Mo

16

Jan

2017

Fellini: La Strada

Das ist ein herzensguter und zu Herzen gehender Film.
Ich habe ihn, ein Weihnachtsgeschenk mir gestern angesehen. 

Er spielt in der Gauklerszene des Italiens der 50er Jahre.


Hauptakteur ist zum einen ein Zirkuskünstler, ein Kraftathlet, „Zampano“ fantastisch von Anthony Quinn gespielt. Heute ist der Begriff Zampano ein technicus terminus. Fellini hat ihn für diese Figur erfunden. An seiner Seite spielt ebenbürtig eine junge Frau, die allerdings etwas verquer daherkommt, Gelsomina, gespielt von  Giulietta Masina. 

Sie ist die Ehefrau von Fellini. Mit der Rolle, die sie hier spielt ist sie die Seele des Films und der Geschichte.

 

Gelsomina ist die zweite Tochter einer vaterlosen, armen Familie, die irgendwo in den Gestaden Italiens lebt. Ihre Schwester, Rosa ist einst mit diesem Gaukler Zampano davongezogen. Aber jetzt ist sie nicht mehr. Was mit ihr passiert ist, wird nicht erzählt. Zampano braucht eine neue Assistentin und kommt zur Familie seiner bisherigen. Für 10000 Lire, ein Spottpreis, kauft er der Mutter die zweite Tochter ab. Gelsomina geht mit. Sie freut sich einerseits, sie ist furchtbar traurig andererseits. Auch die Mutter, die dringend das Geld braucht, so arm wie sie ist, redet ihrer Tochter zu, ja sie erlaubt ihr im Grunde gar nicht, das Anliegen Zampanos abzulehnen. Doch sie heult, als Zampano sie mitnimmt. Sie wird sie nie wiedersehen.

 

Von Anfang an kann Gelsomina Fratzen und Gesichtsausdrücke zeigen, die ihren seelischen Zustand nach außen bringen. Sie spricht im Grunde mit ihrem Gesicht, auch mit ihrer Haltung, mit ihrem Gang, ihrem Stehen. Sie spricht mit jeder Faser ihres Körpers. Aber reden kann sie kaum.

 

Sie wirkt naiv, und etwas beschränkt. Aber sie fühlt intensiver und echter als wir normalen Menschen.

 

Zampano ist motorisiert. Er steuert ein Gefährt, das eine Mischung aus Motorrad und Kleinlaster ist. Da ist alles drauf, was er für seine Kunst braucht. Er führt ein Kunststück auf. Im ganzen Film, nur dieses eine Kunststück. Davon lebt er, das bringt ihn durch. Er zerreißt mit der Kraft seiner Brust und seiner Lunge eine Eisenkette; legt sie sich um die Brust, spannt sie an, und dann biegt sich der Eisenhaken auf. Daraufhin bekommt er Geld, groschenweise in einem Hut aufgesammelt. Er spielt auf der Straße, auf Plätzen, anlässlich von Markttagen, kleineren und größeren Festen, Hochzeiten. Manchmal sogar tritt er in einem Zirkus auf.

 

Zampano ist kräftig, und gelegentlich gewalttätig.

 

Seine neue Assistentin, die er Dritten gegenüber „seine Frau“ nennt, bringt er mit Schlägen bei, wie sie zu trommeln hat, wie sie zu reden hat, wie sie den Background seines kleinen Kunststückchens geben soll.  Und Gelsomina macht das großartig. Sie bekommt eine Maske wie ein Clown, bewegt und gibt sich wie ein Clown. Das ist die Rolle ihres Lebens. Denn ihre Naivität bekommt so ihren Sinn. Sie muss das gar nicht lernen. Sie ist es. Hatte man vorher Mitleid, und Mitgefühl mit einem leicht behinderten, ja im Grunde schwachsinnigen Mädchen, ist man jetzt beeindruckt. In der Tat, Clowns übertreiben, sie spiegeln uns selbst, in dem sie die Gefühle auf die Spitze treiben. Die meisten Clowns müssen das viele Jahre lernen. Bei Gelsomina hat man das Gefühl, dass sie sich nur selber spielt. Sie ist so, wie ein Clown spielt. Das macht ihre im besten Sinne des Wortes zu Herzen gehende Rolle aus. Besser, als Giulietta Masina das tut, kann man es gar nicht spielen.


Ein weiterer Hauptdarsteller der Geschichte kommt ins Spiel: ein Hochseilartist. Er, Matto, gespielt von Richard Basehart ist jung, quicklebendig, sehr helle, frech, furchtlos und mit allen Sinnen des Lebens ausgestattet. Und er ist fasziniert von dieser jungen Gelsomina. Zampano erträgt ihn nicht. Er fühlt sich provoziert als Matto sich über ihn lustig macht. Er kann den Sticheleien Mattos nichts entgegensetzen, wird aggressiv, und geht sogar mit einem Messer auf ihn los. Die Polizei kommt und wirft erstmal beide ins Gefängnis, doch Matto wird einen Tag früher entlassen. Es kommt zu einer Begegnung von Matto und Gelsomina, die den Wendepunkt des Films darstellt.

Matto bietet Gelsomina an, Zampano zu verlassen, und mit ihr mitzukommen. Doch Gelsomina, die Zampano durchaus verlassen wollte, einmal sogar damit gescheitert ist, lehnt ab. Matto entdeckt, dass die beiden, Gelsomina und Zampano eine geheime, seelische Verbindung haben. Er fühlt, dass hinter dem groben und aggressiven Gehabe von Zampano eine echte Zuneigung zu dieser naiven, etwas behinderten Frau besteht. Und er macht Gelsomina offenbar bewusst, dass auch sie sich zu Zampano gehörig fühlt. Etwas Neues tritt in den Film ein. Gelsomina beschließt bei Zampano zu bleiben.

 

Doch der ist sich seiner selbst nicht bewusst.

 

 

Die Liebeserklärung, die Gelsomina ihm jetzt macht, nachts in einer Scheune eines Frauenklosters, im Dunkeln, nach einem harten Tag, registriert er gar nicht richtig. 

Und als sie im weiteren Verlauf der Geschichte zufällig auf Matto treffen, schlägt Zampano ihn tot. Er will das wohl nicht, aber es passiert eben, so grob und aggressiv Zampano eben ist. Er schlägt ihn zweimal. Er rechnet ab. Es ist das erste Wiedersehen nach dem Gefängnis, dem immerhin ein Mordversuch vorausgegangen ist. Er will ihn nicht ermorden, er will sich nur rächen für die Demütigung, und wohl auch für Mattos Versuch, ihm die Gelsomina auszuspannen. Doch für Matto, man weiß nicht richtig warum, markieren diese Schläge das Ende seines Lebens, das er irgendwie für sich auch früh erwartet hatte. Vielleicht nicht als Opfer Zampanos. Doch ein langes Leben hatte sich Matto sowieso nicht erwartet. Vielleicht fällt er unglücklich, vielleicht ist die harte Metallkante des Autos, die seinen Hinterkopf verwundet, vielleicht sind es innere Verletzungen. Auf jeden Fall stirbt er.

 

Zampano kriegt die Panik.

 

Er versucht seine Spuren zu verwischen, und haut ab. Doch Gelsomina hat dieser Mord aus der Bahn geworfen. Sie kann den Mord nicht vergessen. Sie erlebt ihn immer wieder. Sie warnt Zampano immer wieder. Völlig unvermittelt mitten in jeder beliebigen Handlung erinnert sie sich wieder und erlebt den Kampf und Tod Mattos neu. Und so ist sie für Zampano nicht mehr nützlich, sie ist jetzt hinderlich, lästig.

Er kann handeln, was Gelsomina nicht kann. Er ist noch Herr seiner selbst, er kann nachdenken, und er findet für sich eine Lösung, die Gelsomina niemals finden könnte, schwachsinnig wie sie ist.

 

Zampano lässt sie zurück, in der Kälte irgendeiner italienischen Landschaft, bei einem verglimmenden Lagerfeuer. Er legt ihr noch zwei Decken über, dann schiebt er sich mit seinem Gefährt aus ihrem Leben. Gelsomina schläft. Man sieht sie im Film nicht wieder.

Jahre später wird Zampano durch eine Melodie an sie erinnert. Die wäscheaufhängende Frau, die sie singt, erzählt ihm von einer jungen Frau, die ihr vor fünf Jahren zugelaufen sei. Sie sei krank gewesen, hätte nicht geredet. Aber sie hätte eine Trompete gehabt, auf der sie immer gespielt hätte, immer die gleiche Melodie. Die hatte sich ihr eingebrannt. Zampano kennt diese Melodie nur zu gut. Sie war das Markenzeichen der Gelsomina. Und die Frau erzählt weiter, dass diese junge Frau eines Tages einfach nicht mehr aufgewacht sei.

 

Da wendet sich Zampano ab, er sagt nichts mehr. Er lässt die Frau stehen. Jetzt leidet er. Vielleicht hat er jetzt erst begriffen, dass er sie wohl geliebt hat.

 

Und der Film endet dann mit einem gebrochenen Zampano, mit einem heulenden Zampano.

 

Es ist eine große Geschichte. Die heutige Gauklerromantik, die so viele Menschen verführt, hat wohl viel mit der in dem Film zum Ausdruck kommenden Freiheit der Gaukler, aber weniger mit ihrer Brutalität zu tun.

 

Fellini verklärt hier nichts. Er inszeniert eine Geschichte, die tief in unserem Leben spielt. Der Film ist nicht sozialkritisch. Er hat das gar nicht nötig. Wenn man diese Neubaugebiete auf dem freien Feld mitten in Italien sieht, spürt man die sozialen Umbrüche, spürt das aus der Zeit gefallene dieses Gauklermilieus, das wohl in dieser Weise nicht mehr lange existieren kann. Doch das spielt alles keine Rolle. Niemand macht sich da Gedanken drüber.

 

Die Gaukler, die kleinen Zirkusse verdienen ihr Geld mit Akteuren wie Zampano oder Matto, die in ihrem Schlepptau eine Gelsomina mitführen. Sie ist eine schwachsinnige junge Frau, die die ganze Tiefe des menschlichen Lebens zur Sprache bringt. Sie macht das nicht als Rolle, sie kann nicht reflektieren. Sie ist einfach so.


Und wahrscheinlich ist das der Kunstgriff Fellinis, der im Kontrast zwischen dieser Gelsomina und ihrer Gauklerwelt und unserer so alltäglichen normalen Welt, zeigt, was wir auch sind. Fühlende, leidende und liebende Wesen, die versuchen irgendwie zu leben und über die Zeit zu kommen.

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