Do

31

Mär

2016

Stolpe Gespräch

Stolpe hatte mich zu einem Gespräch eingeladen; anläßlich meines 60.Geburtstages hatte er deshalb Kontakt zu mir aufgenommen. 

Ohne darin einen großen Sinn zu sehen, sondern um der Höflichkeit und des Anstandes willen, habe ich dem zugestimmt. Gestern fand es im Wiener Cafe an der Weidendamer Brücke statt. 

Stolpe gab vor, Befürchtungen zu haben, er hätte mich seinerzeit mit seiner Berufung zum Bundesverkehrsminister gekränkt. Er habe mich ja selbst versucht vorzuschlagen. Schröder sei es gewesen, der davon nichts habe wissen wollen. 

Letzteres kann ich mir sogar vorstellen. Doch darum geht es gar nicht. 

Ich habe Stolpes Interesse an dieser Berufung immer für legitim gehalten. Tatsächlich glaube ich, dass er seinerzeit nicht von der Politik hat lassen können. Und dass es ihn aus verschiedenen Gründen in das Bundeskabinett gedrängt hat. Er kaschiert das mit Pflichterfüllung. Das nehme ich ihm nicht ab, und habe ihm das auch gestern auch deutlich gemacht. Er zeigte sein skeptisches Gesicht. 

Wir hätten da gestern nicht drüber reden müssen. Dieser Punkt ist gar nicht wichtig. Wichtig wäre ein Gespräch über seine Vergangenheit, seine Stasi-Kontakte, seine Rolle in der DDR gewesen. Denn das ist unsere eigentliche Kontroverse. Doch dies umging er. 

Ich machte ihn auf eine seiner Geschichtslügen aufmerksam. Sie betrifft die Gründung der SDP und meinen Vater. Er hat vor zwei Jahren in einer SPD-Broschüre angedeutet, vorab von meinem Vater von dem beabsichtigten Aufruf zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei in der DDR informiert gewesen zu sein. Dies kann nicht stimmen, weil mein Vater davon höchstselbst überrascht war, ja sich überfahren fühlte. Er war ja seinerzeit Hausherr und Organisator jener Veranstaltung, auf der Meckel diesen Aufruf verlesen hat. Denn dieser wurde in seiner Golgatha-Kirche, auf dem Menschenrechtsseminar des Studienkreises meines Vaters "Philosophie und Theologie" verlesen. 

Stolpe meinte daraufhin, er müsse jetzt sehr weit zurückgehen, eigentlich könne er sich gar nicht richtig daran erinnern. Doch dann erinnerte er sich tatsächlich an eine Begegnung mit meinem Vater anläßlich dieses Aufrufes. Doch sie fand einige Tage nach diesem Seminar statt. 

Das ist keine Petitesse. Denn m.E. versucht Stolpe  mit seiner Legende, er habe von diesem Aufruf gewußt, die Schutzfunktion, die er gegenüber der Opposition in der DDR ausgeübt habe, auch auf die Gründung der SDP auszudehnen. 

Ja, meinte er, wenn mein Vater von dem beabsichtigten Aufruf nichts gewußt habe, dann könne er ja nicht von ihm informiert geworden sein. Stimmt, meinte ich, und nannte ihm dann die vier Namen, die unter dem Aufruf standen, den mein Vater ihm einige Tage nach dessen Verlesung übergeben hatte, da stand nämlich neben Gutzeit, Meckel und Noack auch Ibrahim Böhme drunter. Und da wurde Stolpe hellhörig. Klar, denn Böhme war der heute allseits bekannte Stasi-Spitzel in unseren Reihen. Und wenn Stolpe von irgendjemanden vorab von diesem Aufruf gewußt haben kann, dann war es die Staatssicherheit. 

Aber wer weiß. Stolpe verliess dieses Thema. Ich nehme an, er sucht jetzt dieses Artikel raus, den er vor zwei Jahren in der Perspektive 21 der Brandenburger SPD geschrieben hat. 

Stolpe wollte von mir wissen, ob ich Kontakte in meinen ehemaligen Wahlkreis, zur SPD habe. Er frug mich, was man gegen Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit machen kann.Ich sagte ihm, dass das nicht mein Thema sei. Klar, man muß den Leuten dazu die Meinung sagen, darf sich nicht verstecken. Aber mein Thema sei die unterlassene Modernisierung Ostdeutschlands, die die strukturschwachen Regionen und den andauernden Exodus der jungen Generation begünstige, und damit auch den sozialen Nährboden von PEGIDA und AfD. Das fand er interessant und gab mir Recht. Er stellt meine analytischen Fähigkeiten heraus. Ich frug ihn, warum er mir Honig ums Maul schmiere. Das täte er gar nicht. Er kam wieder auf Ostdeutschland, wieder auf die Fremdenfeindlichkeit zu sprechen, und was man dagegen machen kann.

Dagegen kann man was machen, meinte ich, das sei ganz einfach: Demokratie vorleben. Interessen vertreten, Partei sein, die Institutionen des Parlamentes als Kontrollorgan der Regierung wahrnehmen, die Defizite der Politik aufzeigen, die offenen Fragen aufnehmen, die auf der Straße lägen, Probleme benennen, Lösungen überlegen, und das ganze kommunizieren. 

Ich kam in Fahrt, und schlug einen Bogen von der Stimmung in Ostdeutschland, seiner anhaltenden Strukturschwäche, der hier herrschenden Perspektivlosigkeit, dem Mangel an Leben, an Zukunft, hin zu einer neuen Vision von Ostdeutschland als einer Region, die die Leute aus ganz Europa anziehe, weil es sich hier so gut leben läßt, woran man natürlich arbeiten muss, und die eine große und schwierige, aber interessante und lohnenswerte Aufgabe für die ostdeutsche Politik sei, um die sich aber niemand in Ostdeutschland kümmere. Statt dessen würde die ostdeutsche Politik noch zu diesem spezifisch ostdeutschen Einigeln beitragen. Sie würde die Leute nicht aus ihrer Nische holen, sondern sich noch drin einrichten. Sie würde den Leuten nicht die Wahrheit sagen, sondern sie belügen. Und dann meinte ich, dass er, Stolpe das auch getan habe, und dachte an Braunkohle, Autobahn, Arbeitslosigkeit. Er habe das aber geglaubt, was er gesagt habe, meinte Stolpe dazu. Ich lachte kurz auf, denn was macht das schon? 

Trotz dieser kurzen Kontroverse, fand Stolpe diese letzten 10 Minuten unseres Gespräches sehr kurzweilig, und wohl interessant. Er fand, das habe sich für ihn gelohnt. Und ich hätte wohl recht. (Da meinte er wohl weniger meinen Vorwurf der Lüge, sondern meinen kurzen Entwurf über Ostdeutschland.). Er frug mich, wie man den Leuten, den vielen Akteuren in Ostdeutschland das vermitteln könne. Ich antwortete ihm, dass das gar nicht nötig sei. Das Problem sei ja nicht, dass diese Sachen nicht bekannt seien, sondern dass die Politiker in Ostdeutschland und zwar auf allen Ebenen, nichts davon wissen wollten. Denn sie bräuchten nicht mehr zu tun, als die Augen und Ohren aufzusperren und in den Diskurs einzutreten, der ganz öffentlich über die vielen Probleme, die wir auch in Ostdeutschland haben, über Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit, AfD und PEGIDA, schwächelnde Parteien, schwächelnde Demokratie und schwache Regionen geführt wird, einzutreten. Da wird alles benannt. Es gibt Lösungen dafür. Die Leute wollen sich nicht damit beschäftigen. 

Stolpe guckte mich an, und meinte, darüber müsse er nachdenken. Im Kern hätte ich wohl recht. Dann bedankte er sich für das Gespräch und bot mir an, dass ich ihn jederzeit anrufen könne, wenn ich mal Hilfe bräuchte. Die übliche Floskel. 

Nach diesem Gespräch fühlte ich mich abgeschöpft. Es ist mir nicht ganz klar, warum es Stolpe zu diesem Gespräch gedrängt hat. Auf meine Vorwürfe ging er kaum ein. Eine Diskussion kam nicht in Gang. Im Zusammenhang mit Ostdeutschland kam ich auch darauf zu sprechen, dass diese spezifisch ostdeutsche Diskurs-Verweigerung etwas mit unserer Vergangenheit zu tun hat, mit der DDR. Wir haben hier auch nicht über Deine Vergangenheit, Deine Stasikontakte gesprochen, meinte ich zu Stolpe. Auch unser Gespräch sei keine Aussprache dazu gewesen. Vielleicht mal wieder eine verpasste Gelegenheit. Vielleicht habe ich dieses Thema auch selbst umschifft, und mehr in Andeutungen gesprochen, als es intensiv angesprochen? Aber was soll es?

Stolpe hat immer Politik hinter verschlossenen Türen betrieben. Ich will nicht dazu beitragen. Deshalb habe ich hier meine Erinnerungen an unser gestriges Gespräch aufgeschrieben. 

 

 

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Reiprich (Freitag, 01 April 2016 16:19)

    Die Geschichte der Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer sowjetischen Paten wird weiter geschrieben werden - Stephan Hilsberg liefert hier einen sehr wichtigen Beitrag.

  • #2

    Pedro Hertel (Freitag, 01 April 2016 23:59)

    Ich habe die Beschriftung eines meiner Archiv-Ordner "Wende" ausgestrichen und mit dem Vermerk: Keiner hat sich gewendet durch "Friedliche Revolution" bei der wir Statisten sein "durften" ersetzt.
    Stolpe ist einer von denen, die sich mitnichten "gewendet" haben.

  • #3

    ego (Samstag, 02 April 2016)

    Lieber Pedro, wir waren keine Statisten bei der friedlichen Revolution. Wir haben sie betrieben. Und sie hat viele überrascht, und etliches durcheinander gebracht. Doch wir haben sie nicht, und darin gibt es viele Parallelen zu anderen Umstürzen in der Hand behalten können. Restaurative Kräfte haben den Laden übernommen. Ob das zu verhindern gewesen wäre, ist mir sehr fraglich. Auf jeden Fall stehen wir im Abseits. Und für mich ist immer wieder die Frage, wie wir damit umgehen.