereinnahme ist meine Zeitzeugenwahrheit. Ich versuche gar nicht erst objektiv zu sein, wer kann das schon. Also meine Wahrheit – besteht darin, dass die SDP-Gründung nur aus der Opposition in der DDR heraus erfolgen konnte, dass sie also ein originärer Teil dieser DDR-Opposition war, gleichzeitig ihre Widerlegung. Sie realisierte die Ziele der Opposition, nämlich die Beseitigung der totalitären Verfasstheit der DDR-Gesellschaft, ihre Befreiung vom totalitären Machtzugriff, aber auf einem Weg, der dem Großteil der Opposition versperrt blieb, weil sie sich aus ihren sozialistischen Zukunftsvorstellungen nicht lösen wollte. Zukunftsvorstellungen, die mit dem totalitären Gefängnis, in dem wir in der DDR alle zusammen sassen, nicht wirklich brechen wollten. 

 

Und gleichzeitig konnte die SDP-Gründung nur aus diesem Oppositionsmilieu heraus erfolgen, weil nur hier genügend politische Selbständigkeit der für die SDP unverzichtbaren Akteure gewachsen war.  Insofern war das unser Milieu. Aber nicht das alte Arbeitermilieu, im wilhelminischen Reich oder in der Weimarer Republik. Aber das war ja nicht vom Himmel gefallen, sondern letztlich ein Produkt der politischen Zukunftsvorstellungen, dass sich innerhalb der Sozialdemokratie entwickelt hatte, und das natürlich seine Unschuld schon lange verloren hatte – auf eine dramatische doppelte Weise. Zum einen mit jener Entwicklung, die ausgehend von der Ablehnung der sozialdemokratischen Unterstützung der Kriegführung des wilhelminischen Reiches, also der Ablehnung der Kriegskredite über den Spartakusbund in die Gründung der Kommunistischen Partei geführt hatte, und das die von der Sozialdemokratie durchgesetzte soziale Republik 1918 von Anfang bitterböse bekämpfte als Verrat an den alten sozialistischen und revolutionären Idealen. Zum anderen durch die Hinwendung großer Teile der Arbeiterbewegung zum Nationalsozialismus und zwar sowohl als Wähler wie auch als Mitglieder. 

 

Auf dieses Milieu konnte man also nicht zurückgreifen ohne eine Antwort auf die Fallen zu geben, in die dieses Milieu geraten war. Das war die totalitäre Falle. Die Falle des letzten Jahrhunderts, ja der Moderne selbst. Und weil die Sozialdemokratische Bewegung ein Produkt der Moderne ist, hat sie auch die Fallen der Moderne durchlebt und durchlitten. 

Martin Gutzeit, der spiritus rector der sozialdemokratischen Idee 1988 in der damaligen DDR, hatte deshalb die Gründung der SDP unter einen Vorbehalt gestellt: „In tiefer Ablehnung jeglichen totalitären Denkens und Handelns – gründen wir eine sozialdemokratische Partei in der DDR.“ Die Crux totalitären Denkens besteht darin, die Freiheit der Moderne nur für sich selbst, und der eigenen politischen Idee akzeptieren zu können, allen anderen hingegen das eigene politisches Selbstverständnis aufzuzwingen. Toleranz gibt es hier nicht, sondern nur eine Wahrheit, nämlich die eigene. 

Di

16

Mai

2017

Die Wirkungsweise der AGENDA 2010

Im Mittelpunkt der AGENDA 2010 stand die Arbeitsmarktreform, besser bekannt als Hartz-Reformen. Peter Hartz war damals Personalvorstand bei VW, davor bei der Saarstahl AG gewesen und hatte sich einen Namen für innovative innerbetriebliche Lösungen zu Gunsten der Beschäftigten gemacht. Nach ihm wurden in den Medien die Kommission, der von der Bundesregierung  die Aufgabe übertragen wurde, ein Konzept zur Behebung der Krise am Arbeitsmarkt zu entwickeln, benannt, Hartz-Kommission. Und so hießen zum Schluss auch das vorgelegte Konzept, bzw. die ganzen Reformen, Hartz-Konzept, bzw. Hartz-Reformen. 

Kern des Problems damals war ein dysfunktionaler Arbeitsmarkt. Während die Massenarbeitslosigkeit auf über vier Millionen geklettert war, mit einer klaren Tendenz in Richtung der 5 Millionen-Marke, waren selbst Unternehmen auf Wachstumskurs nicht in der Lage ihre Nachfrage nach Beschäftigten aus dem Heer der Arbeitslosen zu befriedigen. Die Nachfrage nach Arbeit und das Angebot an Arbeitsplätzen fanden nicht zusammen.

Gerhard Schröder war 1998 mit großen Hoffnungen auf eine Belebung der Wirtschaft gewählt worden. Er hatte das Phänomen der Massenarbeitslosigkeit, das während der Erdölkrise in den 70er Jahren in der alten Bundesrepublik noch unter Bundeskanzler Helmut Schmidt entstanden war, und unter Helmut Kohl stark angewachsen, geerbt. Doch in seiner ersten Legislaturperiode hatte er dieses Problem nicht in den Griff gekriegt, trotz Investitionsschub und Modernisierungsmaßnahmen der Wirtschaft. Und so entschloss sich Schröder gegen Ende seiner ersten Legislaturperiode diese Kommission zur Reform des Arbeitsmarktes einzusetzen. Das war zugleich sein Wahlversprechen, das er dann in der Tat in seiner zweiten Legislaturperiode realisiert hat. 

 

Im Mittelpunkt der Reformvorschläge der Hartz-Kommission standen zwei Maßnahmen: Zum Einen die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe und die Einführung des Prinzips von Fördern und Fordern. 

 

Die Hartz-Kommission hat die Ursachen der hohen hohen Massenarbeitslosigkeit in einer Fehlfunktion des Arbeitsmarktes gesehen. Die Unternehmen wollten zwar einstellen, aber nicht zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen (sprich Kündigungsschutz, Tarifsituation); und zu viele  Arbeitslose waren nicht bereit, Standardsenkungen hinzunehmen in Form von niedrigeren Einkommen oder/und schlechteren Arbeitsbedingungen, als sie es bis dahin gewohnt waren, u.a auch deshalb, weil sie die Folgen von wirtschaftlichen Strukturbrüchen und den damit einhergehenden Qualifikationsentwertungen nicht auf sich sitzen lassen wollten.

 

Darauf hatte die Agenda 2010 die Antwort , diese Arbeitslosen (ALG II-Empfänger) zu zwingen eine Senkung ihrer Standards hinzunehmen. Das ist geschehen mit einem neuen Instrument dem „Fördern und Fordern“, mit der Einführung von Zeitarbeit, und mit der Erschließung der in der Sozialhilfe geparkten und verdeckten Arbeitslosigkeit für den Arbeitsmarkt. Ihr Anspruch auf den Bezug von Sozialhilfe bzw. wie es seit hieß, auf Hartz IV ist an die Bereitschaft geknüpft worden, sich wieder in den Arbeitsmarkt einzubringen. 

 

Die AGENDA 2010 hat diese Arbeitslosen, Empfänger von Arbeitslosengeld II (ALG II- Empfänger) gezwungen eine Senkung ihrer Standards hinzunehmen.

Für die betroffenen Menschen erschien das vielfach entwürdigend und

demütigend. Für den Arbeitsmarkt war es belebend. Für den Sozialstaat war diese Reform, Rettung in letzter Minute. Für die Massenarbeitslosigkeit  war es die Wende. 

Seit dem Inkrafttreten dieser Reform 2005 sinkt die Arbeitslosigkeit in Deutschland. 

 

Die AGENDA 2010 hat gleich zwei Probleme gelöst. Sie hat die verdeckte Massenarbeitslosigkeit wieder dem Arbeitsmarkt zugeführt, und sie hat die Dysfunktionalität des Arbeitsmarktes aufgelöst. Die Unternehmen stellten wieder ein. Sie konnten dadurch wieder wachsen. Davon gingen Impulse in die ganze Wirtschaft aus. Viele Unternehmen trafen lang zurückgehaltene Investitionsentscheidungen und die Binnennachfrage zog an. Auf dem Exportmarkt hatte Deutschland schon damals keine Probleme. Aber immerhin wurde Deutschland danach Exportweltmeister, woran man sehen kann, das die Arbeitsmarktreformen auch für unsere international agierenden Unternehmen ein Durchbruch war. 

 

M.E. liegt in diesem Zusammenhang die Ursache für den Erfolg der Agenda 2010. Die Sozialdemokratie hat die Wirtschaft wieder flott gekriegt. Doch sie hat den arbeitenden Mitbürgern auch Besitzstandsverluste zugemutet. Die SPD hat diese Reform auch mit dem Verlust von vielen Wählerstimmen bezahlt. Schröder ist, wenn auch knapp abgewählt worden. Die SPD hatte hier nicht in erster Linie als Arbeiterpartei agiert, die sie mal war. Sie ist ihrer Rolle als Volkspartei gerecht geworden. Sie hat das Land aus seiner Starre gelöst, und letztlich der Allgemeinheit geholfen, und natürlich auch den Arbeitslosen selbst, die sonst ja keine Perspektive auf dem ersten Arbeitsmarkt mehr hatten. Das muß und kann man Schröder hoch anrechnen. 

 

Politisch hat die SPD schwer dafür bezahlt, die Gewerkschaften haben damals die WASG aus der Taufe gehoben, mit welcher der ehemaligen SED die lang geplante Westausdehnung gelang. Der SPD kam zudem ihr Vorsitzender Lafontaine abhanden, der sich nicht zu schade war, der Westausdehnung der ehemaligen SED zu patrouillieren, in dem er sich ihr als  westliche  Gallionsfigur zur Verfügung stellte. Seit dem ist das sogenannte „linke“ Wählerspektrum noch weiter zersplittert, was die Machtperspektive der SPD schmälert. Nicht wenige machen die Arbeitsmarktreformen als solche für diesen Prozess verantwortlich. Doch damit machen sie es sich zu einfach. Erst der Versuch, aus den Zumutungen der Arbeitsmarktreform politisches Kapital zu schlagen hat zur Westausdehnung und zur Gründung der WASG geführt. 

Heute trauen sich nur wenige in der SPD sich zur Politik dieser Arbeitsmarktreformen und zu ihren Ergebnissen zu bekennen, mit der Folge, dass vielfach die CDU sich diese Erfolge ungestraft auf die Fahnen schreiben lassen kann. Die SPD ihrerseits wird kaum wieder Wahrerfolge feiern können, wenn sie sich nicht zu dieser, ihrer eigenen Politik bekennt.

 

Natürlich ist es wichtig und richtig, das Thema Gerechtigkeit nicht der LINKSPARTEI zu überlassen. Aber Gerechtigkeit ist eben keine Einbahnstraße. Die Botschaft der Arbeitsmarktreformen der AGENDA 2010 war ja, dass der Staat sich zwar auch in Zukunft als Sozialstaat versteht. Aber Hilfe gibt es nicht für Null. Die Gesellschaft kann erwarten, dass die Arbeitslosen selber ihren Beitrag zur Reintegration in den Arbeitsmarkt leisten. Das ist der tiefere Sinn von „Fördern und Fordern“ immer gewesen. Nur so konnte die Bundesrepublik ihren Sozialstaatscharakter bewahren. Und nur so wird es auch in Zukunft gehen. An diesem zentralen Instrument der Hartz-Reformen darf nicht gerüttelt werden. Hier ist ein Paradigmenwechsel geschehen. Gerade in den gegenwärtigen Zeiten, wo die SPD versucht, das Thema „Soziale Gerechtigkeit“ wieder für sich zu beleben, muß klar sein, dass jeder, der zu Recht Hilfe erwartet auch ein eigener Beitrag der Selbsthilfe abverlangt werden kann und muss. 

Heute beneiden uns viele Länder um diese Arbeitsmarktreformen. Ihr Geheimnis besteht aber nicht in den Zumutungen für die Arbeitslosen an sich, sondern in einer klaren Diagnose der Dysfunktonalität des Arbeitsmarktes, für das es eine Lösung gab, die dann in der Tat mit Zumutungen verbunden war. Und nur so war dieser Preis auch gerechtfertigt.

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Mo

01

Mai

2017

Windjammersterben

Hier geht es um Jugendliche, ehrenamtlich Arbeitende, um Bildungsarbeit, vor allem aber um eine spezifische Kultur von Windjammern, und die in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zu Hause ist. Hier werden die altertümlich und romantisch aussehenden Segelschiffe  mit viel Aufwand ehrenamtlich aufgearbeitet und gepflegt. Aber ihre Arbeitsgrundlage ist durch Aktivitäten der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, an der Spitze das Bundesverkehrsministerium in ihrer Substanz bedroht. 

 

Windjammer dieser Art, sind nur selten echte Oldtimer im Sinne unseres Denkmalschutzes. Meistens sind sie zwar schon ziemlich alt, aber z.T. auf ehemaligen Dampfschiffen neu aufgebaut worden. Gleichwohl erfüllen sie ihren Zweck, nämlich mit Zwei- resp. Dreimastern auf der Ostsee herumzuschippern.

Betrieben werden viele dieser Schiffe von Jugendlichen. Sie weihen ihr Leben diesem Hobby, und stecken  ihre ganze  Zeit und Energie dort hinein. Das Ganze ist keine Luxusangelegenheit und deshalb spielen die Kosten eine Rolle. Deshalb hat sich hier eine eigene Infrastruktur entwickelt mit Anlegeplätzen, Museumswerften, aber auch Bildungsarbeit. 

 

Letztere steht für sich selbst, erfüllt aber auch den Zweck, dass diese Schiffe überhaupt fahren können. Dabei werden Bildungsseminare, Umweltbildung bis hin zu politischer Bildung angeboten, und es wird den Mitfahrern gleichzeitig das Erlebnis einer solchen Windjammertour ermöglicht, wo die Teilnehmer auch die Matrosen sind. Natürlich ist da Seefahrtsromantik im Spiel, und zwar nicht wenig. Es ist aber auch das aktive Erlernen und Kennenlernen unserer eigenen Schifffahrtstradition, die insbesondere in unseren Küstenregionen untrennbar mit der Herausbildung der dortigen Gesellschaft verbunden ist. 

 

Bis ich selbst von der Existenz dieser Schiffe erfuhr, war für mich immer Holland das Land, welches für diese Art von Windjammerkultur steht. Es gibt sie aber, wie gesagt auch bei uns. 

 

Ich selbst bin in Berührung mit diesen Schiffen durch meine Töchter gekommen, welche Kontakt zu einem dieser Schiffe und ihrer Crew bekamen, und die begeistert von diesem Erlebnis erzählt haben. Es handelt sich bei dem Schiff um die Lovis. Die spielt in dieser Geschichte eine große Rolle. 

 

Als die Auseinandersetzungen mit der Wasser und Schifffahrtsverwaltung in eine für diese Schiffe gefährliche Phase kamen, hat meine Tochter die Crew von der Lovis an mich verwiesen. Das geschah nicht von ungefähr, weil ich mal Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium gewesen bin, zwar nicht lange, nur zwei Jahre, und auch nicht für die entsprechenden Abteilung zuständig. Aber ich konnte doch im Ministerium erhebliche Erfahrungen machen, kenne die Strukturen, kenne das Verhalten und kenne vor allem die spezifischen Prozesse im Spannungsgebiet von Politik und Verwaltung, die man sich klarmachen muss, wenn man hier etwas erreichen will. 

Wir hatten dann intensive Kontakte. Wobei ich deutlich sagen muss, dass ich direkt nur wenige Male eingegriffen habe. In der Regel habe ich mit den jungen Leuten über die politischen und ministeriellen Hintergründe geredet, so dass sie in der Lage waren, ihre eigene, im besten Sinne Lobbyarbeit effektiv gestalten zu können. Denn es ist für jeden, der sich politisch engagiert immer ein Riesenproblem zu erkennen, wo man in seiner politischen Arbeit einsetzt, welche Mittel man wählt. Es geht eigentlich darum, herauszufinden, wo die Tür ist, an die man anklopft, oder wo der Schlüssel ist, der einem die Türen öffnet.  Es war bewundernswert, mit welcher Energie aber auch Intelligenz die Crew dann an diese Arbeit heranging, und wirklich viel erreicht hat. Aber nie hat sie eine endgültige Lösung erreicht. Vielmehr hat sie einen Pattzustand aufrechterhalten, der ihr aber die Betriebserlaubnis für das Betreiben ihres Schiffes bewahrt. So konnte diese ganze Windjammerkultur auf der Ostsee die letzten 5 Jahre überstehen.

Nun aber gibt es eine neue Attacke, wenn man so sagen kann, und den Leuten geht langsam die Luft aus.

 

Die Auseinandersetzung um die Schiffe dreht sich um Sicherheitsfragen. Ist also nicht unwichtig. 

Die Wasser - und Schifffahrtsverwaltung macht geltend, dass moderne Sicherheitsauflagen nicht erfüllt werden. Diese Sicherheitsauflagen gelten nicht für alle Windjammer gleichermaßen. Für die "echten" Oldtimer gelten sie nicht, also jene Schiffe, die schon immer nur als Segelschiffe existiert haben. Bei ihnen gilt Vertrauensschutz. Viele dieser Schiffe sind aber in diesem Sinne keine echten Oldtimer. Die "Lovis" z.B. ist es nicht. Das war mal ein skandinavisches Dampfschiff, das abgebaut wurde, abgewrackt werden sollte, und dann von irgendjemanden vor Jahrzehnten bereits in einen Windjammer umgebaut wurde. Die Jugendlichen übernahmen dann einmal dieses Schiff. Sein Heimathafen ist Greifswald. So einer Passion wie Windjammerfahren kann man ja als normaler Jugendlicher dort erst seit 1990 nachgehen. 

 

Als dieses Schiff seinerzeit die Betriebserlaubnis erteilt wurde, erfüllte es die Sicherheitsauflagen. Sonst hätte es diese Erlaubnis auch nie bekommen. Doch im Gegensatz zu den "echten" Oldtimern gilt für die Lovis nicht der Vertrauensschutz. Kurz gesagt, mit den neuen Sicherheitsbestimmungen, also der Absicht, diese durchzusetzen, wären umfangreiche und teure Investitionen verbunden, die die meisten der Crews dieser Art von Windjammer nicht aufbringen können. Warum das so ist, kann man auch erklären, ich lasse das aber mal weg. 

 

Und deshalb haben diese Crews Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um zu verhindern, dass diese neuen Sicherheitsbestimmungen durchgesetzt werden. 

 

Sie waren bei ihren Abgeordneten, bei ihren Landesregierung, ja sogar bei den Ministerpräsidenten. Sie haben Kontakt zu den Ministern aufgenommen. (Insbesondere Manuela Schwesig, oder Andrea Nahles). Sie haben Kontakt zum Verkehrsausschuss mehrerer Parteien. Sie waren bei den Medien, sie haben demonstriert und Veranstaltungen organisiert. Sie sind, um das salopp auszudrücken, der Ministerialbürokratie erheblich auf die Nerven gegangen. Lobbyvereine haben hochbezahlte Leute für derlei Aktivitäten. Diese jungen Leute haben das alles nebenbei gemacht, also neben Studium, Arbeit, und Betreiben der Schiffe.

Vor der letzten Wahl ist es gelungen, so viel Öffentlichkeit zu erreichen, dass der damalige Verkehrsminister, Ramsauer, die ganze neue Sicherheitsverordnung auf Eis gelegt hat. Dann ist es gelungen, eine Art Garantieerklärung für diese Schiffe in die Koalitionsvereinbarung zu lancieren. Da war ich mal beteiligt, weil ich meinen ehemaligen Kollegin Florian Pronold, der für die SPD diesen Teil der Verhandlungen geleitet hat, darum gebeten hatte. Ich habe auch Kontakt zum Abteilungsleiter im Verkehrsministerium, der für die Hochseeschifffahrt zuständig ist, und der Crew hergestellt. Mehr war es aber nicht. 

 

Das Sicherheitsargument ist eine Keule. Natürlich hat die Schifffahrtsverwaltung Horrorszenarien im Auge, vor der es ihre politische Leitung bewahren will. Ich denke aber, dass man hier den Bestand dieser spezifischen Windjammerkultur und Sicherheitsstandards abwägen muss. Warum kann nicht auch hier Vertrauensschutz gelten? Warum kann man keine finanzielle Unterstützung geben für das Nachrüsten der Schiffe um die Sicherheitsstandards einhalten zu können? M.E. ließen sich hier Lösungen finden. 

 

Leider sind die nicht wirklich in Sicht. Die Schifffahrtsverwaltung scheint von ihren Vorstellungen nicht abzurücken. Den Crews geht langsam die Luft aus. Man kann nicht einfach jahrelange Lobbyarbeit in eigener Sache betreiben auf Kosten der anderen Arbeit, wenn nicht irgendwann mal eine Lösung gefunden wird. Auf kaltem Wege kann sich also die Schifffahrtsverwaltung durchsetzen, weil sie letztlich den längeren Atem hat. Das aber wäre extrem traurig. Ich denke nach wie vor, die Crews brauchen Hilfe.

 

Das Ganze ist eine interessante Geschichte, angesiedelt zwischen Politik, Verwaltung, Ehrenamt, Bildungsarbeit und Windjammerkultur, an der man durchdeklinieren kann, wieviel an politischer Arbeit auch für ehrenamtliche einerseits möglich ist, andererseits an welche Grenzen sie stoßen. Es geht auch um die Frage, wie berechtigt im Einzelfall die Sicherheitsmanie deutscher Verwaltungen im Einzelfall geht. Das haben wir ja nicht nur hier, sondern auch auf dem Spielplatz, bei Kletterparks und Ähnlichem. 

 

Es ist eine kleine Geschichte mit großer Tragweite und Auswirkungen für die Subkultur der Windjammer auf unseren Meeren. Diese Kultur befindet sich vor unseren Augen in einer Krise, deren Ausgang nicht vorhersagbar ist.

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So

23

Apr

2017

Die Niederlausitzer Braunkohleverstromung wird eingeschränkt

Der Eigentümer der Lausitzer Braunkohlentagebaue, die LEAG, hat kürzlich seine Tagebaupläne konkretisiert. Dabei ist er von der Erschließung eines Tagebaus abgerückt, leider aber nicht von der Braunkohleverstromung an sich, auch nicht langfristig. 

 

Diese Entscheidung ist gut für einige Dörfer, die nun nicht mehr abgebaggert werden. Und sie ist auch gut für das Bewußtsein der Lausitzer, die sich mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass sie von der Braunkohle als Zukunftsanker ihrer Region verabschieden müssen. Aber sie ist zuwenig, um aus der Lausitz wirklich eine Zukunftsregion zu machen. Daher ist es unverzichtbar, dass die Aktivisten für eine Lausitzer Zukunft ohne Braunkohleverstromung weiter kämpfen. Sie haben mit der jüngsten Entscheidung von der LEAG einen Erfolg errungen, aber keinen Durchbruch erzielt.

 

Über die Planungen von der LEAG war im Zuge des Eigentumsübergangs von Vattenfall an seinen Nachfolger, der LEAG viel spekuliert worden. Die Brandenburger Landesregierung hatte ihr alle Optionen offengehalten und durch seinen Wirtschaftsminister Albrecht Gerber, sogar ein Einverständnis mit einer möglichen langfristigen Fortsetzung des Braunkohleabbaus signalisiert.

Für die Entscheidung von LEAG, die nicht ohne Abstimmung mit den beiden Landesregierungen vorgenommen sein kann, sprechen die Klimaschutzpolitik der Bundesregierung und der Europäischen Union, die Reform des Zertifikatehandels und der anhaltende Anstieg der Kosten von Braunkohle. Sie ist vor dem Hintergrund der Endlichkeit unserer fossiler Energiereserven auch vernünftig.

Für den Kampf einiger der von der Vernichtung bedrohten Ort und Gemeinden ist diese Entscheidung dennoch ein großer Erfolg.  Doch eine endgültige Sicherheit bedeuten sie noch nicht. Denn nicht von allen Gemeinden ist das Damoklesschwert verschwunden. Außerdem wird es Zeit, dass Brandenburg seine Energiekonzeptionen entsprechend anpasst. Außerdem muss die Landesplanung verändert werden. Ansonsten wäre es für die LEAG möglich durch einen betriebsinternen Strategiewechsel ihre vorhandenen Optionen auf die Neueröffnung von Braunkohletagebauen wieder zu nutzen.

Es mag dahingestellt sein, ob das Treibhausgas CO2 tatsächlich der Klimakiller Nr. 1 ist. Dazu gibt es in der Fachwelt auch ganz andere Meinungen. Aber für Land und Leute ist die Braunkohleverstromung eine Vernichtung von Heimat, Lebenskultur und regionaler Geschichte von apokalyptischen Ausmassen. Insbesondere zu DDR Zeiten wurden die meisten der insgesamt 100 abgebaggerten Orte in der Niederlausitz ein Raub der Bagger. Der Verweis der Braunkohlebefürworter auf den expansiven Ausbau der Braunkohletagebaue in China, mit dem die Niederlausitzer immer beruhigt wurden, konnte dabei den Umstand, dass Deutschland der größte Braunkohleproduzent weltweit ist, nicht entkräften. Heute ist eigentlich klar, dass auch Deutschland seine Energieversorgung aufrecht erhalten kann, ohne seine Braunkohle zu verbrennen. Und der Umstand, dass kein Land so viel Braunkohle verbrennt wie Deutschland, ist ein Armutszeugnis für den Technologiestandort Deutschland. 

 

Es ist jetzt die Aufgabe für die Region und ihre Bewohner sich endlich ihrer Zukunft ohne Braunkohleverstromung zu stellen. Die Hoffnungen auf eine Weiterführung dieser Uralt-Energiegewinnung erweisen sich als Illusion. Die Verabschiedung von dieser Technologie der Stromgewinnung wird nicht ohne Abbau von wirtschaftlichen Kapazitäten stattfinden. Die erst jetzt und damit sehr spät erfolgte Entscheidung schafft zwar nun Planungssicherheit. Eine frühere Entscheidung hätte aber für die Zukunftskonzeption der Niederlausitz mehr Planungszeit ermöglicht, die nun nicht mehr vorhanden ist.

Um so wichtiger ist es, dass die Braunkohlepolitik der Landesregierung und der Brandenburger Parteien endlich unvoreingenommen diesem Ende der Braunkohlenverstromung nüchtern ins Auge blickt und neue wirtschaftliche Entwicklungen ins Auge fasst. Eine der wichtigen Kenngrößen, regionaler Entwicklung, nämlich eine intakte Umwelt, die mit milliardenschweren Investitionen finanziert wird aber, die wird mit dem Ende der Braunkohlenverstromung überhaupt erst möglich. 

Doch sie ist mühsam und braucht Jahrzehnte. Mindestens zwei weitere Herausforderungen, die auch mit den Braunkohletagebauen zusammenhängen harren auch noch einer Lösung. Das ist die Verockerung der Spree (rostbraunes Wasser) und die Versauerung der Gewässer. 

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Mi

22

Feb

2017

Gesprächszirkel

Bei meinem gestrigen Vortrag in Osterholz (bei Bremen) bin ich von einer munteren Gruppe von der  SPD AG 60+, die unter Leitung von Arne Börnsen dort seit vielleicht einem Jahr regelmäßig zu Veranstaltungen zusammenkommt, empfangen worden. Es hat sich ein langes und interessiertes Gespräch angeschlossen. Dafür war Bedarf vorhanden. Dass ich mich selbst dabei wohl gefühlt habe, brauche ich kaum zu erwähnen. 

 

Das erzähle ich deshalb, weil diese Veranstaltungsreihe dort unter Eigenregie entstanden ist, und weil die Leute ganz offensichtlich an solcherart Vorträgen, wie ich ihn gehalten habe interessiert sind. Aber das betrifft nicht nur mich, sondern alle anderen, die dort auch zu Gesprächen und Vorträgen eingeladen werden. Seit der Beginn der Veranstaltungsreihe ist die Anzahl der Teilnehmer gewachsen. 

 

Nebenbei erzählte mir mein ehemaliger Kollege Arne Börnsen, wie ich MdB a.D., dass er auch einen kleinen Gesprächskreis bei sich zu Hause ins Leben gerufen hat, der dort monatlich tagt. Er widmet sich einem sehr spezifischen, aber modernen und aktuellem Thema, den digitalen Netzen. Also allem, was mit Internet, Mobilfunk, Frequenzen, Netzausbau, Telekom usw. zusammenhängt. Es ist ein Thema, dass unter dem Stichwort der Netzneutralität durchaus auch in der Öffentlichkeit heiß diskutiert wurde. 

 

Solche Gesprächszirkel können sehr belebend sein. Sie erfüllen gleich mehrere Funktionen gleichzeitig. Sie klären auf, schaffen einen Diskurs, stellen auch eine kleine Gemeinschaft her, stiften vielleicht sogar Freundschaften, oder vertiefen sie. Sie erfüllen den bei allen Menschen vorhandenen Bedarf nach Austausch, Informationen, Erkenntnissen und Beteiligung. 

 

Ich selbst habe mich mal in den 90er Jahren an der Schaffung eines Gesprächszirkels ehemaliger DDR-Oppositioneller beteiligt, der dann regelmäßig bei Bärbel Bohley in ihrem Atelier im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg stattfand, bis diese nach Bosnien ging, um dort ein Kinderheim zu betreuen. Das war spannend, denn es ging um das Selbstverständnis der ehemaligen DDR-Opposition nach friedlicher Revolution und Deutscher Einheit, die nicht gerade von jedem der Oppositionellen gewünscht war, aber zu der sie, und zwar mehr als viele andere beigetragen hatten. 

 

Es gehört wohl nicht viel dazu, so etwas zu organisieren. Und sie schaffen in jeder Hinsicht für alle Beteiligten intellektuellen Gewinn. 

 

Arne Börnsen hat gleich zwei dieser Gesprächskreise mit aus der Taufe gehoben. Wobei es selbstverständlich ein Unterschied ist, ob ich versuche für die Mitglieder der AG 60+ der SPD von Osterholz, die immerhin, wenn ich mich richtig erinnere fast 300 an der Zahl sind, inhaltlichen Input organisiere, oder ob ich mich mit einem kleinen Kreis in brainstorming-Format einem spezifischen Thema widme. 

 

Es ist eine nachahmenswerte Initiative. Denn wir haben alle etwas zu sagen und auch mitzuteilen. Das kann man nicht, wenn man alleine bleibt. Wir stoßen an unsere eigenen engen Grenzen unseres ganz persönlichen Denkens, wenn wir uns nicht dem Diskurs stellen. Gesprächszirkel schaffen eine neue Perspektive. Sie sind fast ohne Aufwand zu organisieren. Das hat auch etwas mit Politik zu tun, mit Freiheit und Verantwortung, und der politischen Dimension unserer eigenen Persönlichkeit, unseres eigenen Ichs. 

 

Nachahmenswert. 

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Fr

17

Feb

2017

Frühlingswetter

 

 

 

 

Frühlingswetter in Berlin

 

 

Es ist ganz erstaunlich

 

 

Mitten im Winter

 

 

ist es 

 

 

Frühling in Berlin

 

 

 

 

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Do

16

Feb

2017

Wir wollen ein Mahnmal für die Opfer der Kommunistischen Gewaltherrschaft in Deutschland

Dieser Text ist in Vorbereitung des Fachgesprächs des Kulturausschusses des Bundestages am 15. Februar 17 entstanden. An ihm haben Mitglieder der Initiativgruppe für die Schaffung des Mahnmals bei der UOKG mitgewirkt. Ich habe ihn als Vorlage für mein Eingangsstatement auf diesem Fachgespräch benutzt. 

Wir wollen dieses Mahnmal den Opfern des Kommunismus in Deutschland widmen. Betroffene sollen hier ihre Trauer über die im Namen des Kommunismus erlittenen Demütigungen und Verletzungen, Verluste und Schäden, Krankheiten und Tod zum Ausdruck bringen können. Wir wollen, dass das bundesdeutsche Gemeinwesen ihnen mit diesem Mahnmal signalisiert, dass ihre Trauer ernst genommen wird, in die Öffentlichkeit gehört und alles unternommen wird, einen neuen Rückfall in totalitäre Systeme zu verhindern, gleich ob von rechts oder links, gleich ob kommunistisch oder nationalsozialistisch, oder in welchen Formen auch immer totalitäres Denken und Handeln erneut unser demokratisches Gemeinwesen in Gefahr zu bringen droht.

 

Wir wollen, dass dieses Mahnmal uns und die Nachgeborenen daran erinnert, welche Schrecken einst mit dem Kommunismus in Deutschland verbunden waren, und dass wir uns dieser Schrecken bewusst bleiben. Sie sollen uns Mahnung sein, unser Gemeinwesen auf seinem demokratischen Weg weiterzuentwickeln, ohne jemals auf die Achtung der Menschenrechte, des demokratischen Rechtsstaats und der staatlichen Gewaltenteilung zu verzichten.

 

Wir wollen, dass dieses Mahnmal in Berlin errichtet wird, weil Berlin als Hauptstadt der DDR in Deutschland die kommunistische Macht- und Handlungszentrale war, weil heute in Berlin als Hauptstadt des wiedervereinten Deutschlands die politischen Weichen für die Zukunft unseres Landes gestellt werden und weil ein Mahnmal in dieser Stadt mit ihrem sehr hohen Besucher-aufkommen eine besonders große Resonanz verspricht.

 

Wir wollen, dass dieses Mahnmal ein untrennbarer Bestandteil der Mahn- und Gedenkstättenlandschaft im Umfeld unseres Regierungs- und parlamentarischen Zentrums in unmittelbarer Nähe zum Reichstag als dem Sitz unseres Bundestages errichtet wird.  Es soll ein Zeichen setzen, dass es in Fragen totalitären Terrors keine Rangfolge geben kann.  

 

Wir wollen mit dem Mahnmal einen Erinnerungsort staatlichen Gedenkens für die Opfer des Kommunismus schaffen, und einen Ort, an welchem auch Staatsgäste der Opfer des Kommunismus in Deutschland gedenken können.

 

Wir wollen, dass dieses Mahnmal mit einer verständlichen Symbolik und Ästhetik Opfer und alle anderen Besucher, darunter auch Gelegenheitspassanten, die vielleicht nur zufällig zu diesem Ort gelangen, anspricht und einlädt, sich in ihren Gedanken und Vorstellungen mit den Schrecken der kommunistischen Gewaltherrschaft und seinen Opfern zu beschäftigen. Wir wollen, dass dieses Mahnmal die Sehnsucht der Betroffenen nach Frieden, Freiheit und Geborgenheit vor staatlichem Terror zum Ausdruck bringt, und dass es Mitgefühl für die Opfer bei seinen heutigen Besuchern auslösen möge.

 

Wir wollen, dass das Wissen um die ganz unterschiedlichen Opferbiographien mit Hilfe geeigneter Veranstaltungen weiter verbreitet wird. Dafür soll es einen geeigneten Träger geben, der das Mahnmal in seiner Obhut hat, es pflegt und wartet.

 

Und wir wünschen, dass ein Dokumentationszentrum vor Ort für alle Besucher des Mahnmals über die kommunistische Gewaltherrschaft informiert, entsprechende Bildungsangebote vorhält und auf die unterschiedlichen Gedenkorte der kommunistischen Gewaltherrschaft in Berlin und allen übrigen Orten in Deutschland verweist.  

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Fr

10

Feb

2017

Selbstverliebtheit ist kein Ersatz für Größe

Zum Ende der Amtszeit von Joachim Gauck

Die berechtigte Kritik am wirtschaftlichen Versagen der DDR, ihrer politischen und gesellschaftlichen Apokalypse mündete für manch einen ehemaligen DDR-Bürger in eine Art Weichzeichnen der Zustände in der Bundesrepublik. Der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck ist ein Beispiel dafür. Das ist an seiner kritiklosen Bejahung der sozialen Marktwirtschaft gut zu erkennen.

 

Das Bewusstsein dafür, dass jeder Art von Marktwirtschaft, wie wir sie haben, auch zerstörerische Tendenzen eigen sind, ist Gaucks Stärke nie gewesen. Sein Begriffspaar von Freiheit und Verantwortung ist im Grundsatz von niemanden bestritten worden, gehört aber letztlich in seiner Isoliertheit in den Diskurs des 19. Jahrhunderts. Eine Orientierung für diejenigen, die unter den Schattenseiten von wirtschaftlicher Modernisierung, Internetrevolution und Globalisierung leiden, konnte er unter diesen Bedingungen kaum geben, ja musste der Hinweis auf Freiheit und Verantwortung eher wie ein Hohn wirken. Das ist umso erstaunlicher, als dass gerade in Ostdeutschland, Gaucks Herkunft,  diese Schattenseiten mit der Deindustrialisierung ganzer Landstriche offenbar wurden, obwohl oder vielleicht gerade auch weil das Auseinanderhalten von SED Erbe und schädlicher Treuhandpolitik schwierig ist.

 

Natürlich profitiert Deutschland heute von Internet und Globalisierung. Weil die Welt auf diese Weise aber zusammenrückt, und Reibung entsteht, wo vorher Abstand war, kommt unsere Gesellschaft nicht darum herum, sich selbst zu überprüfen. Der Satz des Vorgängers von Gauck im Amte „Der Islam gehört zu Deutschland“, war vor diesem Hintergrund eine echte Integrationsleistung, und eine Erkenntnis, mit der Gauck sich zu Beginn seiner Amtszeit schwer getan hat. Andererseits hat er, und das ist ihm hoch anzurechnen, demokratische Grundwerte, wie Rechtsstaat und Menschenrechte, zur Grundlage einer gelingenden Globalisierung erklärt, und dafür in der Türkei und in China gestanden. An dieser Haltung hat er auch gegenüber dem Putin‘schen Russland festgehalten, was letztlich zum internationalen Boykott der olympischen Winterspiele in Sotchi geführt hat. Ob er das beabsichtigt hatte, weiß ich nicht. Aber die Konsequenz mit der er auf seinen, unseren demokratischen  Grundwerten bestanden hat, ist richtig, und das hat mich als ehemaligen DDR-Oppositionellen auch richtig stolz gemacht.

 

Der Bundespräsident Gauck hat sich erkennbar in seiner Rolle wohlgefühlt. Er wurde geliebt, und er schien diese Liebe zu brauchen. Er hat gute Reden gehalten und er hat nach Macht gestrebt. Doch gerade für ihn gilt, weil er so viel davon redet, dass Macht immer auch Verantwortung heißt. Und der ist er an einigen Stellen nicht gerecht geworden. Möglicherweise hat ihn sein Bedürfnis nach Macht und Anerkennung in eine Falle geführt.

 

Denn es ist auch Aufgabe jedes Bundespräsidenten, auf politische Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen, die politische Elite aus ihrer Selbstgefälligkeit zu rütteln, und in der Gesellschaft das Gefühl für die selbstkritischen Fähigkeiten dieser Elite wachzuhalten. Dieser Aufgabe ist Gauck viel zu selten gerecht geworden. Dabei hätte ihm gerade die Regierung der Großen Koalition und Kanzlerin im Besonderen viel Anlass dazu gegeben. Tatsächlich ist er hier nur einmal wirklich wahrgenommen worden, als er die Klage von einigen Abgeordneten gegen die Euro-Politik der Bundesregierung deutlich bejaht hat. Tatsächlich aber wäre es wichtig gewesen, den überfallartigen Hauruck-Stil der Kanzlerin, ihre Politik der vollendeten Tatsachen deutlicher unter die Lupe zu nehmen. Denn ihren verschiedenen Volten in der Klimapolitik, beim Atomausstieg, und in ihrer Europapolitik, jenseits jedes demokratischen Entscheidungsprozesses haben ihr in der Gesellschaft zwar lange hohe Beliebtheitswerte eingetragen, gleichwohl politisches Vertrauen zerstört. Zwar hat auch Schröder schon diesen Stil praktiziert, aber die Kanzlerin hat ihn ausgebaut. Zum Schluß ist ihr dieser Stil bei ihrer Flüchtlingspolitik schwer auf die Füße gefallen. Da war sie schon abgehoben, in ihrer eigenen Hybris der Erfolgsseeligkeit gefangen. Einige rechtzeitige kritische Worte hätten sie vielleicht davor bewahrt, wenngleich das schlecht einzuschätzen ist. Das ändert aber nichts an der Notwendigkeit des kritischen Korrektiv des Bundespräsidenten, der an dieser Stelle schlicht nicht vernommen worden ist.

 

Die Entwicklungen die zur AfD und die zu PEGIDA geführt haben, hat Gauck nicht wahrgenommen. Jenseits von industrieller Revolution und Globalisierung liegen ihre Ursachen in einem gesellschaftlichen Bodensatz völkischer Gesinnungen, das in Ostdeutschland leider besonders zu Buche schlägt. Keine Gesellschaft kommt um die Aufarbeitung ihres Versagens herum. In Ostdeutschland haben wir es mit einem doppelten Versagen zu tun. Gauck ist hier nie so beliebt gewesen, wie in Westdeutschland. Das hängt mit seiner Tätigkeit als Bundesbeauftragter zusammen, aber es hängt eben auch mit Ostalgie und den ostdeutschen Schwierigkeiten mit unserer modernen Gesellschaft zusammen, einer Gefühlsschicht, die auf die bei manchen eben noch vorhandenen völkischen Gesinnungen zusätzlich aufbaut. Das macht die gefährliche Grundströmung Ostdeutschlands aus. Darüber wäre eine Debatte zu führen, frei von Tabuisierungen aber klar in den Positionen. Gauck hat sie nicht geführt. Ihm war die Anerkennung seiner intellektuellen und politischen Leistungsfähigkeit im westdeutsch dominierten mainstream lieber, als die Mühen der Ebene seiner ostdeutschen Herkunft. Das hat er mit Angela Merkel übrigens gemeinsam.  

 

Deshalb wird er in die Geschichte eingehen als erster ostdeutsche Bundespräsident, dem die Anerkennung lieber war, als unangenehme Fragen zu stellen. 

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Di

07

Feb

2017

Mein Freund Gutzeit (4 und Schluss)

Mit Ibrahim Böhme hatten wir zu jeder Zeit die Staatssicherheit unter uns. Gutzeit hat das nicht angefochten. Für ihn war überhaupt die Staatsicherheit mehr ein Problem der Logik und des Verstandes als ein mentales, oder gar der Angst oder Furcht. In Sachen Staatssicherheit spürte man bei Gutzeit Wut, aber keine Unsicherheit. Ich habe gut nachvollzogen, dass er Böhme von Anfang an für einen unsicheren Kantonisten hielt, für ein Sicherheitsrisiko. Was ich nicht verstanden habe, war sein Test, mit dem er Böhme für sich entlarvt hatte, weit vor der Zeit, wo die ersten Akten über ihn in Umlauf kamen. Weit überhaupt auch vor der Zeit, wo die SDP in ihre Gründungsphase kam. Er versuchte mir das zu erklären, indem er eine Stelle aus dem „Idioten“ von Fjodor Dostojewski anführte, worin der Autor eine Doppelnatur aufzeigte. Mir war das zu hoch. Zumal ich den Idioten nur aus einer westdeutschen Verfilmung kannte, wenn auch einer guten. Mir fehlte also schlicht die Bildung um Gutzeit hier folgen zu können. Gutzeits eigene Sicherheit bei Fragen der Staatssicherheit war phänomenal.

 

In der Tat hatte er sie mit seiner Parteigründung überlistet. Denn die Verbindlichkeit von Parteistrukturen, das Prinzip freier Wahlen und die politischen Ziele der SDP setzten dem Aktionsradius jedes einzelnen undercover arbeitenden Parteimitglieds enge Grenzen. Wollten sie Einfluss innerhalb der Parteistrukturen haben, müssten sie sich für sie profilieren. Sie müssten also stärken, was sie zersetzen trachteten. Das war also ein Dilemma für die Genossen Schlapphüte, und für uns war es kein Spaziergang. Aber es führte auch zu der skurrilen Situation, dass Böhme am Runden Tisch gemeinsam mit Gutzeit für die Durchleuchtung sämtlicher Mitglieder des Runden Tisches stimmte. Was blieb ihm übrig. Gutzeit brauchte er nichts vorzumachen. Aber enttarnen lassen wollte er sich auch nicht.

 

Ibrahim verhielt sich intrigant. Er spielte Theater. Bei unserer ersten Begegnung nach der Gründung versteckte er sich. In seiner Wohnung wollte er niemanden empfangen. Im nahegelegenen Park sah er überall Spitzel. Gutzeit knurrte: „Spielchen!“, während ich eher noch Mitleid hatte. Aber auch mir fiel auf, dass Böhme keinen Versuch zu einem konstruktiveren Gespräch, und sei es noch so kurz unternahm, sondern dass er jeglicher Gesprächsansätze mit dubiosen Hinweisen, der Notwendigkeit, jetzt rauchen zu müssen, unbedingt jemanden anzurufen, oder Kaffeetassen abzuwaschen unterband.

Gleichwohl wartete er bei den Vorstandssitzungen mit Informationen auf, die allem Anschein aus dem ZK stammen müssten auf, redete später mal von Modrow, mit dem er nächtliche Gespräche geführt hätte, oder gar mit einer Einschätzung, dass, wenn die friedliche Revolution so weiterginge, die Russen ihre Truppen aus der DDR abziehen würden. Letzteres freute Gutzeit außerordentlich. Ersteres machte ihn misstrauisch.

 

Und gleichwohl hatte in den ersten Monaten nach SDP-Gründung unsere Zusammenarbeit noch einen vertraulichen Charakter. Das veränderte sich nach Jahreswechsel, als unsere Arbeit zunehmend professionelle Züge erhielt. Dissenz entstand. Und Böhme machte schlapp. Erst zog er aus seiner Wohnung aus, weil es dort angeblich Bombendrohungen gegeben habe. Gutzeit meinte: „Legendenbildung“. Und dann ergab er sich dem Alkohol. „Überfordert“, bemerkte Gutzeit dazu. Irgendwie schien er ihn dennoch unter Kontrolle zu haben, was zunehmend schwerer wurde. Denn eines Tages meinte er zu mir: „Wenn es gar nicht mehr weitergeht, dann muss man das Messer auf den Tisch legen.“ Ich verstand, dass er kurz davor war, ihm zu sagen, was er wirklich von ihm hielt. Aber wahrscheinlich ging es um mehr. Das war in den Wochen vor unserem ersten Parteitag in Leipzig-Markleeberg, der für Böhme zum Höhe- aber auch Wendepunkt seiner Karriere wurde. Böhmes Einfluss war so groß geworden, dass er anstandslos zum Spitzenkandidaten für die bevorstehende Volkskammerwahl gewählt wurde. Meckel und Gutzeit aber fielen in der Vorstandswahl im ersten Wahlgang durch. Da ging Böhme ans Mikrofon und bat die Delegierten um Stimmen für sie. Gutzeit, der neben mir saß, meinte nur: „Das habe ich gewusst!“. So wie ich Gutzeit kannte, ging es hier nicht um eine Insiderinformation, sondern um seine Einschätzung. Denn Böhme hatte keinen außer diesen beiden, die ihn irgendwie durch das schwierige Fahrwasser der nächsten Zeit hätten steuern können. Der Stasi-Spitzel war auf sie angewiesen. Die Unterwanderung hatte in Abhängigkeit geführt.

 

Ein Bote von Momper erschien auf dem Parteitag mit einer geheimen Botschaft, nur für Böhme bestimmt, nicht für uns, die wir die Partei führten: Akten über Böhme waren aufgetaucht. Von da an war es nur eine Frage der Zeit, bis Böhme in den Medien enttarnt werden würde. Aber wir wussten nichts davon, aber wir waren auch nicht mehr überrascht.

 

Nach der Enttarnung Böhmes wurde nicht sofort reiner Tisch gemacht. Die SPD zeigte sich nicht dazu in der Lage. So konnte er in der Partei bleiben, konnte weiter mit uns spielen, konnte sogar wieder in den ersten gesamtdeutschen Vorstand gewählt werden. Wir schleppten ihn mit, ihn, der zu einer kraftlosen Puppe verkommen war. Mitleid hatte ich nicht.

 

Später hat Gutzeit dafür gesorgt, dass Böhme aus der Partei ausgeschlossen wurde. Doch das war in der Tat Jahre später. Erst dieser Schritt setzte Böhmes politischem Theater ein Ende. Böhme hat die SDP nicht verhindern können, er hat ihren Kurs nicht bestimmen können. Schaden hat er gestiftet. Aber eine Legende ist er nicht geworden.

Die Zeiten hatten sich gewaltig geändert.

 

Die Ost-SPD, wie wir sie gegründet hatten, gab es so nicht mehr. Sie fächerte sich in ihre ostdeutschen Landesverbände auf, und einige wenige gingen in die Bundespolitik. Neue Gestalten standen an ihrer Spitze. Die Partei versprach sich von ihnen mehr Erfolg, ein besseres Image. Der Kurs der Gründer lag im Keller. Jemand, der im kommenden Brandenburger Landtag für die SPD Parlamentspräsident werden würde, dessen persönliche Kriegsschuld, wie sich später herausstellte, in seinen Rücktritt mündete, hatte zu Gutzeit gesagt als der sich für die erste gesamtdeutsche Wahl um einen Bundestagswahlkreis bemühte: „Nach der Revolution gehen die Soldaten in die Kaserne zurück!“. Die Partei war nicht nur undankbar, sie wollte auch vergessen machen, woher und warum sie entstanden war.

 

*

 

Als die Wogen dieser ersten gemeinsamen Bundestagswahl für das vereinte Deutschland wieder geglättet waren, als sich der Bundestag konstituiert hatte, und Alltag einkehrte, fuhr ich nach Marwitz ins Pfarrhaus. Das Pfarrhaus war leer. Das Namensschild war da noch: Gutzeit. Nachbarn erzählten mir, wo die Familie abgeblieben war. „Ja, das war doch dieser Pfarrer, der in die Politik gegangen ist.“, meinte einer zu mir. Die Revolution frisst ihre Kinder, lautete der Titel von Leonhardts Buch. Ich für meinen Teil fühlte mich nicht aufgefressen. Eher eingekapselt und abgeschirmt. Als ich in der Fischerinsel klingelte, war das die Fortsetzung wie auch ein Neubeginn einer in den revolutionären Zeiten geborenen und gereiften Freundschaft, ohne die ich die politischen Volten der kommenden Jahre nicht überstanden hätte.

 

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Fr

27

Jan

2017

Mein Freund Gutzeit (3)

Dieser, der vorherige und die in den nächsten Tagen folgenden Texte sind eine Vorschrift auf einen Text, der anläßlich Gutzeits 65. Geburtstag erscheinen soll. 

Martin Gutzeit hatte einen Computer, den besten, den man unter DDR-Bedingungen vom Westen haben kann, den letzten Schrei des aufkeimenden Massenkonsums in Sachen Computer, einen Commodore, C64.

 

Damit wollten wir jetzt eine Zeitung machen. Gutzeit hatte ein schönes Programm dafür, WordPerfect, was es heute noch gibt. Ich kannte das nicht. Ich war ja selbst sogenannter Computerfachmann, aber meine Computer sahen anders aus. Bürocomputer waren das nicht. Aber Erfahrung und für notwendige innere Ruhe, die man für diese Art von Maschinen braucht, hatte ich schon.

 

Einen Namen für die Zeitung hatten wir auch: Depesche. Böhme hatte gemeint, dass das der Name eines alten sozialdemokratischen Publikationsorgans gewesen sei. Unser neuer Pressesprecher, Peter Grimm hatte von einer solchen Publikation geschwärmt. Aber Zeit, sich mit so was zu beschäftigen hatte keiner der Vorstandskollegen.

So machten wir beide, Gutzeit und ich uns alleine ans Werk. Es ging erst abends los, tagsüber war keine Ruhe dafür, und auch kein Raum. Aber nun saßen wir in der Wohnung von Rainer Rühle auf dem Hinterhof der Tieckstr. 17 im dritten Stock, in einem leeren Zimmer. Rühle hatte uns freundlicherweise diesen Raum angeboten, weil die kleine Familie diesen Raum noch nicht brauchte. Rühle, der am nächsten Tag arbeiten musste, ging schlafen.

 

Es zeigte sich schnell, dass WordPerfect zu groß für den C64 war. Der Computer schaufelte ständig dessen Programmteile hin und her, je nach Bedarf. Der Bedarf war groß, die Wartezeiten lang.

 

Wir hatten zwar einige Texte, aber das ganze sollte auch in ein ansprechendes Layout gebracht werden. Jeder neue Layout-Versuch verursachte wieder Umschaufelungsaktionen und damit Wartezeiten. Und so vergingen Stunden, und es wurde 2 Uhr, 3 Uhr in der Nacht, ohne dass irgendein Ende abzusehen war. Es schien wie es so häufig bei Computerarbeiten ist, nur wenige Schritte, bis zu einer gut akzeptablen Lösung. Und das motiviert einen immer wieder neu. Die Aussicht am nächsten Morgen dieses fertige Layout mit unserer ersten Zeitung den sozialdemokratischen Freunden vorstellen zu können, war so verlockend, dass wir uns die nächsten Nachtstunden um die Ohren hauten. Aber wie weiland bei Sisyphos, nie konnte uns der Computer mit seinem WordPerfect wirklich zufrieden stellen. Mir dämmert, dass wir Abstriche von unseren Vorstellungen machen mussten, wenn wir denn überhaupt ein Ergebnis haben wollten. Ich war hin und hergerissen zwischen meinen eigenen Qualitätsvorstellungen: „Man kann doch schließlich unser Blatt nicht wie ein billiges, nur gut gemeinstes, aber nicht gut gemachtes Samisdat-Blatte aussehen lassen.“. Und Gutzeit ging auf das von mir benannte Dilemma gar nicht mehr ein. Während ich müde begann, zu resignieren, paffte Gutzeit eine Zigarette nach der anderen ohne in der Sache einen Schritt weiter zu kommen.

 

Um sechs Uhr stand er auf und ging. Er hatte irgendeinen Termin, oder er musste sich um seine Tochter kümmern, das weiß ich nicht mehr.

 

Das Blatt ist nie erschienen. Zeit für einen neuen Versuch hatten wir nicht. Andere fanden sich nicht. Wir waren gescheitert, aber die nächsten Tage waren wieder so voller Ereignisse, dass die Sache mit dem Telegraph schnell in den Hinterstuben unseres Gedächtnisses verschwunden war. 

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Mi

25

Jan

2017

Mein Freund Gutzeit (2)

Dieser, der vorherige und die in den nächsten Tagen folgenden Texte sind eine Vorschrift auf einen Text, der anläßlich Gutzeits 65. Geburtstag erscheinen soll. 

Einer der Sätze, die von Gutzeit häufig zu hören waren, lautete: „Wer Demokratie will, muss sie  praktizieren!“. Das war das unser Organisationsprinzip. Auf diese Weise organisierte sich die SDP in der Fläche. Und das erklärte auch, weshalb ich zum ersten Sprecher gewählt werden konnte, warum von den Gründern keine Personalvorgaben  gemacht wurden, keine Vorentscheidungen getroffen wurden, und warum Gutzeit so ruhig blieb, als er anfangs nicht mal in den geschäftsführenden Ausschuss gewählt wurde.  Es gab keine Einmischung in Personalfragen. Die Gruppen, Ortsvereine, Kreis- bzw. Bezirksverbände wählten ihre Vorstände selbständig ohne Einmischung von uns. Wir waren keine Kaderpartei, wie die verhasste SED. Wir hatten Vertrauen, und die Verbände hatten die Verantwortung. Dieses Nichteinmischungsprinzip sprach unseren Mitgliedern die Freiheit und die Fähigkeit zu, für ihre eigene Zukunft selbst sorgen zu können. Und da wo sie scheiterten, sich selbst korrigieren zu können. Manch einer, insbesondere von der West-SPD verwunderte dieses Prinzip, aber es war kein Zeichen von Schwäche, auch nicht aus der Not geboren, sondern ein ganz bewusster, logischer Schritt aus unserem Selbstverständnis heraus. Und es war erfolgreich. Nur so konnte sich Leipzig organisieren, die mit ihren SDP – Strukturen die Grundlagen für eine lange erfolgreiche SPD-Arbeit legen konnten, deren Wahlerfolge fast 20 Jahre lang die der anderen sächsischen Regionen überstrahlten. Denn dort waren Leute am Werk, die das politische Organisationsangebot der SDP für sich zu nutzen verstanden. Und nur so konnte der Berliner Bezirksverband sich noch vor dem Mauerfall am 9.November konstatieren. Wir haben niemanden zum Rapport bestellt, wir haben nie eine Weisung erteilt. Wir haben aber den Regionen die Möglichkeit gegeben, an unseren Sitzungen teilzunehmen. Wir haben sie ernst genommen und  den notwendigen Handlungsspielraum gegeben. Die SPD heute insbesondere in Ostdeutschland ist weit von dieser damals von uns praktizierten Freiheit entfernt. Gerade mit den Einmischungen in inhaltlichen, organisatorischen und Personalfragen werden verschiedentlich die Territorialverbände entmündigt, was die handelnden Akteure vor den Kopf stößt, und niemand mehr Lust und Energie hat sich da einzubringen. Was Demokratie in praxi bedeutet: Freiheit und Vertrauen, das habe ich von Gutzeit gelernt.

 

*

 

Wir haben viel gelacht in diesen Wochen und Monaten. Gutzeit und ich trafen uns zeitweise täglich. Es war immer Ernst, und es war immer lustig. Dabei ging es nicht um Schadenfreude, oder um sarkastisches Auslachen. Es war die Freude, die einen erfasst, wenn man zu unerwarteten Erkenntnissen kommt, wenn man plötzlich Lösungen sieht oder wenn man plötzlich etwas auf den Punkt bringen kann. Es war eine Freude, die etwas mit Verstehen zu tun hat. Dieses Lachen hat die im Grunde harte Arbeit der damaligen Zeit zu einem reinen Vergnügen gemacht. Es war kein teuflisches Lachen, auch wenn sein Dröhnen durch die Mauerwände drang, es war ein Lachen aus dem Spaß am Reflektieren, des Schlussfolgerns, des eigenen Denkens geboren. Es hatte auch etwas protestantisches an sich. Denn Protestanten lachen viel. Und wir waren Protestanten. Aber hier ging es um Politik. Und unsere Werte flossen in die Politik mit ein. Und doch war das keine protestantische Revolution die wir hier betrieben, sondern eine demokratische. Wir haben nicht aus Genugtuung heraus gelacht. Als sich die Mauer zum Beispiel öffnete, in den frühen Nachtstunden des 9. November, da saßen Gutzeit und ich gerade in einer Kneipe mit dem späteren Innensenator von Berlin Erhard Körting zusammen, und stießen darauf an, da haben wir nicht gelacht, sondern „nur“ gefreut. Gelacht haben wir, wenn die List der Vernunft mal wieder jemanden ein Schnippchen schlug. Als wir Modrow mit einem kleinen Interview austricksen konnten, der gerade vorhatte, sich per Plebiszit zusätzlich Autorität zu verschaffen, da haben wir gelacht. Als wir Stolpe als Spitzenkandidaten für die Volkskammerwahl ausgeschaltet hatten, da haben wir auch gelacht. Das Lachen hatte auch etwas Entspannendes. Als aber die West-SPD uns zum Partner machte, da hat Gutzeit nicht gelacht, sondern nur gesagt: „Die hatten keine Wahl“. Dieses keine Wahl haben, war eine Folge des Gutzeit‘schen Reflektionsvermögens. Er hatte die Schritte immer schon voraus gedacht. Als ihn mal jemand in meinem Beisein frug, wie viele Schritte man vorausdenken muss, da antwortete er nach kurzem Zögern: „Immer einen mehr“. Und dann lachte er wieder sein dröhnendes Lachen. Denn mit diesem, Immer einen mehr, hatte er mindestens zwei Vorstöße gleichzeitig gekontert. Als ob man das Vorausdenken zählen könnte, was für ein Unsinn! Und zum anderen lautete die Botschaft: Du erwischst mich nicht. Es war ein Bonmot. Gutzeit arbeitet viel mit Bonmots. Davon können auch andere viel erzählen.

 

Gerne erzählte er die Geschichte, wie ein vermeintlicher Spitzel zu DDR Zeiten ihn mal frug, was man denn machen können, um die DDR weiter schwächen zu können, und er ihm einfach geantwortet hatte: „Gar nichts. Die (damit war die SED gemeint) müssen einfach weitermachen, nur weitermachen.“ Denn sie schaufeln sich ihr eigenes Grab. Einigermaßen bedreppelt blieb der Spitzel stehen. Gutzeit machten solche Sprüche Freude, intellektuelle Freude. Man spürte förmlich die Macht, die er in solchen Momenten sichtbar in der Hand hatte. Er brauchte keinen Machtanspruch. Er hatte Macht, Macht durch Wissen, durch Vorausdenken, durch Selbstbewusstsein und durch Handlungsfähigkeit. Davon konnten andere nur träumen.  

 

*

 

Doch Gutzeit konnte auch sehr ernst sein, und wenn es sein muss hart, und jegliche Geschäftsordnung beiseiteschieben, wenn es ihm Ernst war. Er hat die demokratischen Regeln nicht angebetet. Als die Ost-SPD in den Tagen nach der Delegiertenkonferenz ein Listenbündnis mit den übrigen Oppositionsparteien eingehen wollte, und das ohne sein Beisein bereits beschlossen hatte, wurde er wütend. Er kam erst spät dazu. Es muss schon 10 oder 11 Uhr abends gewesen sein. Und er wurde so wütend, dass er die ganze Tagesordnung umwarf, und die Vorstandsmitglieder frug, ob sie alles erreichte über den Haufen werfen wollten, ob sie die Einheit der Ost-SPD aufs Spiel setzen wollten, ob sie wirklich bereit waren, den anderen, unbedeutend gewordenen Oppositionsgruppen auf unsere Kosten zu Macht und Einfluss zu verhelfen, und ob sie die ganze Zusammenarbeit mit der West-SPD aufs Spiel setzen wollten, ja zum Schluß ob sie für die SED-PDS Wahlkampfhilfe leisten wollten. So dämmerte den Vorstandsmitgliedern, auf welch ein Spiel sie sich hier eingelassen hatten. Und so warfen sie ihre eigenen Beschlüsse wieder um. Ich selbst hatte dabei keine rühmliche Rolle gespielt, und für einen Moment den Kompass verloren. Das hatte gereicht. Ich habe mich geschämt für mich damals. Aber passiert war passiert. Und die Aktion von Gutzeit war Rettung in letzter Minute gewesen.

 

*

 

 

Nach Niederndodeleben, wo wir Meckel treffen wollten um eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschuss durchzuführen, es war in den Tagen unmittelbar nach dem Mauerfall, fuhren Gutzeit und ich in meinem Trabbi auf dem Berliner Ring gen Westen, und an einem unendlichen Stau von DDR-Autos auf der Gegenfahrbahn vorbei. Alles Leute, die jetzt nach Westberlin strebten. Gutzeit sinnierte über das, was denen jetzt bevorstand, nicht im negativen Sinne. Und er erzählte mir, dass er seinen Bauern schon lange vorher eingeschärft hatte, dass sie ihre Grundstücke behalten sollten, wenn die Wessis kommen würden. Er sah den Finanztransfer aus Westdeutschland voraus, den Vermögenszuwachs in Ostdeutschland, der ja heute sichtbar in vielen Regionen eingetreten ist, nicht nur in den Städten. Und dann sagte er an diese Leute denkend: „Dankbarkeit ist keine politische Kategorie!“. Wir lachten hier nicht so viel wie sonst. Ich lächelte eher. In diesem Satz lag sicherlich viel Menschenkenntnis, aber auch Bitternis. Er sollte einem helfen, das Unabweisbare hinzunehmen. Aber das ist nicht immer so einfach, wie es klingt. Niemanden war die Endlichkeit unseres politischen Handelns so klar, wie Gutzeit. Meckel nicht, und mir schon gar nicht. Ich dachte damals, dass Gutzeit zu pessimistisch ist. Und da ja Einstellungsfragen auch Erfahrungsfragen sind, gedachte ich für mich, diese Endlichkeit auszutesten. Gutzeit ließ mich gewähren. Er hatte seinen Satz gesagt. Es lag an mir, meine eigenen Erfahrungen zu machen. Doch als auf dem letzten Parteitag der Ost-SPD im September 1990 die ganze Riege der Ost-SPD-Gründer, und zwar der unmittelbaren eigentlichen Macher, Gutzeit, Meckel, auch Schröder oder auch ich, abgewählt wurden, und statt dessen dieser Stasi-Spitzel Böhme, oder die populistische Regine Hildebrandt, auch Angelika Barbe mit großen Mehrheiten in den künftigen Vorstand der nunmehrigen gesamtdeutschen SPD gewählt wurden, da war Gutzeit traurig. „Dankbarkeit ist keine politische Kategorie!“ Man kann das wissen, aber es auszuhalten, ist eine ganz andere Frage. 

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Di

24

Jan

2017

Mein Freund Gutzeit

Dieser und die in den nächsten Tagen folgenden Texte sind eine Vorschrift auf einen Text, der anläßlich Gutzeits 65. Geburtstag erscheinen soll. 

Das erste Mal, wo ich Gutzeit sah, war der Gründungsparteitag der SDP. 

Ich fühlte mich nicht fremd dort, in diesem Pfarrhaus von Schwante. Das war mein Milieu. DDR-alternatives Aussehen, Kutten, lange Haare, Bärte. Gleichwohl freundliche, sympathische und offene Gesichter.  Ich kannte nur sehr Wenige in dieser, den Gemeindesaal ausfüllenden Schar. Dieser Gemeindesaal war mit uns etwas über 40 zählenden Gruppe auch wirklich voll. 

 

Und plötzlich, die Versammlung hatte schon begonnen, kam jemand herein, der mir sofort auffiel. Er guckte grimmig, im Gegensatz zu den vielen anderen. Und er musterte die Gruppe. Er benahm sich völlig anders, als all die anderen, die hier saßen. Er wirkte wie jemand, der etwas kontrollierte, der etwas vorhatte mit den hier Anwesenden. Aber offenbar war er zufrieden. Denn er nickte kurz. Dann setzte er sich und schwieg. 

Der Mann war interessant. Sein Gesicht hat etwas von einem dieser griechischen Philosophen an sich. Tiefe Furchen, herabgezogene Mundwinkel. Ich habe mich immer gefragt, warum Philosophen so aussehen müssen. Aber sie taten es. Merkwürdig diese Ähnlichkeit. 

 

Ich kann mich lange nicht mehr an alle Details dieser Gründungsversammlung erinnern. Und die Erinnerung schlägt einem ja ein Schnippchen. Sie verändert sich mit jedem Male, die man sie bemüht. Doch die Erinnerung an das erste Mal, wo ich Gutzeit sah, verändert sich nicht. Hat sich nicht verändert, wird sich nicht verändern. 

 

Es war der Moment, wo für mich diese Freundschaft entstand, von der ich mir vorgenommen habe, hier zu erzählen. 

 

Es würde den mir zur Verfügung stehenden Raum, alles zu berichten, sprengen. Deshalb kann ich eigentlich nur kleinere Stückchen dieser Erinnerung an einander fügen, in der Hoffnung, damit ein Bild anzudeuten, das der Leser bitte gefälligst mit seiner eigenen Phantasie ausfüllen möge. Doch seine Phantasie wird ja nicht viel anders sein, als meine eigene es ist. Sie arbeitet von alleine. Und da wo wir zu wissen meinen, arbeitet unsere Vorstellung von ganz alleine, nicht selten gänzlich unbemerkt von unserem Bewusstsein. Bilder reihen sich an Bilder. Sie vervollständigen sich von alleine. Aber sie speisen sich aus der eigenen Erlebniswelt. Man kann das nicht verhindern. Und man soll es auch gar nicht tun. Man kann nur erzählen. Und genau das will ich hier tun. 

 

Im Laufe dieses Tages, des 7.Oktober 89 gab es für mich einige völlig unerwartete Wendungen, die mir meine ganze Entscheidungsfähigkeit abverlangten, aber zum Schluß doch leicht überfordert hatten. Denn ich war zum ersten Sprecher gewählt worden, das heißt der erste Vorsitzende dieser neuen Partei geworden, an deren Zustandekommen ich nur marginal beteiligt war, und die ich zwar von ganzem Herzen bejahte, aber bisher keine Gelegenheit hatte, mich intellektuell darauf vorzubereiten. 

Gutzeit hatte in Schwante sichtbar für mich nicht viel geredet, vielleicht mehr agiert. Denn er setzte durch, dass vom Statut nur der erste Teil beschlossen wurde, dass es einen Aufnahmeantrag in die sozialistische Internationale gab, und dass die Versammlung vor Schluß der Tagesordnung abgebrochen werden musste, eben um dieses Statuts wegen. Ich verstand nicht richtig, warum ihm das so wichtig war. Zwar hielt ich dieses Basisgehabe in dessen zweiten Teil auch für naiv, doch bekämpft hätte ich es nicht. Genauso wenig, wie ich die Bemerkungen zur Deutschen Einheit für sehr zukunftsweisen hielt, die im Vortrag von Meckel zu hören waren. Sie trafen m.E. den Kern dessen, was uns bevorstand nicht. Aber hier wurde ich mit einem anderen Denken konfrontiert, als es mir bisher eigen war. Einer zusätzlichen Dimension, die des rationalem, politischen Handelns. In keiner der Gruppen, mit denen ich bisher zu tun hatte, war eine dermaßene Entschlossenheit zu spüren, wie in diesem von Gutzeit und Meckel betriebenem sozialdemokratischen Projekt. 

 

*

 

Auf einer der folgenden Vorstandssitzungen wurde der Geschäftsführende Ausschuss bestimmt. Ich setzte durch, dass Gutzeit da hineingewählt wurde. In den wenigen, von Gutzeit ausgehenden  Gesprächen, die wir seit der Gründung der SDP gehabt hatten, war die Perspektive zu spüren, die Gutzeit in Bezug auf die SDP eigen war. An der Stelle wo ich ein Gefühl hatte, hatte er klare Vorstellungen, Gedanken und Worte. Aber er kam nie autoritär oder gar besserwisserisch daher. Das wäre mir empfindlich aufgefallen. Und das tat es nicht. Er hatte etwas sehr überzeugendes an sich. Er argumentierte grundsätzlich, immer. Da wo andere mit dem Kopf durch die Wand wollten, redete er. Erst später stellte ich fest, dass auch Gutzeit einen in Grund und Boden reden konnte, wenn es ihm wichtig war. Damals kann ich mich an derartige Erfahrungen nicht erinnern. 

 

Die Gespräche mit Gutzeit erwiesen sich für mich von Anfang an als ausgesprochen hilfreich, ja als lehrreich. Er wurde mir zum entscheidenden Kompass in diesen von Ereignissen überfüllten Tagen, an denen manchmal so viel passierte, wie sonst in Wochen, ja Monaten nicht. Und ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Das war der Beginn einer Partnerschaft, die über Jahre halten sollte, und deren Ende auch heute noch nicht gekommen ist. 

 

Was ich für Gutzeit wurde, das weiß ich nicht richtig. Manchmal spüre ich es, manches kann ich mir erschließen. Doch was Gutzeit für mich wurde, das kann ich beschreiben. Er war jemand, der über Tage, ja Wochen hinaussah. Jemand, der mehr zu wissen schien, als all die anderen Menschen, die politisch daherkamen. Jemand, der über eine Erwartungshaltung und eine Perspektive verfügte, die nicht einer Zauberei entstammte, sondern seiner spezifischen Fähigkeit Sachverhalte durchzureflektieren, und zwar bis er ihnen auf den Grund gegangen war. Diese Fähigkeit könnte jeder haben, wenn er denn wollte. Gutzeit wollte offenbar. Er hatte tatsächlich etwas von einem Philosophen an sich, der sich der Möglichkeiten seines Verstandes bedienen konnte, besser als viele anderen, und der deshalb erklären konnte, und auch vorhersagen konnte, wo andere aufgegeben hatten, und lieber in Erwartungsgefühle oder Träume ausweichen, die lieber vom Glauben als vom Wissen sprechen, ohne zu wissen auf welche Vorstellungen sie sich da einlassen. Bei Gutzeit war immer alles genau. Nie habe ich ihn so etwas sagen hören, wie „das glaube ich nicht“. Bei ihm war und ist immer alles konkret. Und gerade deshalb nachvollziehbar, überprüfbar. Und in dem er sich selbst ernst nahm, konnte er auch jeden anderen ernst nehmen. Wer sich auf ein Gespräch mit ihm einlassen kann, spürt diese Ernsthaftigkeit bis heute. Aber es ist eine unbestechliche Ernsthaftigkeit. Eine Ernsthaftigkeit, die einem bewusst machen kann, wo man sich selbst nur auf die Gefühle oder gar Illusionen verlässt. Und deshalb empfanden ihn damals schon nicht wenige Menschen als verletzend. Denn es ist eine Kränkung, wenn einem in der Begegnung plötzlich die eigenen Grenzen, Dummheiten und Illusionen, denen man sich hingibt, klar werden.

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Mo

23

Jan

2017

Wahlkampf im Wahlkreis

Das folgende ist eine Stichpunktsammlung. Sie enthält Anregungen. Sie speist sich aus Erfahrungen eines Wahlkampfes in einer politisch strukturschwachen Region. 

Zeitleiste erstellen

Plakatierung

Werbemittel

Organisieren von Veranstaltungen

Bürokratie

An Abbau denken

 

Finanzplanung machen

wieviel Finanzen habe ich

Wie setze ich sie ein

wie organisieren ich mir zusätzliche Finanzen

 

Werbemittel planen

 

Politisches Präventions- und Vorstoßzentrum einrichten

Plakatierung planen

Wieviele

Wer

Wo

 

Infostände

Wer

wo

welche mache ich mit

 

Veranstaltungsplanung

Zu welchen Veranstaltungen werde ich eingeladen?

Welche Veranstaltungen führe ich selber durch?

Mit welchen Veranstaltung erreiche ich viele Leute?

 

Online-Wahlkampf

Soziale Medien

Neue Medien

Twitter

homepage

Mailing

 

Brennpunkte festlegen

wo macht Engagement Sinn

wo ist es unerheblich

wo wird es erwartet

 

Was bewegt die Leute

Themensammlung

                Themen analysieren

                Argumentierungen überlegen

Argumentierung auswendig lernen

 

Ein-Satz-Argumentierung entwickeln auf folgende Fragen:

Warum sollte ein Rentner SPD wählen

Warum sollte ein Arbeitsloser SPD wählen

Warum sollte ein Jugendlicher SPD wählen

Warum sollte ein Arbeitnehmer SPD wählen

Warum sollten Eltern SPD wählen

Warum sollte Frauen SPD wählen

 

5-Schritte Rhetorik entwickeln auf die gleiche Fragen

 

Vorbehalte, Ressentiments gegen die SPD sammeln

 

Die SPD ist nicht mehr die Partei der einfachen Leute

Hartz IV hat die Arbeitnehmer verraten

Die SPD sieht man nur, wenn Wahlkampf ist

Die SPD hat nicht das Geld

Die SPD hat meine Rente gekürzt

etc. ……..

 

Antworten auf diese Vorbehalte entwickeln

 

Konkurrierende Parteien

Was macht die Attraktivität der konkurrierenden Parteien aus?

Warum wählen die Leute die anderen Parteien, warum wählen sie nicht SPD

Gegenargumentation

 

Das Gespräch mit den Leuten suchen

Wie sorge ich dafür, dass jeder von mir erfährt

Was bewegt die Leute

Wer sind die Entscheider und Multiplikatoren

 

Um welche Schwerpunkte werde ich mich im Wahlkreis kümmern

 

Was gefällt mir an der SPD-Bundespolitik?

Was gefällt mir an der SPD nicht?

Was sind die Defizite der SPD?

Welche Alleinstellungsmerkmale hat sie?

 

Argumentationen testen

 

Welchen Leuten Gruppen stehe ich am nächsten?

Welche sozialen Gruppen sind mir fremd?

Welche Regionen kenne ich ?

Welche Regionen kenne ich nicht?

Wie komme ich an die Entscheider und Multiplikatoren in den mir fremden und unbekannten Regionen? Wer kann mir etwas über sie erzählen?

 

Die 5 wichtigsten Politikfelder im Bund diagnostizieren

alle Politikfelder sammeln

in Bedeutungsrangfolge bringen

die wichtigsten strukturieren

Strategien entwickeln

Argumentationen entwickeln

 

Antworten auf folgende Fragen entwickeln:

Wie kann ich den Bürgerkontakt zu nicht parteigebundenen Bürgern pflegen?

Wie behalte ich meine Bodenhaftung?

Wie gehe ich mit Kritik um?

Wie gehe ich mit Ressentiments, Vorbehalten und Beschimpfungen um?

 

Will ich Karriere machen, welche Karriere will ich  machen ?

Wie kann ich in meiner Region Impulse setzen, welche Impulse will ich setzen?

Wer sind meine politischen, sozialen, wirtschaftlichen, ehrenamtlichen Partner unter den Multiplikatoren und Entscheidern?

          

              Wie kann ich meine Partner vermehren?

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Mo

16

Jan

2017

Fellini: La Strada

Das ist ein herzensguter und zu Herzen gehender Film.
Ich habe ihn, ein Weihnachtsgeschenk mir gestern angesehen. 

Er spielt in der Gauklerszene des Italiens der 50er Jahre.


Hauptakteur ist zum einen ein Zirkuskünstler, ein Kraftathlet, „Zampano“ fantastisch von Anthony Quinn gespielt. Heute ist der Begriff Zampano ein technicus terminus. Fellini hat ihn für diese Figur erfunden. An seiner Seite spielt ebenbürtig eine junge Frau, die allerdings etwas verquer daherkommt, Gelsomina, gespielt von  Giulietta Masina. 

Sie ist die Ehefrau von Fellini. Mit der Rolle, die sie hier spielt ist sie die Seele des Films und der Geschichte.

 

Gelsomina ist die zweite Tochter einer vaterlosen, armen Familie, die irgendwo in den Gestaden Italiens lebt. Ihre Schwester, Rosa ist einst mit diesem Gaukler Zampano davongezogen. Aber jetzt ist sie nicht mehr. Was mit ihr passiert ist, wird nicht erzählt. Zampano braucht eine neue Assistentin und kommt zur Familie seiner bisherigen. Für 10000 Lire, ein Spottpreis, kauft er der Mutter die zweite Tochter ab. Gelsomina geht mit. Sie freut sich einerseits, sie ist furchtbar traurig andererseits. Auch die Mutter, die dringend das Geld braucht, so arm wie sie ist, redet ihrer Tochter zu, ja sie erlaubt ihr im Grunde gar nicht, das Anliegen Zampanos abzulehnen. Doch sie heult, als Zampano sie mitnimmt. Sie wird sie nie wiedersehen.

 

Von Anfang an kann Gelsomina Fratzen und Gesichtsausdrücke zeigen, die ihren seelischen Zustand nach außen bringen. Sie spricht im Grunde mit ihrem Gesicht, auch mit ihrer Haltung, mit ihrem Gang, ihrem Stehen. Sie spricht mit jeder Faser ihres Körpers. Aber reden kann sie kaum.

 

Sie wirkt naiv, und etwas beschränkt. Aber sie fühlt intensiver und echter als wir normalen Menschen.

 

Zampano ist motorisiert. Er steuert ein Gefährt, das eine Mischung aus Motorrad und Kleinlaster ist. Da ist alles drauf, was er für seine Kunst braucht. Er führt ein Kunststück auf. Im ganzen Film, nur dieses eine Kunststück. Davon lebt er, das bringt ihn durch. Er zerreißt mit der Kraft seiner Brust und seiner Lunge eine Eisenkette; legt sie sich um die Brust, spannt sie an, und dann biegt sich der Eisenhaken auf. Daraufhin bekommt er Geld, groschenweise in einem Hut aufgesammelt. Er spielt auf der Straße, auf Plätzen, anlässlich von Markttagen, kleineren und größeren Festen, Hochzeiten. Manchmal sogar tritt er in einem Zirkus auf.

 

Zampano ist kräftig, und gelegentlich gewalttätig.

 

Seine neue Assistentin, die er Dritten gegenüber „seine Frau“ nennt, bringt er mit Schlägen bei, wie sie zu trommeln hat, wie sie zu reden hat, wie sie den Background seines kleinen Kunststückchens geben soll.  Und Gelsomina macht das großartig. Sie bekommt eine Maske wie ein Clown, bewegt und gibt sich wie ein Clown. Das ist die Rolle ihres Lebens. Denn ihre Naivität bekommt so ihren Sinn. Sie muss das gar nicht lernen. Sie ist es. Hatte man vorher Mitleid, und Mitgefühl mit einem leicht behinderten, ja im Grunde schwachsinnigen Mädchen, ist man jetzt beeindruckt. In der Tat, Clowns übertreiben, sie spiegeln uns selbst, in dem sie die Gefühle auf die Spitze treiben. Die meisten Clowns müssen das viele Jahre lernen. Bei Gelsomina hat man das Gefühl, dass sie sich nur selber spielt. Sie ist so, wie ein Clown spielt. Das macht ihre im besten Sinne des Wortes zu Herzen gehende Rolle aus. Besser, als Giulietta Masina das tut, kann man es gar nicht spielen.


Ein weiterer Hauptdarsteller der Geschichte kommt ins Spiel: ein Hochseilartist. Er, Matto, gespielt von Richard Basehart ist jung, quicklebendig, sehr helle, frech, furchtlos und mit allen Sinnen des Lebens ausgestattet. Und er ist fasziniert von dieser jungen Gelsomina. Zampano erträgt ihn nicht. Er fühlt sich provoziert als Matto sich über ihn lustig macht. Er kann den Sticheleien Mattos nichts entgegensetzen, wird aggressiv, und geht sogar mit einem Messer auf ihn los. Die Polizei kommt und wirft erstmal beide ins Gefängnis, doch Matto wird einen Tag früher entlassen. Es kommt zu einer Begegnung von Matto und Gelsomina, die den Wendepunkt des Films darstellt.

Matto bietet Gelsomina an, Zampano zu verlassen, und mit ihr mitzukommen. Doch Gelsomina, die Zampano durchaus verlassen wollte, einmal sogar damit gescheitert ist, lehnt ab. Matto entdeckt, dass die beiden, Gelsomina und Zampano eine geheime, seelische Verbindung haben. Er fühlt, dass hinter dem groben und aggressiven Gehabe von Zampano eine echte Zuneigung zu dieser naiven, etwas behinderten Frau besteht. Und er macht Gelsomina offenbar bewusst, dass auch sie sich zu Zampano gehörig fühlt. Etwas Neues tritt in den Film ein. Gelsomina beschließt bei Zampano zu bleiben.

 

Doch der ist sich seiner selbst nicht bewusst.

 

 

Die Liebeserklärung, die Gelsomina ihm jetzt macht, nachts in einer Scheune eines Frauenklosters, im Dunkeln, nach einem harten Tag, registriert er gar nicht richtig. 

Und als sie im weiteren Verlauf der Geschichte zufällig auf Matto treffen, schlägt Zampano ihn tot. Er will das wohl nicht, aber es passiert eben, so grob und aggressiv Zampano eben ist. Er schlägt ihn zweimal. Er rechnet ab. Es ist das erste Wiedersehen nach dem Gefängnis, dem immerhin ein Mordversuch vorausgegangen ist. Er will ihn nicht ermorden, er will sich nur rächen für die Demütigung, und wohl auch für Mattos Versuch, ihm die Gelsomina auszuspannen. Doch für Matto, man weiß nicht richtig warum, markieren diese Schläge das Ende seines Lebens, das er irgendwie für sich auch früh erwartet hatte. Vielleicht nicht als Opfer Zampanos. Doch ein langes Leben hatte sich Matto sowieso nicht erwartet. Vielleicht fällt er unglücklich, vielleicht ist die harte Metallkante des Autos, die seinen Hinterkopf verwundet, vielleicht sind es innere Verletzungen. Auf jeden Fall stirbt er.

 

Zampano kriegt die Panik.

 

Er versucht seine Spuren zu verwischen, und haut ab. Doch Gelsomina hat dieser Mord aus der Bahn geworfen. Sie kann den Mord nicht vergessen. Sie erlebt ihn immer wieder. Sie warnt Zampano immer wieder. Völlig unvermittelt mitten in jeder beliebigen Handlung erinnert sie sich wieder und erlebt den Kampf und Tod Mattos neu. Und so ist sie für Zampano nicht mehr nützlich, sie ist jetzt hinderlich, lästig.

Er kann handeln, was Gelsomina nicht kann. Er ist noch Herr seiner selbst, er kann nachdenken, und er findet für sich eine Lösung, die Gelsomina niemals finden könnte, schwachsinnig wie sie ist.

 

Zampano lässt sie zurück, in der Kälte irgendeiner italienischen Landschaft, bei einem verglimmenden Lagerfeuer. Er legt ihr noch zwei Decken über, dann schiebt er sich mit seinem Gefährt aus ihrem Leben. Gelsomina schläft. Man sieht sie im Film nicht wieder.

Jahre später wird Zampano durch eine Melodie an sie erinnert. Die wäscheaufhängende Frau, die sie singt, erzählt ihm von einer jungen Frau, die ihr vor fünf Jahren zugelaufen sei. Sie sei krank gewesen, hätte nicht geredet. Aber sie hätte eine Trompete gehabt, auf der sie immer gespielt hätte, immer die gleiche Melodie. Die hatte sich ihr eingebrannt. Zampano kennt diese Melodie nur zu gut. Sie war das Markenzeichen der Gelsomina. Und die Frau erzählt weiter, dass diese junge Frau eines Tages einfach nicht mehr aufgewacht sei.

 

Da wendet sich Zampano ab, er sagt nichts mehr. Er lässt die Frau stehen. Jetzt leidet er. Vielleicht hat er jetzt erst begriffen, dass er sie wohl geliebt hat.

 

Und der Film endet dann mit einem gebrochenen Zampano, mit einem heulenden Zampano.

 

Es ist eine große Geschichte. Die heutige Gauklerromantik, die so viele Menschen verführt, hat wohl viel mit der in dem Film zum Ausdruck kommenden Freiheit der Gaukler, aber weniger mit ihrer Brutalität zu tun.

 

Fellini verklärt hier nichts. Er inszeniert eine Geschichte, die tief in unserem Leben spielt. Der Film ist nicht sozialkritisch. Er hat das gar nicht nötig. Wenn man diese Neubaugebiete auf dem freien Feld mitten in Italien sieht, spürt man die sozialen Umbrüche, spürt das aus der Zeit gefallene dieses Gauklermilieus, das wohl in dieser Weise nicht mehr lange existieren kann. Doch das spielt alles keine Rolle. Niemand macht sich da Gedanken drüber.

 

Die Gaukler, die kleinen Zirkusse verdienen ihr Geld mit Akteuren wie Zampano oder Matto, die in ihrem Schlepptau eine Gelsomina mitführen. Sie ist eine schwachsinnige junge Frau, die die ganze Tiefe des menschlichen Lebens zur Sprache bringt. Sie macht das nicht als Rolle, sie kann nicht reflektieren. Sie ist einfach so.


Und wahrscheinlich ist das der Kunstgriff Fellinis, der im Kontrast zwischen dieser Gelsomina und ihrer Gauklerwelt und unserer so alltäglichen normalen Welt, zeigt, was wir auch sind. Fühlende, leidende und liebende Wesen, die versuchen irgendwie zu leben und über die Zeit zu kommen.

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